Zeitung Heute : Als die DDR West-Berlin überfallen wollte

Andreas Austilat

Der Angriff begann im Morgengrauen des 30. Juni 1986. Angetreten waren 35 000 Mann, unterstützt durch über 300 Panzer und 36 Jagdbomber vom Typ Mig 21. Das Unternehmen trug den Namen "Bordsteinkante 86", und das Ziel war ein wenig merkwürdig: Die Nationale Volksarmee der DDR machte sich bereit, Magdeburg zu erobern. Noch viel merkwürdiger aber war, dass sich die Elbestadt mitten im ostdeutschen Kernland in eine drei-Sektoren-Stadt verwandelt hatte, in der sich Amerikaner, Briten und Franzosen notdürftig zur Verteidigung einrichteten. Des Rätsels Lösung ist freilich simpel. Die fremden Truppen waren gar nicht echt und Magdeburg nur der Tarnname für eine Übung: Drei Jahre vor dem Mauerfall spielte die NVA die Eroberung West-Berlins durch.

Nur zur Erinnerung, West-Berlin war 1986 nicht mehr die gleiche Halbstadt wie etwa 1946. Sicher, die Teilung war inzwischen zementiert und die West-Alliierten garantierten mit ihrer Präsenz nach wie vor die Zugehörigkeit zum Westen. Aber eben diese Präsenz schien doch mehr symbolischer Art in einer Zeit, in der kaum noch jemand mit einem Krieg in Europa rechnete. Sie zeigte sich hauptsächlich in der Anwesenheit der Stadtkommandanten auf dem Presseball, sie zeigte sich auf den Rummelplätzen in Tegel und Zehlendorf, wenn Franzosen und Amerikaner zum Volksfest luden. Dass da ein paar Soldaten durch den Grunewald robbten oder in U-Bahnschächten Manöver abhielten - wer nicht neben einer Kaserne wohnte, kriegte es nicht mit. Berlin war nicht mehr der Brennpunkt des Kalten Krieges. Mit seinen Hausbesetzern und Kriegsdienstverweigerern war es längst die Hauptstadt der Alternativkultur. Und im Übrigen, seit 1985 war Gorbatschow Staats- und Parteichef in der Sowjetunion, sprach von Glasnost und Perestroika. Der Ost-West-Konflikt schien an Schärfe zu verlieren.

Operation Stoß

Die Pläne zur Eroberung West-Berlins wurden kurz vor der Wiedervereinigung vernichtet. Trotzdem wissen wir heute eine ganze Menge über dieses Manöver. Wir kennen seine Ausgangslage: Falls zum Beispiel der Nato-Partner Türkei Bulgarien angegriffen hätte, sollte West-Berlin gewissermaßen präventiv besetzt werden, bevor etwa Verstärkung aus Übersee eintreffen würde. Und wir kennen den Ablauf. Offiziere der Bundeswehr entdeckten nach dem 3. Oktober 1990 tausende Dokumente, Protokolle und Befehle. Daraus, sowie aus den Befragungen beteiligter Offiziere rekonstruierten Militärhistoriker die detaillierten Pläne für die "Operation Mitte", später auch als "Operation Stoß" oder "Operation Zentrum" bezeichnet. Weit weniger gut erforscht ist, ob denn die Alliierten tatsächlich Willens und in der Lage gewesen wären, Berlin um jeden Preis zu verteidigen.

Unter dem unscheinbaren Titel "Die Alliierten in Berlin" präsentieren am kommenden Montag im Berliner Alliierten-Museum die beiden Bundeswehroffiziere Friedrich Jeschonnek und Dieter Riedel, sowie der ehemals britische Offizier William Durie ein Buch (Berlin-Verlag Arno Spitz) über die Militärgeschichte der Garnison im Westteil der Stadt. In zwei Kapiteln stellen sie darin sowohl die Eroberungsszenarien durch die NVA als auch die Verteidigungspläne der Alliierten - so weit sie offen zugänglich sind - gegenüber. Nimmt man alle Quellen zusammen, erhält man ein ziemlich deutliches Bild jener schon damals absurd anmutenden Schlacht, von der wir aber heute wissen, dass sie zumindest als Gedankenspiel die Köpfe in den militärischen Stäben bewegte. Und wenn im Vergleich zur heutigen terroristischen Bedrohung die Lage in den Zeiten der Ost-West-Konfrontation mit ihren fest gefügten Blöcken als vergleichsweise stabil erachtet wird, dieses Szenario macht deutlich, wie gefährlich sie wirklich war, welch Glücksfall die friedliche Vereinigung Deutschlands darstellte.

Stellen wir also die Figuren auf dem Spielbrett der NVA auf: Die Planer rechneten mit 18 000 Gegnern, darunter 6000 Mann alliierte Kampftruppen, sonstiges bewaffnetes Personal und 6000 Bereitschaftspolizisten. 32 000 Mann wollten sie selbst einsetzen. Tatsächlich waren um Berlin erheblich mehr Soldaten stationiert, vor allem die der damals noch sowjetischen Streitkräfte. Aber die wären wohl im Ernstfall an der innerdeutschen Grenze zum Einsatz gekommen. Seit Beginn der 70er Jahre sahen die Pläne des Warschauer Paktes deshalb vor, dass die "Operation Mitte" vor allem eine Operation der DDR sein sollte. Zur selben Zeit, in der die Ost-Verträge eine Phase der Entspannung einleiteten, machten sich die NVA-Stäbe ans planerische Werk und entwarfen die blitzartige Eroberung West-Berlins. Blitzartig, denn jede Verzögerung hätte die ohnehin zu erwartende Eskalation durch massive Vergeltungsschläge seitens der Nato umso sicherer gemacht. An die Gruppierung Mitte erging also der Auftrag "Inbesitznahme der Stadt Westberlin durch einen Angriff von allen Seiten gleichzeitig innerhalb von 24 Stunden."

Der Häuserkampf wurde immer wieder trainiert, vor allem auf dem Truppenübungsplatz Lehnin. In der dortigen Anlage Scholzenslust hatte man eine Potemkinsche Kulisse eingerichtet, mit Airport, Bar, Kino, Hotel, Schule, einem Stück Kanal und zwei U-Bahneingängen. Und die Taktik übte man in Strausberg, an einem 12 mal 12 Meter großen Modell West-Berlins. Den Tag des Angiffs stellte man sich folgendermaßen vor:

Noch im Dunkel der Nacht gehen Fallschirmjäger des 1. Bataillons des Luftsturmregiments 40 "Willi Sänger" aus Lehnin - Säger war ein Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime - an Bord ihrer Hubschrauber und machen sich auf den Weg. Gleichzeitig attackieren die Maschinen des Jagdbombergeschwaders 8 die Gefechtsstände der drei Alliierten Brigaden. Der Luftangriff dauert neun Minuten. Schwere Geschütze beginnen mit ihrem Beschuss. Wer beispielsweise in der Nähe des Dahlemer Hüttenwegs wohnt oder in Lichterfelde US-Kasernen in der Nachbarschaft hat, der hört die Einschläge der Granaten in unmittelbarer Nähe. Elf Minuten lang ist die erste Serie der Detonationen. Nach kurzer Pause folgt eine zweite von acht und eine dritte von 16 Minuten. Nicht anders ist es in Tegel, in Spandau, in Gatow, überall dort, wo in alliierten Kasernen schweres Gerät gelagert wird. Aber es blieb nicht lange ruhig, zwei Kompanien des Luftsturmregiments "Willi Sänger" landen in Tegel, eine in Tempelhof, besetzen die Flugplätze und igeln sich dort ein. Zur selben Zeit durchbrechen Soldaten des 2. Sturmpionierbataillons der NVA die Mauer an 59 Stellen, die Mauersegmente stürzen in Angriffsrichtung um.

In West-Berlin versuchen wahrscheinlich etliche der zwei Millionen Einwohner einen der rund 25 000 Schutzraumplätze zu ergattern. Noch vergrößert werden könnte das Chaos durch erste Aktivitäten vorher eingeschleuster Agenten des MfS, des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, die nun jeden, der auf ihrer Liste als Führungspersönlichkeit identifiziert ist, aufspüren, verhaften oder irgendwie aus dem Verkehr ziehen, darunter Spitzenpolitiker, leitende Beamte, Geheimnisträger aus Wirtschaft und Wissenschaft, Journalisten.

Wer auf dem Weg zum Autobahnübergang Dreilinden ist, jener Strecke, auf der im Sommer heute noch die Autokolonnen während der großen Ferien in den Urlaub fahren, dem kommen jetzt auf allen Spuren die Panzer der NVA entgegen. Deren Auftrag: so schnell wie möglich auf der Avus zum Messegelände vorstoßen und die Kaiserdammbrücke besetzen. Nicht viel anders sieht es am Grenzübergang nach Hamburg aus, dort rückt das 3. Motorisierte Schützenregiment auf der Heerstraße vor, flankiert von einem Grenzregiment, das Kladow und den Flugplatz Gatow einnehmen soll. Das zweite Schützenregiment fährt über die Stadtautobahn zum Autobahnkreuz Schöneberg, Ziel: der Rias und das Rathaus. Weitere Truppen kommen mit Sturmbooten über die Glienicker Lake. Sie überqueren im Süden den Teltowkanal, rücken von Norden durch Reinickendorf und aus Pankow kommend auf die Franzosen in Tegel vor. Links und rechts vom Brandenburger Tor bricht die 6. selbstständige Motorisierte Schützenbrigade der sowjetischen Streitkräfte durch die Mauer. Auf der Straße des 17. Juni, auf der sich zehn Jahre später die Raver der Love Parade versammeln, sollen die Sowjets so schnell wie möglich zur Kaiserdammbrücke vordringen.

Schlüsselstellung am Kaiserdamm

Am Kaiserdamm werden die Anwohner Augenzeugen, wie sich die Angreifer aus allen Himmesrichtungen vereinen. Die Autobahnbrücke gilt als Schlüsselposition. Ist sie erst einmal genommen, sind die West-Alliierten in ihren Sektoren isoliert. Mit so genannten Agitationsgranaten werden Flugblätter über der Stadt verteilt. Man will Franzosen und Briten überzeugen, dass es sich nicht lohne für fremde Interessen zu sterben und die Amerikaner daran erinnern, dass sie noch nie gegen sozialistische Streitkräfte Erfolg gehabt hätten. Die Berliner werden zum Widerstand gegen die Verteidigungsmaßnahmen der Westalliierten aufgerufen.

Bis zum Tagesende soll das Stadtgebiet West-Berlins besetzt, die Einrichtungen der Alliierten zumindest blockiert sein. Gesichert werden eine Reihe von wichtigen Objekten, so die Horchanlage auf dem Teufelsberg, der Forschungsreaktor des Hahn-Meitner-Instituts, die Sendeanlagen von ZDF, SFB und Rias, aber auch das Ägyptische Museum mit der weltberühmten Nofretete, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Schloss Bellevue, Schloss Charlottenburg, die Staatsbibliothek, die Nationalgalerie und das Antikenmuseum. Diese Beute darf nicht beschädigt werden. Das Ministerium für Staatssicherheit machte sich ebenfalls an die Arbeit. 12 Kreisdienststellen galt es in den Westbezirken einzurichten, 604 hauptamtliche Mitarbeiter waren dafür eingeplant, von den 80 Planstellen der Führungsgruppe hatte man 60 schon besetzt.

So weit der Plan der NVA vom Kampf mit einem fiktiven Gegner. Was aber hätten die Alliierten unternommen? Hätten sie es für Berlin auf den ganz großen Konflikt ankommen lassen? Zur Bewältigung von Berlin-Krisen war schon 1959 der Stab "Live Oak" gegründet worden, dem erst nur die drei West-Alliierten, später auch deutsche Verbindungsstellen angehörten. Live Oak hatte einen differenzierten Katalog von Reaktionen vorbereitet, die vom Begleitschutz für Lufttransporte ins blockierte Berlin, bis zum Angriff auf Thüringen reichten. Ausgeschlossen war der Einsatz von Nuklearwaffen. Etwa auf die atomare Artillerie wollte man erst zurückgreifen, wenn die Berlin-Krise als Nato-Verteidigungsfall gegolten hätte, ein Fall, der mit der NVA am Kaiserdamm mit Sicherheit eingetreten wäre. Und auch die Garnison hätte es nicht bei einem symbolischen Widerstand belassen. Die geheimen Pläne zur Verteidigung Berlins wurden immer wieder überarbeitet und 1982 unter dem Codewort Epic Eagle endgültig gebilligt. Danach hätte man sich die Verteidigung folgendermaßen vorzustellen:

In Spandau stößt die NVA nur auf hinhaltenden Widerstand so genannter Guard Forces. Weil man die eigenen Kräfte für eine flächendeckende Verteidigung für zu schwach hielt, beabsichtigten die Alliierten einen inneren Ring zu bilden. Die Briten räumen also den Flugplatz Gatow und ziehen sich aus Spandau zurück. Denn der Angriff trifft die Alliierten keineswegs unvorbereitet. Aus aufgefangenen Funksprüchen des Horchpostens auf dem Teufelsberg, aus Beobachtungen der ständig in und um Berlin patrouillierenden Streifen, hatte man die Vorbereitungen bemerkt. Falls die Brücken schon zerstört sind, setzen die Briten mit Booten über auf die andere Havelseite. Man hat das Manöver jedes Jahr geübt.

Drüben graben sie sich am Ufer ein, im Norden, Richtung Tegeler See, halten sie Kontakt mit den Franzosen, im Süden mit den Amerikanern. Die haben gleichfalls unter hinhaltendem Widerstand Tempelhof und Neukölln bis zum Teltowkanal geräumt, die Übergänge zerstört. Berliner Bereitschaftspolizei wird angewiesen, alle wichtigen Objekte in der inneren Zone zu schützen, im wesentlichen wohl die gleiche Liste, nach der auch das MfS arbeitet. US-Truppen beziehen Stellung links und rechts der Avus, ihre Hauptkampflinie reicht vom Grunewald am S-Bahndamm entlang, lehnt sich an den Teltowkanal und den Landwehrkanal an. Die Briten verteidigen den Tiergarten, denn auch die Alliierten halten die Kaiserdamm-Brücke für die Schlüsselstellung. Der Alliierte Stab richtet sich im Britischen Hauptquartier am Olympiastadion ein, das Kommando führt ein Amerikaner. Im Norden gehen die Franzosen zurück hinter den Tegeler See und Stellungen am Volkspark Rehberge. Der Flughafen Tegel soll auf jeden Fall gehalten werden, ein Panzerzug steht in ständiger Bereitschaft, etwaige Kommandounternehmen zurückzuschlagen. Diesen verbliebenen Raum beabsichtigen die Alliierten möglichst zehn Tage zu halten. Die 89 Panzer, die sie zur Verfügung haben, spielen nur eine untergeordnete Rolle. Es ist ein Krieg, der sich in Hinterhöfen, auf Dächern, in der Kanalisation und in der U-Bahn abspielt.

Letzte Bastion Olympiastadion

Als letzte Bastion, die so lange wie möglich weiter verteidigt werden soll, ist ein innerer Ring vom Olympiastadion bis zu den Kaiserdammbrücken vorgesehen. Mindestens acht weitere Tage glaubt man hier durchhalten zu können. Ist auch diese Stellung verloren, wird der Kampf immer noch nicht eingestellt. Insbesondere die amerikanischen Special Forces, von denen bis zu 78 Mann in der Stadt stationiert sind, haben den Auftrag, ihn notfalls im Untergrund fortzusetzen - was durchaus wörtlich gemeint sein kann - und dabei deutsche Partisanen anzuleiten. Gut möglich, dass die Special Forces dort auf ihre Gegner treffen. Auch die haben den Krieg in der Kanalisation geübt, auch sie wollen sich dabei von West-Berliner Lotsen leiten lassen, die am Tag x auf ihre Seite treten sollen.

Über Verluste unter der Zivilbevölkerung liest man in den Manöverplänen nichts, sie werden wohl beträchtlich sein. Trotzdem gehen die Alliierten davon aus, dass die Bevölkerung diesen Kampf mitträgt. Die Angreifer rechnen dagegen damit, dass sich die Berliner auf ihre Seite schlagen und von den Passierscheinen Gebrauch machen, die in großer Zahl über der Stadt verteilt werden.

Übrigens verlief das Manöver "Bordsteinkante 86" nicht wie oben skizziert, die angreifenden Truppen waren zu knapp kalkuliert. Der Militärhistoriker Otto Wenzel schreibt: "Infolge ungenügender Kräftekonzentrierung ist es am 1. Operationstag nicht gelungen, Voraustruppenteile mit der Luftlandeeinheit zu vereinen". Die Befehlshaber ordneten daraufhin verstärktes Artilleriefeuer und weitere Luftangriffe an. Statt des beabsichtigten schnellen Vorstoßes, gerät das Gefecht schon am ersten Tag zum schweren Geballer, in dem die Stadt in Trümmer geht.

"Bordsteinkante 86" wurde ein Jahr später in ähnlicher Form wiederholt. Im gleichen Jahr traten übrigens in Ost-Berlin auch Bob Dylan und Carlos Santana auf, am Brandenburger Tor trieben an Pfingsten Ost-Berliner Volkspolizisten 4000 jugendliche Demonstranten auseinander, die versuchen ein Konzert auf der West-Seite zu hören.

Ein letztes Mal übte die NVA die Eroberung West-Berlins vom 6. bis zum 8. September 1988. Nicht beteiligt war nach eigener Aussage Manfred S., Major des MfS. Was ein wenig überrascht, immerhin wird der Mann, der in der Kreisdienststelle Berlin für Wirtschaftsfragen zuständig war, in vorliegenden Dokumenten als stellvertretender Kreisdienststellenleiter für Charlottenburg ausgewiesen. Auch davon habe er nichts gewusst, sagt er am Telefon. Weshalb er demnach vollkommen unvorbereitet auf seinen Posten gekommen wäre. Wie er dann seine Aufgabe hätte erfüllen sollen, wollen wir wissen. "Ach wissen Sie", sagt S., "wenn es wirklich dazu gekommen wäre, viel wäre da ja nicht mehr zu verwalten gewesen".

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