Zeitung Heute : Als die Bilder rechnen lernten

Auf der 53.Berlinale dreht er einen Film über die Straßenbahnlinie 53 und über Menschen, die 53 sind. Es geht um Zufall und Notwendigkeit. Dafür hat ihn Wim Wenders zu seinem Talent-Campus ausgewählt. Jetzt weiß Amir Amirani: Tramfahrer sind wichtiger als die Verrückten vom Film.

Kerstin Decker

Am Abend des dritten Drehtages weiß er plötzlich, wie sein Film anfangen muss. „Dennis Hopper fragt mich: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film über die 53 zu machen?“ Amir Amirani aus London weiß nicht mehr, was er geantwortet hat. Aber er hat Frage und Antwort gefilmt. Vor genau fünf Minuten, nach der ersten großen Session des Talent-Campus.

Der erste Campus-Tag hieß „Philosophy“, weil Wim Wenders mit Dennis Hopper über das Filmemachen sprach. Beide kamen zu dem Ergebnis, dass es vor allem Philosophie sei. Also eine besonders eigentümliche, besonders privilegierte Art der Wahrheitssuche. Amiranis Kameramann ist zufrieden: Kein Wort über Technik-Klimbim! – Kameramänner sind sonst die größten Enthusiasten des Technik-Klimbims, aber Ralph Kaechele aus Köln findet die Aussage „filmmaking is philosophy“ revolutionär. Er hat so etwas schon geahnt. Besonders seit er in Wolfgang Beckers „Good bye, Lenin“ die zweite Kamera hatte. Nur eine Neben-Unterkamera, ergänzt Kaechele und zieht die graue Wollmütze, die er nie absetzt, noch tiefer ins Gesicht.

Sie stehen zwischen lauter Monitoren im Haus der Kulturen der Welt, zwei „talents“ des ersten Talent-Campus der Berlinale, der 53er-Regisseur und sein 53er-Kameramann. Der Londoner, der eigentlich ein Iraner ist, und der Kölner aus Köln. Sie haben sich vorher noch nie gesehen. Und jetzt machen sie einen Film zusammen. Eine junge Frau bleibt stehen und fragt: You shot Dennis Hopper, how did you make it? – Plötzlich sind sie nur noch die, die Dennis Hopper (weiß viel über Zahlenmystik, also auch über die 53) gefilmt haben. Und Wim Wenders (war mal 53). Und Zhang Yimou (ist gerade 53). Amirani aus London und Kaechele aus Köln wissen wirklich nicht mehr genau, ob sie hier gerade einen Film machen, oder ob ihr Film etwas mit ihnen macht, das sie noch nicht ganz verstehen. Irritierende Erfahrung für zwei Profis. Und das sind sie doch alle hier: Profis. Trotzdem heißen Regisseure, Kameramänner, Drehbuchschreiber mit über zehn Berufsjahren für fünf Tage plötzlich wieder „talents“. Es klingt anerkennend und etwas kränkend zugleich. Kann man Mitte 30 sein und wieder ein Talent?

Als Amir Amirani zur Kurzfilm-Nacht in sein Londoner Kino ging, hatte er die Nachricht gelesen: „Junge Filmemacher willkommen zum ersten Talente-Campus auf der 53. Berlinale“ Am 24. Dezember bekamen Amir Amirani und 499 andere eine E-Mail aus Berlin. Er war angenommen, um Workshops und Diskussionen zu besuchen. Zwei Wochen später die nächste E-Mail: „Wer möchte einen Film drehen während der 53. Berlinale? Beste Ideen bitte an …“ Amir Amirani dachte nach. Beste Ideen waren seine Stärke. Er begann zu warten. Denn auf beste Ideen muss man warten können. Amirani schlief sogar am Tage, weil allerbeste Ideen nachweislich die Minuten des Aufwachens bevorzugen, und dann stand die 53 plötzlich vor ihm. Im Jahr der 53. Berlinale würde er einen Film über die 53 drehen. Über Menschen, die gerade 53 sind. Über einen 53-jährigen Regisseur. Über den Film, der 1953 den Goldenen Bären gewann. Über einen Straßenbahnfahrer der Linie 53. Und immer so weiter.

Ist doch alles nur Zufall, mag man sagen. Aber Amirani hat mal einen Film gesehen über Leute, die sich in einem New Yorker Tabakladen treffen. Mehr passierte eigentlich nicht. Es war „Smoke“ von Wayne Wang. Amirani verstand nicht, warum ihn dieser Film so berührt hat. Er geht nie in Tabakläden, er ist Nichtraucher. Ein Tabakladen oder die 53 – ist das nicht dasselbe? Der Iraner aus London glaubt an den Zufall in der Notwendigkeit. Er glaubt an die 53 in uns allen. Und er glaubt, dass jeder seine Geschichte hat. Wenders muss über das Verhältnis von Zufall und Notwendigkeit ungefähr genauso gedacht haben wie Amirani. Vier Filmprojekte wählte Wenders für den Talent-Campus aus 150 Drehbüchern. Amiranis war dabei.

Amirani und sein Team waren schon im Haus der Kulturen der Welt, bevor der Talent-Campus begonnen hatte. Dass es sich um ein magisches Haus handelte, begriff er sofort. Er zählte die ersten fünf Reihen ab, dann die ersten drei Sitze der fünften Reihe, und stand vor dem Platz – 53. Als „Easy Rider“ Dennis Hopper ihm später vor laufender Kamera alles über Zahlenmystik mitteilte, verstand Amirani sofort, was Hopper meinte. Und Wenders musste auf diesem Platz 53 erklären, wie das war, als er 53 wurde. Wenders sagte, sein 53. Jahr sei das beste gewesen, denn da habe er den „Buena Vista Social Club“ gedreht. Als die Campus-Workshops mit Titeln wie „Eine unvergessliche Affäre: Dein Agent und du“, „Wie werde ich Drehbuchautor in 90 Minuten?“, „Die Schöne und das Biest – die Rolle des Produzenten“ oder „Bankrott und Wiederauferstehung“ noch gar nicht begonnen hatten, drehten Amir Amirani und Ralph Kaechele schon oben auf der Terrasse ihre Schlussszene. Mit einem kleinen Mädchen, Luftballons und Publikum. Ein lakonisch-verklärtes Fiction-Ende für einen Dokumentarfilm. Amirani ist ohnehin gerade dabei, vom Dokumentarfilm zum Spielfilm zu wechseln. Zuletzt war er in London Regisseur einer TV-Seifenoper und davor hatte er Dokumentarfilme über Jimi Hendrix gedreht und über südafrikanische Musiker während der Apartheid. Aber nun will Amirani einen Spielfilm. Er schreibt ihn gerade. Ein Mann glaubt, dass er den falschen Beruf hat …

Hackescher Markt, morgens. Die Zeit, wo es noch kein verfehltes Leben und keine falschen Berufe gibt. Die meisten Teilnehmer des Campus schlafen noch, zwei der vier Filmteams gehen gerade ins Bett. Das sind die Nachtdreher. Die einen verfilmen eine Polizeikontrolle mit Folgen und die anderen ein Seil, das vom Himmel hängt. Wenn man an dem Seil zieht, wird es Tag. Zieht man nochmal, wird es Nacht. Macht genau einen Tag- und einen Nachtdreh. Aber was, wenn man einmal zu oft zieht? Bleibt es dann immer dunkel? Mit einer gewissen Beruhigung sehen Amirani und Kaechele es Tag werden. Sie warten auf die Linie 53. Die Fragen an den Fahrer sind notiert. Wie lange fahren Sie schon Straßenbahn? 18 Jahre, sagt der Straßenbahnfahrer. Er ist noch lange nicht 53. Amirani wird ihn nachher nur noch „Freddy, the tramdriver“ nennen. Und was wollten Sie als Kind werden? – Straßenbahnfahrer! - Und was möchten Sie sein, wenn Sie 53 sind? - Straßenbahnfahrer, sagt der Straßenbahnfahrer. Amirani sieht „Freddy, the tramdriver“ an, als suche er etwas in seinem Gesicht. Den Schlüssel zu so viel Einverständnis mit sich selbst. Früh am Morgen in Berlin jemanden treffen, der vollkommen eins ist mit sich! Amirani ist beeindruckt von der BVG. Er steigt in die „53“ und fährt gleich mit bis nach Pankow-Rosenthal. Am Nachmittag muss er wieder da sein, denn er ist verabredet mit dem 53. Talent des Campus. Er kennt das 53. Talent noch nicht, und auch Elizabeth Cortinas Hidalgo aus Gran Canaria hat keine Ahnung, warum sie gefilmt werden soll.

Jeder hat seine Geschichte, das hat Amirani immer geahnt, darum wollte er zum Film. Er könnte der Frau, die als 53. Talent registriert wurde, noch Tage zuhören. Wie Elizabeth Cortinas Hidalgo mit 17 Jahren allein, ohne Geld, nach Deutschland kam. Weil jemand, der auf einer Insel geboren ist, unbedingt mal nachsehen muss, ob da noch etwas ist hinter dem Meer. Amirani weiß auch schon alles über Elizabeths Großvater, den Kämpfer im spanischen Bürgerkrieg, über den sie einen Film drehen will. Ein ganz persönlicher Film soll es werden, aber nicht privat. Das ist der Unterschied. Auch Wenders macht diesen Unterschied.

Die Nachtfilmer haben es einfacher. Ihre Geschichte ist schon fertig: Ein englischer Polizist glaubt, einen arabischen Terroristen gefasst zu haben. Es ist eine Satire und „talent“ Martina Nagel ist froh, dass sie das nicht in England drehen muss. Zwar arbeitet sie seit neun Jahren für die BBC, aber in England sind Geschichten wie diese im Augenblick schwer vermittelbar. Passanten, die an der Philharmonie vorübergehen, sehen einen Mann und eine Frau bei minus sechs Grad auf dem Boden liegen. Scheinwerfer, Blaulicht. Martina Nagel liegt daneben mit der neuesten Super-Sony-Videokamera. „Ihr müsst die voll ausfahren“, hatte Wenders gesagt. Und das macht Martina Nagel jetzt. Manchmal stehen sie auf, dann liegen sie wieder auf dem eiskalten Asphalt. Morgens um sechs, wenn alle Berlinale-Partys längst zu Ende sind, ist der zweite Nachtdreh fertig. Jeder ahnt, dass die Menschen, die Filme machen, verrückt sein müssen.

„Im Zweifel aber“, sagt Amir Amirani, „ist Freddy, the tramdriver doch wichtiger als ich oder die anderen Verrückten vom Film. Weil er etwas Wirkliches macht.“ Dass sein Film genau fünf Minuten und 30 Sekunden lang werden wird, wusste Amir Amirani gleich. Schon wegen der Zahlenmystik. Aber wie sollen Zhang Yimou, Dennis Hopper, „Freddy, the tramdriver“ und alle anderen da unterkommen? Und der Sieger-Film von 1953, „Lohn der Angst“? Yves Montand sagt darin: Überall, wo die Amerikaner sind, ist Öl. Wenn Amirani jetzt irgendwo einem Seil begegnete, das vom Himmel hängt – er fände nichts Besonderes daran. Er würde sofort daran ziehen.

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