Zeitung Heute : Als die Welt noch Kohl war

Roland Schulz

Bilder auf der Deutschen Festplatte - zum Löschen freigegebenRoland Schulz

Zu den bisher ungelösten Fragen der CDU-Spendenaffäre gehört, wie viel Platz Helmut Kohl eigentlich in den Erinnerungen der Deutschen belegt hat. Ein paar Gehirnzellen? 41 Millionen? Gar noch mehr? Man weiß es nicht. Und das ist gut so. Denn in diesen Tagen löscht eine Nation gerade in ihrem kollektiven Gedächtnis herum, und entfernt werden Bilder. Bilder von Helmut Kohl. Die Bilder, die über 30 Jahre Politiker Kohl und 16 Jahre Kanzler Kohl in die Erinnerung gestanzt hatten.

Jeder hat diese Bilder. Bis heute gehörten sie dazu wie "Tempo 50"-Schilder zu geschlossenen Ortschaften. Kohl in Oggersheim, Kohl im Bundestag, Kohl am Wolfgangsee. Kohl mit Hornbrille, Kohl mit Stahlbrille, Kohl ohne Brille. Kohl mit Frau, Kohl mit Bush, Kohl mit Jelzin, Kohl mit Strickjacke. Kohl, Kohl, Kohl. Das Gehirn jedes Deutschen war so satt mit Kohl gestopft; da war es verwunderlich, dass es noch Menschen gab, die Kohlroulade aßen. Das ändert sich jetzt.

Das Bildnis Kohl wandelt sich, und nirgends ist diese Wandlung so gut zu sehen wie in der Bildauswahl der Medien. Früher, als die Welt noch Kohl war, da druckten die Zeitungen und Zeitschriften nur Fotos des Giganten Kohl, der massig im Bundestag saß oder massig winkte oder massig Hände schüttelte. Hätten die Redaktionen damals statt eines Fotos Kohls stets das Foto eines Mammuts gedruckt - der Eindruck wäre gleich geblieben. Und an manchen Tagen, man war vielleicht ein wenig spitzbübisch gelaunt, druckte man ein Foto Kohls, der gegen einen Fußball tritt oder einem Eierwerfer an die Gurgel geht. Es gab kein Entkommen. Selbst in den Gehirnen der Fotografen schien das fertige Bild Kohls so präsent zu sein, dass sie nur mehr Elefanten-Fotos machen konnten.

Heute dagegen sind diese Bilder verschwunden, gelöscht. Das Mammut ist ausgestorben. Statt dessen gibt es Fotos, auf denen Kohl aus den Tiefen eines Autos taucht, die Entrüstung hat tiefe Furchen in seine Stirn gepflügt, seine Mundwinkel zeigen zu Boden, er schießt seinen Blick in das Objektiv des Fotografen. Es sind Fotos, aus denen seine ganze Fassungslosigkeit springt. Die Fassungslosigkeit, auch die Wut, nicht mehr als Fels zu gelten.

Was jetzt in der Erinnerung bleiben wird, sind ein Bild und ein Psalm. Das Bild Kohls, wie er nach seiner Rede in der Hamburger Handelskammer ("Ich kämpfe um meine Ehre") an der deutschen Fahne vorbei geht, gesenkten Hauptes. Und dazu Psalm 22, der dieses Bild besser beschreibt als jeder andere Text: "Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch / der Leute Spott, vom Volk verachtet. Alle, die mich sehen, verlachen mich,verziehen die Lippen, schütteln den Kopf", schreibt der Psalmist. "Ich bin hingeschüttet wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder. ( ...) Man kann all meine Knochen zählen; / sie gaffen und weiden sich an mir. Sie verteilen unter sich meine Kleider / und werfen das Los um mein Gewand." Das wird bleiben.

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