Zeitung Heute : Als die SPD in Afrika die Wahl verlor

Das Szenario kommt einem bekannt vor: Gestritten wurde um die Kosten eines fernen Krieges und darum, ob die Truppen bleiben oder nicht. Wie 1907 in Deutschland die Patriotismus-Debatte geführt wurde.

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Von Ursula Trüper Es war ein mutiger Schritt. Über 100 Jahre lag der blutige Kolonialkrieg zurück, und doch war Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul die erste deutsche Regierungsvertreterin, die die Nachkommen der Opfer um Vergebung bat. „Die damaligen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde“, erklärte sie vor drei Jahren in Namibia. „Ich gedenke mit Hochachtung Ihrer Vorfahren, die im Kampf gegen ihre deutschen Unterdrücker gestorben sind.“ Offene Worte, die längst fällig gewesen waren.

Bei dieser Gelegenheit konnte es die Ministerin allerdings nicht unterlassen, ein wenig Reklame für ihre Partei zu machen. Auch vor 100 Jahren habe es in Deutschland Gegner des Unterdrückungskriegs gegeben, einer von ihnen sei der SPD-Parteivorsitzende August Bebel gewesen: „Er hat die Unterdrückung der Herero im Deutschen Reichstag auf das schärfste kritisiert und ihren Aufstand als gerechten Befreiungskampf gewürdigt.“

Doch mit diesen Worten traf die Ministerin nicht die ganze Wahrheit. Denn zu Beginn des 20. Jahrhunderts war August Bebel keineswegs der prinzipientreue Kolonialgegner, als den ihn Wieczorek-Zeul gerne sehen würde. Vielmehr vertrat die SPD höchst widersprüchliche Positionen zur „kolonialen Frage“. Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Reichstagswahl von 1907, die später als „Hottentottenwahl“ in die Geschichte eingehen sollte – und deren bestimmende Themen an aktuelle politische Debatten erinnern: Es ging um Kriegskredite und Truppenabzug, um die Frage, wie stark ein Krieg in einem Wahlkampf instrumentalisiert werden darf und ob man seine eigene Vorstellung von Zivilisation anderen aufzwingen kann.

Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow, der sich damals auf eine Mehrheit aus Konservativen und der Zentrumspartei stützte, forderte im Dezember 1906 vom Reichstag die Bewilligung von 29 Millionen Mark: Geld für einen Krieg in der 11 000 Kilometer entfernten Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Im Januar 1904 hatten sich dort die ursprünglichen Bewohner dieser Region, die Herero und Nama, gegen die deutsche Kolonialmacht erhoben, nachdem sie durch weiße Händler und Siedler immer mehr aus ihrem Lebensraum verdrängt worden waren. Die Herero wurden bereits im Oktober 1904 blutig niedergeschlagen, viele verdursteten in der Wüste, die die deutschen Truppen abgeriegelt hatten.

Doch dann erhoben sich die Nama, von den Weißen abschätzig „Hottentotten“ genannt. Sie lieferten den Kolonialtruppen einen insgesamt vier Jahre dauernden Guerillakrieg. Eine militärische Blamage für die Deutschen: Mehr als 10 000 deutsche Soldaten waren schließlich nötig, um einige hundert Nama-Krieger in Schach zu halten. 1750 Soldaten und Siedler kamen in den Kämpfen um oder starben an Krankheiten. Der Herero-Chief Michael Tjiseseta hatte erklärt: „Mit Frauen und Kindern führe ich keinen Krieg, nur mit Männern!“ Während des ganzen vierjährigen Krieges wurden insgesamt vier weiße Frauen und ein Kind von afrikanischen Kriegern getötet.

Die deutschen Kolonialtruppen kannten derartige Skrupel nicht. Man betrachtete den Kolonialkrieg als „Rassenkampf“, der nur durch die völlige „Vernichtung“ der Afrikaner, auch der Frauen und Kinder, beendet werden könne. Traurige Berühmtheit hat die Devise des Generalleutnants Lothar von Trotha erlangt: „Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und Strömen von Geld.“ Historiker gehen davon aus, dass von etwa 80 000 Herero ungefähr 15 000 und von etwa 20 000 Nama etwa 10 000 diesen Krieg überlebten.

Im fernen Deutschland bekam man von der Realität dieses schmutzigen Krieges allerdings nur wenig mit. Stattdessen wurden von amtlichen deutschen Stellen gezielt Gräuelgeschichten über die kämpfenden Afrikaner in der Presse lanciert. Immer wieder wurden beispielsweise Nachrichten über die viehische Abschlachtung oder die Vergewaltigung weißer Frauen in Umlauf gebracht.

Wie derartige Nachrichten entstanden, zeigt ein Telegrammwechsel zwischen dem Gouverneur von Südwestafrika, Theodor Leutwein, und der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes. Leutwein erwähnte in einem Bericht nach Berlin vom Frühjahr 1904 unter anderem, es seien weiße Frauen „misshandelt“ worden. Daraufhin kam prompt die Rückfrage, ob „unter Misshandeln weißer Frauen notzüchtigen zu verstehen“ sei. Leutwein, der wusste, was man in Berlin hören wollte, antwortete: „Wahrscheinlich Notzucht. Fehlt jedoch Beweis, da Frauen nicht zugestehen.“

Vergeblich versuchten Einzelne, gegen diese Propaganda anzuschreiben. „Was die Frauen anbelangt, die man hier als abgeschlachtet, den Bauch aufgeschnitten bezeichnete, so hat sich das als unrichtig erwiesen“, schrieb etwa der Missionar Jakob Ihrle in einer kirchlichen Zeitschrift. „Sowohl die Frau Pilet und ihre Schwester auf Frauenstein, Frau Külbel mit ihren Kindern auf Oriambo, Frau Lange mit ihrer Schwester auf Klein-Barmen, Frau Bremen mit ihren fünf Kindern auf Otjonjati, Frau Kronewitter auf Otjimbingue, die alle hingeschlachtet sein sollen, leben noch.“ Doch derartige Berichte waren die Ausnahme. Vorherrschend waren reißerische Zeitungsartikel, die beweisen sollten, dass man es hier nicht mit einem ehrlich kämpfenden Gegner, sondern mit „schwarzen Bestien“ zu tun hatte.

Doch trotz aller Desinformation drangen immer wieder Nachrichten von den Übergriffen der Kolonialtruppen nach Deutschland. Zudem wurde der Krieg teurer und teurer. Der Reichstag konnte im Kaiserreich über den Haushalt mitentscheiden – daher musste die Regierung die zusätzliche Bewilligung von 29 Millionen Mark beantragen. Mit der Summe sollten die Kolonialtruppen in DeutschSüdwestafrika unterstützt und eine Eisenbahn gebaut werden, die ebenfalls militärischen Zwecken dienen sollte. Unter den Abgeordneten regte sich Widerstand. Doch die Regierung war zu Kompromissen nicht bereit und machte ihren Antrag zur Vertrauensfrage. Daraufhin lehnten SPD und Zentrum, die beiden stärksten Parteien im Reichstag, den Nachtragshaushalt mit 127 gegen 110 Stimmen ab.

Reichskanzler von Bülow blieb nichts anderes übrig, als den Reichstag aufzulösen und Neuwahlen für den 25. Januar 1907 anzusetzen.

In dem kurzen Wahlkampf wurde die Kolonialfrage zum zentralen Thema. Reichskanzler von Bülow versprach sich von der Wahl eine Klärung der Fronten: Er wünschte sich eine stabile Reichstagsmehrheit, um die Kolonialpolitik in seinem Sinne fortzusetzen. Bülow konnte dabei nicht nur auf die Unterstützung der Rüstungs- und Schwerindustrie zählen, sondern auch auf mehrere nationalistische Organisationen, deren aktivste der „Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie“ war. In einem offenen Brief an den Vorsitzenden dieses Verbandes erläuterte er die Stoßrichtung des Wahlkampfes. Zwar sei das Stimmverhalten von beiden Parteien, Zentrum und SPD, „ein Schlag“ gegen die „nationale Würde“ gewesen. Der Hauptfeind jedoch sei die SPD und ihre „sozialistische Unterwühlung der Begriffe von Obrigkeit, Eigentum, Religion und Vaterland.“

Derartige Vorwürfe trafen so manchen SPD-Funktionär bis ins Mark. Nach den Jahren der Illegalität während der Sozialistengesetze von 1878 bis 1890 herrschte bei den Sozialdemokraten eine große Sehnsucht nach Respektabilität, man wollte dazugehören. Dies zeigt sich nicht zuletzt in ihrer Haltung zum Kolonialismus: Noch 1888 hatte August Bebel öffentlich im Reichstag seine Sympathie mit den Aufständischen in der anderen großen deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, bekundet und nachdrücklich deren Recht auf Widerstand anerkannt, weil diese dort „ihr Vaterland gegen fremde Eindringlinge verteidigen.“ Damals weigerten sich die sozialdemokratischen Abgeordneten prinzipiell, der Regierung Geld zu bewilligen – ganz egal, für welche kolonialen Unternehmungen es bestimmt war.

Doch schon 1904, als es um Geld für die Kolonialtruppen in Südwestafrika ging, waren die Sozialdemokraten nicht mehr so prinzipientreu. Zwar bekräftigte August Bebel auch damals das Recht der Herero, „ihre Heimat, das Land, das ihnen seit Jahrhunderten gehört“, zu verteidigen. Doch von einer grundsätzlichen Ablehnung des Kolonialismus war keine Rede mehr. Nicht die „Kolonisation an sich“ sei das Problem, sondern die „Art, wie kolonisiert wird.“ Damals lehnte die SPD erstmalig eine koloniale Maßnahme im Reichstag nicht ab, sondern enthielt sich der Stimme.

Ein neuer Kurs, der für viele Parteimitglieder unverständlich war und für den die Reichstagsfraktion Kritik von der Basis erntete. „Wir Sozialdemokraten sind selbstverständlich Gegner einer ausbeuterischen Kolonialpolitik“, erläuterte der Abgeordnete Georg Ledebour. „Aber nachdem das Deutsche Reich einmal diese Gebiete in Besitz genommen hat, hat es auch gewisse Pflichten übernommen. Die Regierung hat die Pflicht, das Leben der Ansiedler zu retten, deshalb haben wir, als die Regierung die Mittel dazu verlangte, nicht mit Nein gestimmt, sondern uns der Stimme enthalten.“

Zwei Jahre später, kurz vor der folgenreichen Ablehnung des Nachtragshaushaltes, versuchte August Bebel sogar, dem Kolonialismus positive Seiten abzugewinnen. „Meine Herren, dass Kolonialpolitik betrieben wird, ist an und für sich kein Verbrechen“, sagte er im Dezember 1906 in einer Reichstagsdebatte. Denn Kolonialpolitik könne sogar „eine Kulturtat sein“, wenn sie nur richtig betrieben werde. „Kommen die Vertreter kultivierter und zivilisierter Völkerschaften zu fremden Völkern als Befreier, als Freunde und Bildner, als Helfer in der Not, um ihnen die Errungenschaften der Kultur und Zivilisation zu überbringen, um sie zu Kulturmenschen zu erziehen, dann sind wir Sozialdemokraten die Ersten, die eine solche Kolonisation als große Kulturmission zu unterstützen bereit sind.“ Und das Reichtagsprotokoll vermerkt: „Sehr richtig! (bei den Sozialdemokraten).“

Auf Bülows Wahlkampfattacken reagierte man in SPD-Kreisen zunächst gelassen, schließlich hatten die Sozialdemokraten seit der Aufhebung der Sozialistengesetze mit jeder Wahl neue Stimmen dazugewonnen, sie waren die zweitstärkste Fraktion im Reichstag. Die Wahlbeteiligung war hoch, fast 85 Prozent der Wahlberechtigten gingen zur Urne – 1903 waren es nur 76 Prozent gewesen. Doch dann kam das böse Erwachen: Die erhöhte Wahlbeteiligung war vor allem den Konservativen zugute gekommen. Obwohl die SPD fast 250 000 Stimmen hinzugewonnen hatte und prozentual bei weitem die stärkste Partei war, sank ihr Stimmenanteil von 32 auf 29 Prozent. Das völlig überholte Mehrheitswahlsystem und Wahlabsprachen der konservativen Parteien führten dazu, dass sie statt 81 nur noch 43 Mandate innehatte.

Im Reichstag kam eine Mehrheit aus Kolonialbefürwortern zustande, der sogenannte BülowBlock, der umgehend die geforderten Mittel für den Kolonialkrieg billigte. Im März 1907 erklärte die deutsche Regierung, dass der 600 Millionen Mark teure Krieg in Südwestafrika beendet sei. Allerdings gelang es erst, die letzte Nama-Einheit zu befrieden, indem die kaiserliche Regierung dem Nama-Chief Simon Kopper ab 1908 heimlich eine jährliche Pension auszahlte.

In der SPD brach nach der Niederlage Katzenjammer aus. Man fragte sich, ob die Hetze der Kolonialbefürworter nicht doch Wirkung gezeigt hatte. Viele Sozialdemokraten fühlten sich zu Unrecht an den Pranger gestellt für eine Position, die sie in dieser Prinzipienfestigkeit schon lange nicht mehr vertraten. „Die Nervosität unserer Presse gegenüber den ‚Verleumdungen‘ unserer Gegner wirkt auf mich genauso deprimierend, wie auf Dich“, schrieb die Parteilinke Rosa Luxemburg genervt an ihre Freundin Clara Zetkin. „Es ist ein Symptom lächerlicher, greisenhafter Empfindlichkeit, die mit innerer Unsicherheit und geistigem Parvenütum zusammenhängt.“

Wenige Jahre später gelang es der SPD, die Scharte von 1907 wieder auszuwetzen. Bei der Wahl von 1912 wurde sie die stärkste Fraktion im Reichstag. Doch ihre damalige Niederlage und den Vorwurf, sie seien „vaterlandslose Gesellen“ konnten viele SPD-Abgeordnete nicht vergessen. Als dann 1914, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, die Entscheidung für oder gegen die Kriegskredite anstand, wagten es die meisten nicht, gegen den patriotischen Mainstream anzustimmen.

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