Zeitung Heute : Als der Präsident zwinkerte

Von Erfolgen und Herzlichkeiten: Wie der G-8-Gipfel von Evian zum deutsch-amerikanischen Versöhnungsgipfel stilisiert wird

Peter Siebenmorgen[Evian]

Natürlich kann auch dieser G-8-Gipfel gar nichts anderes als ein richtig toller Erfolg werden. Die Weltwirtschaft ist doch eigentlich ganz gut in Schuss, und Deutschland ist auf Wachstumskurs. Das jedenfalls verkündet am Sonntagnachmittag einer der Chefberater von Gerhard Schröder seinen staunenden Zuhörern, kurz bevor die Kanzlermaschine ihren Zielort Genf, den nächsten Flughafen auf dem Weg nach Evian, erreicht. Der Mann hat noch weitere frohe Botschaften auf Lager: Was andere, beispielsweise der Internationale Währungsfond, Deflationsgefahr nennen, ist ihm auf dem Flug zum Gipfel eine erfreulich niedrige Inflation. Jetzt müsse Deutschland nur noch seine Hausaufgaben machen, und schon steht einem neuen Wirtschaftswunder nichts im Weg.

Auch außenpolitisch ist alles ganz famos. Streit mit Amerika? Die schwelende Wunde Irak? Aber nicht doch: „Alle Signale, die wir aus Washington derzeit erhalten, sind positiv“, heißt es in der „Theodor Heuss“, dem Airbus der Bundesluftwaffe, mit dem der Kanzler zum Gipfel reist. Auch Amerika sei wieder an Kooperation mit dem eben noch als renitent gescholtenen Deutschland interessiert. „Allein schaffen die das nicht“ – auch nicht im Irak, wo deutsches Knowhow für den Aufbau demnächst herzlich nachgefragt werde. Nach der großen weltpolitischen Lagebesprechung im exklusiven Kreis der Staats- und Regierungschefs wird Bernd Mützelburg, der außenpolitische Berater des Bundeskanzlers, sogar sagen: Man dürfe „die Qualität der transatlantischen Beziehungen nicht auf den Irak-Streit reduzieren“, der im übrigen ja auch „kein Streit mehr sei“. Deutschland wolle sich jedenfalls aktiv am wirtschaftlichen Aufbau beteiligen, auch aus eigenem Interesse. Etwas später wird einer der mit nach Evian gereisten Kanzler-Berater das dann noch ein wenig näher erläutern: Militärisch müssten die Amerikaner schon selbst sehen, wie sie über die Runden kommen. Dass es aber keine wirtschaftliche Genesung geben könne ohne militärische Sicherheit, diese Nachfrage quittiert er nur mit einem süffisanten Lächeln. Die Polen immerhin hätten sich doch entschlossen, tapfer an der Seite Amerikas zu kämpfen, wendet ein anderer ein. Die werden schon sehen, was sie davon haben, sagt der Kanzler-Berater: „Die müssen erst mal auf die Fresse fliegen, bevor sie begreifen.“

So freundschaftlich also ist der Geist, aus dem das größere Europa und die neuen transatlantischen Beziehungen geschmiedet werden sollen. Aber gab es nicht doch auch Hoffnungsfrohes zu besichtigen? Zuletzt hatte es ja böse Worte gegeben: Bushs Sicherheitsberaterin Rice soll über die „Charaktermasken Schröder und Fischer“ gesagt haben, mit denen sei der amerikanische Präsident ein für alle Mal durch. Nein, wie beruhigend, ein Berater des Kanzlers kann das überhaupt nicht bestätigen. Alles sei auf gutem Weg.

Plötzlich klingelt das Handy

Weil Journalisten aber kritische Geister sind, glauben sie so etwas nicht ganz ohne weiteres. Welch ein Segen, dass es neue, richtig harte Evidenzen für das deutsch-amerikanisches Tauwetter gibt. Schon in St. Petersburg sollen sich Schröder und Bush die Hand gereicht haben, worüber der Kanzler beim Anflug auf Genf allerdings nicht sprechen mag. Jetzt, am Sonntagabend in Evian, ist es dann zweifellos geschehen: Der eine erhebt sich halb aus seinem Sessel, der andere reckt sich seinem Kollegen über einen Tisch so richtig entgegen. Und dann berühren sie sich in der Tat, die Schröder-Hand und die Bush-Hand. Eine Geste, die sich am nächsten Vormittag wiederholen sollte.

Nicht genug der freundlichen Annäherung. Frau Uschi Eid aus dem Entwicklungsministerium, weiß am Montagmorgen noch sehr viel mehr Ermutigendes vom vorangegangen Abend zu berichten: Wie da die Staatenlenker beim Abendessen (Gänsestopfleber, Geflügel mit Karotten, Dessert weiß sie nicht, weil sie so etwas Süßes nie isst) total entspannt beisammen waren, wie Schröder und Bush sich die ganze Zeit friedlich, ohne Schlägerei auf nur noch zwei Metern Distanz gegenüber saßen, und, man höre und staune, der amerikanische Präsident dem deutschen Kanzler sogar einmal eigenäugig zugezwinkert habe!

Am Montag dann der Gipfel aller Herzlichkeit: Vor der ersten Plenarsitzung stehen die Herren Staatenlenker auf der Terrasse des Hotel Royal nett beisammen, um auf die letzten Nachzügler zu warten. Plötzlich klingelt das Handy des Kanzlers, womit Doris Schröder-Köpf nun offenbar ganz energisch in die deutsch-amerikanische Wiederannäherung einzugreifen versucht. Sie ist jedenfalls in der Leitung, ihr Mann aber reicht das Telefon an den Gastgeber Chirac weiter, der gerade mit George Bush ein freundliches Schwätzchen hält. Was die Kanzlergattin von Chirac zu wissen begehrte, ist nicht überliefert, doch es muss sich um eine derart diskrete Angelegenheit handeln, dass sich Monsieur le Président für einige Momente zurückzieht. Wahrlich eine Meisterleistung des feinen diplomatischen Gespürs à la francaise. Denn jetzt kann Bush gar nicht anders, als ein, zwei Minuten mit Schröder Konversation und Haltung zu üben.

Chirac ist bei diesem Gipfel überhaupt ein Meister der kleinen diplomatischen Gesten und Gemeinheiten. Für die Sitzungen am Sonntagabend und Montagmorgen sind unterschiedliche Räume vorgesehen. Am Sonntag zuerst der kleine Affront: In der halbrunden Sitzordnung wird Bush am äußeren Ende platziert, nur Irak-Koalitionäre in der Nachbarschaft. Am Montag schließlich findet sich Bush mit schönster Selbstverständlichkeit an Chiracs besserer Seite wieder. Wenn dies keine positive Entwicklung ist.

Und nicht nur hier: Aus allen Ecken Aufbruch, Fortschritte wahrlich auf breitester Front. Bei der Begegnung der G-8-Führer mit afrikanischen Repräsentanten sei es derart herzlich zugegangen, dass man sich zum Abschied regelrecht in den Armen gelegen habe: „So, wie sich Fußballspieler nach einem tollen Spiel voneinander verabschieden“, kann Uschi Eid verkünden, wobei über ihrer Halbbrille die Augen lichterloh strahlen. Hierzu gibt es aus ihrer Sicht tatsächlich viele gute Gründe. Was hat man nicht alles für den afrikanischen Kontinent in die Wege geleitet: jede Menge Geld und Ausbildungsmaßnahmen für Friedenssoldaten stelle man nun zur Verfügung, und noch einmal sehr viel mehr für gesundheitspolitische Maßnahmen, ländliche Entwicklung und Agrarforschung.

Glücklicher Kanzler

Nicht minder frohgemut präsentieren die Kanzler-Helfer die konkreten Ergebnisse aus den Beratungen zu Sicherheitsfragen. So haben die Großen dieser Welt beschlossen, dass Terroristen fürderhin größere Schwierigkeiten gemacht werden sollen beim Erwerb von transportablen Luftabwehrraketen. Kanzler Schröder sei besonders glücklich darüber, dass man sich über ein „arbeitsteiliges Vorgehen“ beim Kampf gegen den internationalen Terrorismus verständigt habe.

Nur bei den für die nachhaltige Entwicklung in Afrika und überhaupt der Dritten Welt nicht ganz unerheblichen Handelsfragen habe es keine Einigung gegeben. Aber dies ist ja auch nicht der letzte Gipfel, im kommenden Jahr trifft man sich in Amerika, und bis dahin werde man den verflixten Handelsfragen doch noch irgendwie beikommen. In diesem Sinne gab es dann doch wenigstens einen sehr, sehr weit reichenden Beschluss: Man habe sich darauf geeinigt – feierlich wahrscheinlich –, sich verpflichtet zu fühlen, dass es da demnächst „einen Erfolg“ geben soll. Wenn das kein Ergebnis ist.

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