Zeitung Heute : Als hätte er nie gelebt

Die Stasi kam in der Nacht, verhaftete Vater, Mutter, Geschwister. Ein Mann und seine Familie sollten für immer aus dem Gedächtnis gelöscht werden. Es war Georg Dertinger, der erste Außenminister der DDR. Sein Sohn wohnt heute in Leipzig. Besuch beim Zeugen einer Zerstörung.

Harald Martenstein

Der Mann ist klein und trägt einen blauen Anorak. Er ist Ende 50, raucht „Club“-Zigaretten und fährt Peugeot. Er hat drei erwachsene Kinder. Manchmal lächelt er. Manchmal sieht er aus, als ob er gleich weint. Man denkt: Er müsste irgendwie anders sein. Kaputter vielleicht oder wütender.

Christian. So heißt der Sohn des Außenministers der DDR. Damals war er acht Jahre alt. Chauffeure, Leibwächter, die Villa in Kleinmachnow, die Residenz am Majakowskiring – Christian führt mit seinen Eltern ein privilegiertes Leben. Er erinnert sich bis heute an eine besonders glanzvolle Party. Sein Vater wurde 50. Teppiche, Lüster, Gläser. Leise Gespräche. Das Kind weiß, wer die wichtigsten Gäste sind. Wilhelm Pieck ist da, der Staatspräsident, und Ministerpräsident Otto Grotewohl. Der Vater wirkt nervös. Als der sowjetische Botschafter erscheint, flüstert sein Vater der Mutter zu: „Jetzt sind wir in Sicherheit.“ Was meint er damit? Der wichtigste Mann aber kommt nicht. Walter Ulbricht ist in Moskau, bei Stalin. Stalin und Ulbricht reden unter anderem über Dertinger.

Ein paar Tage später, in der Nacht zum 16. Januar 1953, ungefähr zwischen ein Uhr und zwei, wacht Christian in Kleinmachnow auf. Leute sind im Haus. Die Mutter kommt in sein Zimmer im ersten Stock. „Ich muss weg“, sagt sie. „Bald bin ich wieder da.“ Eine Unbekannte in Uniform zieht sie aus dem Zimmer. Alles geht sehr schnell.

Die ersten Zigaretten

Christian zieht sich an und geht nach unten. Er trägt seinen Dackel auf dem Arm. Überall Fremde, die in Schränken und Schreibtischen wühlen. Das Schiffsmodell, die Santa Maria von Columbus, das Lieblingsstück seines Vaters, liegt zertrümmert auf dem Boden. Die Leute merken zuerst gar nicht, dass er in der Tür steht. Sie sind überrascht. Nanu, ein Kind mit einem Dackel. Jemand bringt ihn zum Majakowskiring, in die Ministerresidenz, genau gesagt: in die Wohnung des Hausmeisters. Der Hausmeister ist auch verhaftet. Dort verbringt Christian mit seinem Bruder Rudolf, 15, und seiner Schwester Oktavie, 13, die nächsten Tage. Rudolf haben sie im Gymnasium verhaftet, Oktavie im Schullandheim. Die Geschwister machen heimlich das Radio an und hören Nachrichten. So erfahren sie, dass ihr Vater als Konterrevolutionär verhaftet worden ist.

Die Stasi muss erst einmal überlegen, was aus den Kindern des Außenministers werden soll. Rudolf trinkt die Weinvorräte der Ministerresidenz leer, Christian raucht seine ersten Zigaretten.

Alle, die Dertinger nahe standen, kommen ins Gefängnis, die Sekretärin, der Referent, sogar die alte Schwiegermutter. Der Außenminister bekommt 15 Jahre Zuchthaus wegen Spionage. Kein Todesurteil, Glück gehabt. Maria, seine Frau: acht Jahre. Rudolf, der 15-Jährige: drei Jahre. Er verbringt die erste Zeit in Einzelhaft, das Licht brennt immer. Als er um Lektüre bittet, bekommt er Prozessakten anderer Konterrevolutionäre. Oktavie, die 13-Jährige, sitzt 19 Monate. Ohne Urteil, sie ist ja zu jung für einen Prozess. Einzelhaft, auch sie, niemand darf mit ihr reden. Das Einzige, was sie hört, sind Schreie und Schläge aus den Nachbarzellen. An ihrem Geburtstag bringt ein Wärter Kuchen und redet mit ihr. Die ersten Worte seit langem. Anschließend versucht er, sie zu vergewaltigen. Nach einer Weile gibt er auf. Es war ihr 14. Geburtstag.

Aber was sollen sie mit dem Kleinsten machen? Dem Achtjährigen?

Ein bestimmter Stasi-Mann interessiert sich für Christian. Er heißt Heinz. Heinz hat eine Tante, Lieschen. Deren einziger Sohn ist vor Moskau gefallen. Und jetzt organisiert Heinz seiner Tante ein neues Kind, wie man Kaffee oder eine Reise organisiert.

Christian kommt also nach Schönebeck, in eine kleine Stadt an der Elbe. Heinz erklärt ihm: „Die Dertingers waren gar nicht deine Eltern. Du bist in Wahrheit ein Pflegekind. Deine echten Eltern sind im Krieg umgekommen. Weil die Dertingers Verbrecher sind, bekommst du jetzt neue, bessere Pflegeeltern.“ Heinz wird Christians Vormund. Er beschafft ihm eine neue Geburtsurkunde, ausgestellt auf den Namen Müller. Lieschen und ihr Mann Emil sind gute Leute. Beide schon älter. Liebevoll und einfach. Emil arbeitet als Pförtner, im Krieg war er im Widerstand. Lieschen hat drei Brüder, die bei der Staatssicherheit sind, fast die ganze Familie arbeitet für die Firma. Christian wird kommunistisch und atheistisch erzogen. Er genießt diese Zeit, weil es viele Tiere gibt, Natur, Kinder. Eine Kriegswaise zu sein, das ist in Schönebeck ganz normal. Die beiden Geschwister setzen sich in den Westen ab, nachdem sie aus dem Gefängnis freikommen. Rudolf wird Redakteur bei einer Zeitung in Köln, Oktavie heiratet einen Amerikaner und lebt heute als Anwältin in Galveston, Texas.

Jahre vergehen. November 1960. Christian ist 16, er liebt jetzt Lieschen und Emil, die beiden sind seine neuen Eltern. Stalin ist tot. Und Maria Dertinger kommt aus dem Zuchthaus. Sie verlangt sofort ihren Sohn zurück. In all den Jahren hat sie keinen Kontakt mit ihm aufnehmen dürfen, kein Brief, nichts. Und die Behörden entscheiden: Soll sie halt den Sohn kriegen. Sonst macht die Frau ein Riesengeschrei, und die DDR steht wieder mal als unmenschlich da.

Heinz nimmt Christian beiseite. „Es hat alles nicht gestimmt. Du heißt doch Dertinger. Du musst jetzt zurück zu deiner Mutter.“ In diesem Moment zerreißt etwas in Christian Dertinger, er fällt in ein schwarzes Loch. Er hat tagelang geschrien. Oder ist ohnmächtig geworden. Er weiß es einfach nicht mehr. Keine Erinnerung. Erst Tage später setzt sie wieder ein. Die Erwachsenen sagen: Du hattest einen Nervenzusammenbruch.

Die Alten kommen nicht darüber hinweg, dass sie zum zweiten Mal einen Sohn verlieren. Lieschen stirbt ein paar Monate danach, ohne dass sie ihr Pflegekind wiedersehen durfte. Emil bindet sich einen Stein um den Hals und geht in die Elbe.

Christian verzeiht das seiner Mutter nicht. Ihretwegen wurde er zum Verräter an Lieschen und Emil. So empfindet er es, obwohl ihm sein Verstand etwas anderes sagt. Politisch wird er wieder ein Dertinger, mit dem Gefühl bleibt er das kommunistische Arbeiterkind aus Schönebeck. Die Liebe seiner Mutter, sagt er, konnte er nie erwidern, ihr Katholizismus geht ihm auf die Nerven, obwohl er selber in die Pfarrjugend eintritt. Er fährt auch nie wieder nach Schönebeck. Da war nichts mehr zu kleben. Es ist alles zu Bruch gegangen.

Aber er kann heute über alles reden und bleibt ganz ruhig dabei. Er sagt: „Therapie? Wissen Sie, meine Frau war meine Therapie. Wissen Sie, ich habe diese Geschichte alles in allem ganz gut verkraftet.“ Vielleicht.

Trümmer einer Geschichte

Christian Dertingers Wohnung liegt im Leipziger Stadtteil Gohlis. Altbau, sehr hell. Einfache Möbel. Furniertes Holz. Hier wohnen keine reichen Leute. Aber an den Wänden hängen ein paar kostbare alte Gemälde. Sie zeigen die Vorfahren. Adel. Großbürgertum. Friedrich August von Neuenstein, Oberst der österreichischen Armee. Der Vater der Mutter. Von der Familiengeschichte sind nur diese Trümmer übrig. Die Familie sollte ja ausradiert werden. Dertingers Vernichtung, das war die Vernichtung des Bürgertums. Das Alte muss weg, um Platz für den Sozialismus zu schaffen.

Georg Dertinger wird 1902 in Berlin geboren. Mit 16 Jahren meldet er sich freiwillig zum Krieg, später wird er Redakteur beim „Stahlhelm“, Zeitschrift der Frontsoldaten. Er wohnt am Kleistpark. Maria, Christians Mutter, eine österreichische Adelige, hat als erste Frau in Dresden Architektur studiert. Franz von Papen, kurze Zeit Reichskanzler und später Hitlers erster Außenminister, macht Dertinger zu seinem Redenschreiber, zusammen fahren sie im Frühling 1933 nach Rom und handeln das Konkordat zwischen dem Vatikan und dem deutschen Reich aus.

Wenig später springt der konservative Dertinger vom Karrierekarussell des Dritten Reiches ab. Als überzeugter Christ verachtet er die Nazis. Bis 1945 arbeitet er bei einem unbedeutenden Nachrichtendienst und schreibt fast nichts. Er besucht die Gesprächsrunden des katholischen Widerstands um Jakob Kaiser und Heinrich Krone. Halb ist er Widerstandskämpfer, halb Mitläufer. Als der Krieg vorbei ist, gehört Georg Dertinger in Deutschland zu einer gesuchten Sorte Mensch. Er hat sich die Finger nicht allzu schmutzig gemacht, besitzt Bildung und politische Erfahrung. Er kann jetzt fast alles werden. Dertinger wird Mitgründer der Berliner CDU, Generalsekretär für die sowjetische Zone. Als die deutsche Teilung sich abzeichnet, entscheidet er sich für die DDR. Georg Dertinger, Bürger, Christ und halber Antifaschist, wird ihr erster Außenminister.

Warum entscheidet er sich für die DDR? Die Dertingers haben ein schlechtes Gewissen wegen der deutschen Verbrechen. Dertinger sagt: „Deutschland muss Buße tun.“ Er ist deshalb im Gegensatz zur West-CDU dafür, die Ostgebiete aufzugeben. Nicht irgendwann, sondern sofort. Als Außenminister erkennt er die Oder-Neiße-Grenze an. Im Übrigen rechnet er mit einer baldigen Wiedervereinigung. Sein Traum: ein neutrales, friedliches Deutschland mit bürgerlicher Prägung, eine Art Schweiz. Georg Dertinger verfasst eine Denkschrift im Auftrag der Sowjets, daraus wird fast wörtlich die berühmte „Stalin-Note“, die ein wiedervereintes, neutrales Deutschland vorschlägt.

Der Westen lehnt ab. Adenauer hält das Ganze für einen Trick Stalins. Mit der Ablehnung der Stalin-Note steht fest, dass es, zumindest für eine gewisse Dauer, eine sozialistische DDR geben wird. Leute wie Dertinger, die eine Brücke zur bürgerlichen Welt des Westens bilden, sind überflüssig geworden. Eine Option, die nicht mehr benötigt wird. „Die SED hätte sagen können: Dertinger, wir brauchen Sie als Minister nicht mehr, Sie werden Lektor beim Aufbau-Verlag. Aber das war nicht ihr Stil. Sie mussten ihn als Verbrecher hinstellen. Held oder Verbrecher, dazwischen gab es nichts.“

Die verschwundene Unterschrift

Es ist Rudolfs Stimme, die so spricht. Ein Radiofeature. Christian spielt es vor. Er hat auch ein Band mit der Stimme des Vaters. Ein Vortrag, den der Ex-Außenminister heimlich vor Studenten gehalten hat. Es ist eine klare, genau artikulierende, angenehme Stimme. Sie klingt ungebrochen. 1964 haben sie ihn freigelassen. Er hat im Zuchthaus viel geschrieben. „Der Mensch erlebt seine Umwelt am Widerstand. Der Mensch will etwas, aber die Umwelt will etwas anderes. Aus dem Erleben solchen Widerstandes erwächst das individuelle Selbstbewusstsein.“

Georg Dertingers Name ist aus den Geschichtsbüchern und Lexika der DDR getilgt. Es soll sein, als hätte er nie gelebt. Seine Personalakte im Ministerium: verschwunden. Der Oder-Neiße-Vertrag war in Schulbüchern abgedruckt, Dertingers Unterschrift wurde wegretuschiert. Aber sie töten ihn nicht, nein, sie lassen ihn sogar schöngeistige Vorträge im Untergrund halten. Er arbeitet bei der Caritas. Maria, Freifrau von Neuenstein, jene Frau, die einst als erste in Dresden Architektur studiert hat, vier Fremdsprachen, begabte Pianistin, schraubt in einem Kombinat Schukostecker zusammen. Sie sagt: „Unser Schicksal ist eine Prüfung Gottes.“ 1968 stirbt Georg Dertinger.

Sein Sohn Christian fährt durch Leipzig und zeigt die renovierten Straßen. Man merkt, dass er stolz ist. Seine Stadt. Jawohl, er ist in der DDR geblieben. Er wollte weg, aber dann war die Mauer da. Auch Trotz spielte eine Rolle. Unser Land! Mein Vater gehört zu den Gründern! Christian wäre gerne Jurist geworden, aber das war für jemanden wie ihn unmöglich. Im Deutsch-Abitur bekommt er das Thema: „Was ist ein guter Deutscher?“ Er schreibt über Heinrich Heine. „Sie wollten aber Ernst Thälmann.“ Er bekommt eine Fünf. Als Ingenieur macht er immerhin eine Karriere, sogar die Staatssicherheit versucht einmal, ihn anzuwerben. Ein Klassenkamerad spricht ihn an. „Ihr seid doch Opfer des Stalinismus! Hilf uns, wir machen die Stalinisten jetzt fertig!“

Nach der Wende wird der Betrieb abgewickelt – Arbeitslosigkeit, ABM, das übliche Schicksal. Einmal sieht er im Fernsehen eine WDR-Dokumentation über den Fußballer Lutz Eigendorf. Eigendorf hatte sich in den Westen abgesetzt und starb bei einem mysteriösen Autounfall. Wahrscheinlich wurde er im Auftrag des Stasi-Chefs Mielke liquidiert. Im der Sendung werden die Männer gezeigt, die nach Ansicht der Filmemacher den Mord organisiert haben. Christian sieht plötzlich in das Gesicht von Heinz.

Dertinger arbeitet als Versicherungsvertreter, seine Frau hat eine ABM-Stelle als Kunsthistorikerin. 1989 war er bei den Montags-Demonstrationen dabei. Heute ist er in der CDU. Ist er zufrieden mit seinem Leben? „Wirtschaftlich: nein. Politisch: ja.“ Kurzes Lachen. Spürt er Hass? „Nein.“ War es richtig, in der DDR zu bleiben? „Schwer zu sagen.“ Dertinger redet über alles, nur nicht über seine Gefühle.

Er will auch nicht wissen, ob Heinz noch lebt. Maria Dertinger, Architektin, Ministergattin, Zuchthäuslerin und Arbeiterin, wohnt heute in einem Leipziger Plattenbau. Sie ist 98 Jahre alt. Christian betreut sie.

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