Zeitung Heute : Als ich nicht gerne Französin war

Der Tagesspiegel

GASTKOMMENTAR

Von Pascale Hugues

Wie einfach war es bis zum 21. April um 20 Uhr, Französin zu sein in Berlin! Mein Land wurde mit einem Kranz schmeichelhafter Attribute geschmückt. Frankreich, das Land der Menschenrechte, der Aufklärer und republikanischer Werte. Land des süßen Lebens und des Raffinements. Das Land, das träumen macht. Das Land des Außerordentlichen. Ein wenig arrogant, sicher: Die Grande Nation hat sich nicht geniert, Österreich und Italien eine Lektion zu erteilen und aufs hohe Ross zu steigen, sobald ein rassistisches Attentat Deutschland erschütterte. Ein rührender kleiner Defekt. Ein Schuss Eitelkeit ohne Bedeutung. Dachte man. Bis zum 21. April, 20 Uhr.

Am Montagmorgen habe ich mich kaum vor die Tür gewagt. Frankreich hat das Unmögliche gewählt. Das „außerordentliche Frankreich“ heute: Ein schmieriger Alter von 74 Jahren wurde Zweiter beim Kampf um den Präsidentensessel. Ein gehässiger alter Herr, den die ganze Welt schon verloren gab, nachdem seine Partei Front National sich im Jahr 1998 gespalten hatte. Ein alter Mann, der ein rassistisches, fremdenfeindliches und antisemitisches Frankreich verkörpert, in dem die „Franzosen als Erste bedient werden“. Ein Frankreich, das sich in sich selbst zurückzieht, gegen Maastricht, antieuropäisch. Ein Frankreich, das Angst vor allem hat. Am Sonntagabend lief es mir kalt den Rücken herunter, als ich Le Pen hörte, wie er den „Kleinen, den Unterprivilegierten, den Ausgeschlossenen eine historische Chance zur nationalen Neuorientierung“ anbot. Wie kann man sich im 21. Jahrhundert von einem Demagogen verführen lassen, der solchen Unsinn redet?

Und ich sehe mich von einem für eine Französin neuen Gefühl überfallen. Eines, das die Deutschen gut kennen: Scham und Erstaunen. Scham, dass jede(r) fünfte meiner Landsleute für Le Pen gestimmt hat. Dass das Elsass, die Region, aus der ich stamme, die erste unter den rechtsextremen Bastionen ist. Und Erstaunen, dass mir die Aussicht auf ein Duell zwischen Chirac und Le Pen im zweiten Wahlgang immer noch surreal erscheint.

Ich kann viele Gründe anführen, um mich zu beruhigen: die Zersplitterung auf der Rechten wie auf der Linken. Die geringe Wahlbeteiligung. Die einseitige Debatte um die Innere Sicherheit, von der am Ende Le Pen so sehr profitiert hat. Die Cohabitation von Chirac und Jospin, die die Grenzen zwischen Links und Rechts völlig verwischt hat. Ich habe alles versucht, um an einen Betriebsunfall zu glauben. Dass die Franzosen einfach ein wenig Poker gespielt haben. Der erste Wahlgang dient der Provokation, dem Trotz. Sie werden schon zur Vernunft zurückkehren, am 5. Mai bei der Stichwahl für das Präsidentenamt und im Juni bei den Parlamentswahlen. Ich habe mein Bestes versucht, mir die alten Zen-Regeln vor Augen zu führen: Jede Krise birgt die Chance zur Wiederauferstehung. Dieser Schock wird die politische Klasse in Frankreich dazu zwingen, die verkrusteten Strukturen der 5. Republik endlich zu modernisieren . . .

Die Albträume lassen sich so nicht verscheuchen – ihnen wird eine Farce folgen. Zum ersten Mal werde ich selbst am 5. Mai zum französischen Konsulat gehen und Chirac wählen. Um Schlimmeres zu verhindern. Um „die Ehre Frankreichs" zu retten, wie der Sozialist Strauss-Kahn sagte. Ich, die ich vor drei Tagen noch geurteilt habe, dass Chirac als Präsident nicht vorstellbar ist: seit ewigen Zeiten auf der politischen Bühne. Jedes Mal, wenn ich Fernsehen schaue, muss ich lachen über seine clowneske Mimik, über die Großspurigkeit, die theatralische und verstaubte Rhetorik. Woher wissen denn Schröder, Blair oder Stoiber wie man normal spricht? Wie kann jemand im 21. Jahrhundert noch solch patriotischen Ton anschlagen? Wir werden wohl gezwungen sein, ihn noch einmal für fünf Jahre zu behalten. Armes Frankreich!

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“.

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