Zeitung Heute : Als Erster qualifiziert

Joachim Löw ist Klinsmanns logischer Nachfolger – doch zum Erfolg wird er neue Ideen brauchen

Mathias Klappenbach

Neuer Fußball-Bundestrainer wird Joachim Löw. Wie geht es jetzt mit dem von Jürgen Klinsmann eingeleiteten Reformkurs bei der Nationalmannschaft weiter?


Der Bundestrainer Jürgen Klinsmann musste vor zwei Jahren lange und verzweifelt gesucht werden – von der inzwischen legendären TFK, der Trainerfindungskommission des Deutschen Fußball-Bundes. Die Wirren dieser Suche haben damals vor allem eines gezeigt: Es gab kein Konzept dafür, was der deutsche Fußball sollte und wollte. Gestern nun gab es einen reibungslosen Übergang von Klinsmann zu seinem logischen Nachfolger Joachim Löw, der für die von Klinsmann eingeführten Reformen genauso steht wie Klinsmann selbst.

Und alle anderen beim DFB waren sich einig, dass die begonnene Arbeit auch ohne den Frontmann Klinsmann weitergehen kann. „Wir haben ein gewisses Gerüst aufgebaut, das auch ohne Jürgen Klinsmann funktioniert und funktionieren muss“, sagt Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft. Zu diesem Gerüst gehören die amerikanischen Fitnesstrainer um Mark Verstegen, der Sportpsychologe Hans-Dieter Herrmann und der Analytiker und Scout Urs Siegenthaler, dessen moderne Methoden der neue Bundestrainer Löw gestern bei seiner Vorstellung mehrfach hervorhob.

Noch wichtiger als die professionelle Spezialisierung in wichtigen Bereichen und die Kontinuität bei den handelnden Personen ist allerdings das neue Denken, das mit Klinsmann kam. „Wir wollen eine Mannschaft aufbauen, die die Fans mit ihrem Spiel begeistert – auch bei Niederlagen“, sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger gestern bei der Vorstellung Löws. Mit einer solchen Äußerung hätte Zwanziger vor zwei Jahren noch große Probleme bekommen. Sie steht für den richtigen Ansatz, der aber so nicht durchzuhalten sein wird. Denn nach der WM ist vor dem Alltag. Und der heißt nicht zaubern und verlieren, sondern Qualifikation für die EM 2008, die ohne Niederlagen überstanden werden muss, um das gestern neu ausgegebene Ziel Europameister überhaupt erreichen zu können.

Schon die Qualifikation für die EM ist ein anderes Projekt, als es der vierwöchige Höhepunkt WM 2006 im eigenen Land war. „Der Spielstil der Mannschaft ist noch nicht so gefestigt“, hat Joachim Löw während des Turniers gesagt und damit schon seine erste Aufgabe als Bundestrainer formuliert. Zeit hat er dafür eigentlich keine. Fünf Tage nach dem Start der Bundesligasaison am 11. August steht das erste Testspiel gegen Schweden an, zwei Wochen später startet die DFB-Elf in die EM-Qualifikation gegen Irland. Mit Nationalspielern, die nach ihrem Urlaub keine Saisonvorbereitung wie in anderen Jahren absolviert haben. „Es ist wichtig, die jungen Spieler nicht in ein Loch fallen zu lassen“, sagt Löw. Beim Confed-Cup im Sommer 2005 habe man gesehen, dass es nicht immer einfach sei, nach einem großen Turnier wieder gut in die Saison zu starten.

Der WM-Rausch ist vorbei, Löw braucht sofort wieder neue Ideen, neue Impulse. Die Gefahr, dass die Nationalmannschaft jetzt wie früher versucht, das Erreichte nur zu bewahren, besteht mit ihm zwar nicht. Aber Löw und seine Mitarbeiter müssen auch die passenden Innovationen finden, um die junge Mannschaft mittelfristig so weiterzuentwickeln, dass sie große Ziele wie den Europameistertitel erreichen kann.

An diesem Ziel werden die wiedererstarkte Nationalmannschaft und ihr neuer Trainer ab sofort gemessen werden. Noch wichtiger ist, ob die Neuausrichtung der ersten Mannschaft des Landes nicht nur als Vorbild für den Nachwuchs gilt, sondern auch in der Ausbildung systematisch umgesetzt wird. Es hilft auch Nachwuchsspielern, mit einem Fitnesstrainer an ihren individuellen Defiziten zu arbeiten oder mal mit einem Sportpsychologen zu reden, wenn sie ein Motivationsproblem haben.

Als Jürgen Klinsmann im Februar seinen Kandidaten für den Posten des Sportdirektors, den Hockeytrainer Bernhard Peters, nicht durchsetzen konnte und stattdessen Matthias Sammer den Job bekam, schimmerte auch noch einmal der alte DFB durch, die totale Modernisierung wurde abgeschmettert.

Obwohl er dies gestern noch einmal dementierte, galt Sammer auch als Schattenmann, falls Klinsmann ersetzt werden müsste. Gefragt hat nach Sammer und seiner zukünftigen Rolle gestern bemerkenswerterweise niemand mehr. Dabei ist er für die Koordination der Nachwuchsarbeit im DFB verantwortlich. Und damit für die Zukunft des deutschen Fußballs.

Der neue Bundestrainer Löw weiß, das es neben dem Alltag der EM-Qualifikation noch eine zweite große Aufgabe im deutschen Fußball gibt: „Eine begeisternde Nationalmannschaft gibt es auf Dauer nicht, wenn die Arbeit in der Jugendausbildung nicht dementsprechend gemacht wird.“ Sonst verliert die nächste Generation der Nationalmannschaft, ohne dabei wenigstens zu begeistern.

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