Zeitung Heute : Als King durch Italien

Von Martin Kilian

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Dem MP3-Spieler wird kalt, weshalb er mitsamt AC/DC zu stottern beginnt. Anderthalb Kilometer Höhe verträgt die Elektronik offenbar nicht. Zu was man sich doch versteigt, einmal im Jahr, wenn die Entschlackung von Amerika ansteht und der Chef einen Europabesuch zum Zwecke der „Entamerikanisierung“ verlangt, damit der Korrespondent sich stähle und das Gefühl loswerde, lediglich ein luxuriöses Accessoire zu sein, eine Art Louis-Vuitton-Handtasche des Journalismus. Sich von Amerika „zu lösen“, gelte es, jawohl; als Held eines persönlichen Bildungsromans solle ich mal wieder „tief ins europäische Geistesleben“ eintauchen, ratterte der Chef.

Anstellig reiste ich also in die Schweiz und weiter nach Italien – und erstarrte. Weil nämlich in Chiavenna, einem Landstädtchen in der alpinen Lombardei, Europa nur bedingt stattfindet. Nicht dass Chiavenna nicht schön und edel und somit von Winckelmann’schem Zuschnitt wäre. Aber irgendwie kommt die Bürgerschaft nur bedingt europäisch daher. Sie ist nämlich von oben bis unten mit amerikanischem Zeug bedruckt und wirbt als fleischgewordene Litfaßsäule für eine krasse Version Amerikas, die in China hergestellt wird. Männer tragen T-Shirts spazieren, worauf amerikanische Universitäten grüßen, die nie gegründet worden sind: North Central University of Pampas City, University of Moby Dick.

Andere Chiavenner führen Leibchen spazieren, auf denen die Worte „Big Time“ zu lesen sind. Oder „Love Me“. Wieder andere prahlen mit amerikanischen Footballteams, die es nie gab: „St. Louis Doughnuts“, „Chicago Laundromats“. Der reinste Horror, und hoffentlich ein letztes bitteres Erbe der Berlusconi-Herrschaft. Nicht einmal die Rednecks in Alabama oder Tennessee laufen derart beschriftet herum.

Mir jedenfalls wurde ganz schwindlig ob dieser Orgie der Amerikanisierung, umso mehr, als der Tag in Sils Maria im Engadin bei Nietzsche und Rilke so traut begonnen hatte. Voll edler Einfalt genoss ich europäische Größe, bis im Hotel des Abends der Fernseher angedreht wurde – und sich in den TV-Werbespots eine Kakofonie des Amerikanischen über mich ergoss. Erschrocken prallte ich zurück und wähnte mich irgendwo in der Prärie im östlichen Kansas, wo Versicherungen mit dem Slogan „We Are on Your Side“ werben und Autovermieter „The Best Deal in Town“ anpreisen. Es gibt, so schwante mir in Sils, keine Fluchten mehr, Amerika ist überall, selbst in den geistigen Jagdgründen Nietzsches.

Ich für meinen Teil habe nichts dagegen, sagte dem Chef jedoch, nach Europa lohne sich nicht mehr zu reisen, da es sich dort zusehends anfühle wie in Amerika, einmal ausgenommen, dass die Schweizer ihren Müll nicht einfach wie die Amerikaner auf die Straße kippen. Andererseits hatte ich kaum die Grenze nach Italien überquert, als sich allenthalben entlang dem Weg der Abfall türmte. Wie in Georgia. Oder in Kansas.

Ich muss gestehen, es war eine große Enttäuschung, eine Entschlackung mithin unmöglich. Wie bitte soll man sich unter derartigen Umständen von Amerika lösen? Und was denken sich die Bürger Chiavennas eigentlich dabei, wenn sie die Idee des Espresso und der Pasta nach Amerika exportieren und dafür auf dem Umweg über die chinesische Textilindustrie bedruckten amerikanischen Unsinn erhalten?

Den besseren Deal, schwant mir, hat Amerika gemacht. Falls ich jemals wieder Chiavenna ansteuere, werde ich eine Lastwagenladung greller T-Shirts mit Ausdrücken wie „People Eater“ oder „Slobber“ oder „University of Grandma“ mitführen und verhökern. Was den Holländern in Manhattan gelang – das Areal gegen ein paar Glasperlen von den Einheimischen zu erwerben –, sollte in Chiavenna mittels bedruckter Textilien ebenfalls möglich sein. Worauf ich im Handumdrehen von einer Louis-Vuitton-Handtasche zu einem oberitalienischen Pfründenbesitzer mutierte.

King wäre ich, Baby, ein King!

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