Zeitung Heute : Als Liebesbrief getarnte E-Mail - Der sadistische Amor hat auch viele Zeitungen getroffen

Tanja Stelzer

Es muss gegen 9 Uhr 30 gewesen sein, als Robert Stein sah, wie die Bilder auf seinem Bildschirm sich grau färbten. Schön ordentlich, eins nach dem anderen. Nach, sagen wir: zehn Bildern war dem Systembetreuer klar, dass es ein großer Tag für ihn werden würde. Und, zumindest dachte er das in diesem Moment, nur eine kleine Zeitung.

Kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht, da schwirrte durch die Redaktion des "Hamburger Abendblatts" bloß noch ein Wort: Notausgabe. Acht bis zehn Seiten, der Rest: Anzeigen. Schuld war Amor, genauer gesagt: ein Liebesbrief, eine

E-Mail mit der Betreffzeile "I Love You", die eine Redakteurin geöffnet hatte. "Wer das war", sagt Robert Stein, "verrate ich jetzt lieber nicht." Der Internet-Wurm verschickte den falschen Liebesbrief an alle Adressen im Verzeichnis der Redakteurin, und die hatte einige gespeichert. Ein paar Sekunden später sah der Systembetreuer nur noch graue Bilder.

Der sadistische Amor hat an diesem Tag viele Zeitungen getroffen. Im Hamburger Verlagshaus "Gruner + Jahr" war die Verwaltung eine Stunde lang lahm gelegt; die IT-Manager warnten die Mitarbeiter in der Kantine über Lautsprecher. Liebesbriefe bekamen auch "Die Zeit", die "Welt", "Financial Times Deutschland".

Horst Gleich, technischer Chef vom Dienst beim "Hamburger Abendblatt", blüht auf an solchen Tage. Er sagt: "Da merkt man, wo der Herzschrittmacher sitzt." 24 Computer haben sie sich von der Axel-Springer-Journalistenschule geliehen, sie in der Redaktion verteilt. Das hieß: drei pro Ressort. "Ach, das war ein bisschen Osten", sagt Horst Gleich, und am Nachmittag, als die Hemden durchgeschwitzt sind und der Spuk schon wieder vorbei ist, klingt das sogar ein bisschen wehmütig. Fast wie damals sei das gewesen, als der Verlag noch in Halle, Leipzig, Schwerin den Zeitungsmarkt in Ostdeutschland aufgemischt hatte, als sie versuchten, ohne professionelle Technik ein Produkt herzustellen, das wenigstens für Laien wie eine Zeitung aussah. Ein bisschen was, sagt Gleich, hatte das von Schülerzeitung, "aber von einer Gymnasiasten-Schülerzeitung".

In Hongkong hat der Wurm angefangen, sich durchs Netz zu fressen, und zum Beispiel die Finanznachrichtenagentur Dow Jones befallen. Kurz darauf schon war er in Europa am Werk und schaltete im Londoner Unterhaus das interne Kommunikationssystem aus. Sogar die Fraktionsvorsitzende der regierenden Labour-Partei, Margaret Beckett, gehörte zu den Empfängern, und sie soll angeblich noch nie eine E-Mail mit den Worten "I Love You" bekommen haben, weshalb sie sich auch gleich öffentlich die Frage stellte, ob sie denn nun traurig oder froh sein solle. In Dänemark hat Amor alle Parlamentsabgeordneten mit der Mail beglückt, außerdem waren das Umweltministerium, die Telefonfirma Tele Danmark und der Fernsehsender TV 2 betroffen, in der Schweiz befiel der Virus das E-Mail-System der Bundesverwaltung, Banken, Kliniken, Medienunternehmen und die Kantonspolizei Zürich. In Deutschland kam er unter anderem bei "Siemens" an, wo man schleunigst einen "Impfstoff" entwickelte. Die Liebesbotschaft wurde weltweit gern gelesen.

"Da können Sie die Leute warnen, so oft Sie wollen", sagt Andreas Broicher, IT-Manager bei der Hamburger Internet-Agentur "Popnet Cross Media", die das Online- und Print-Magazin "Gold" herausgibt. "Die klicken alles an, was sie in ihrem Briefkasten finden - weil sie neugierig sind. Und deshalb werden sich Viren immer weiter und immer wieder verbreiten." Schließlich sei der Virus ja auch schön verpackt gewesen. Als Absender erschien stets eine Adresse, die dem Nutzer bekannt war.

Natürlich, denkt zumindest der unbedarfte Laie, müssten bei einer Internet-Agentur schlaue Menschen arbeiten, die jeden Virus mit bloßem Auge erkennen. Aber, ebenfalls natürlich, auch bei "Popnet Cross Media" arbeiten Menschen, die geliebt werden wollen, und so hat sich sogar dort der Virus eingeschlichen. Obwohl Andreas Broicher so eine Ahnung hatte, als er die fünf Nachrichten mit dem Betreff "I Love You" gesehen hatte. Also gleich den Exchange-Server vom Netz, dann den File-Server, aber es hat alles nichts genützt, denn nicht alle Kollegen hatten dieses flaue Gefühl, als sie "I Love You" lasen, oder zumindest nicht aus dem selben Grund wie Andreas Broicher. Zehn Minuten später musste Broicher einen Notdienst für Computer-Katastrophen zu Hilfe rufen. Er hatte Glück, dass er so früh dran war - die Handys der beiden Techniker, die mit ihm in den folgenden Stunden die rettenden Skript-Dateien geschrieben haben, klingelten pausenlos.

Um halb vier ist auch bei "Popnet Cross Media" wieder Ruhe eingekehrt, und Andreas Broicher hat Zeit, darüber nachzudenken, wer wohl den Virus in die Netzwelt geschickt haben könnte. "Das bringe ich Ihnen in fünf Minuten bei, so einen Virus zu schreiben", sagt er, "vielleicht war das ein Typ, der eine etwas seltsame Zigarette zu viel geraucht hat." Ein extrem empfindlicher Angriff sei das gewesen, aber es hätte noch schlimmer kommen können - "der hätte auch reinschreiben können, dass das Programm alle Dokumente löschen soll, so waren es nur die Bilder". Das Gerücht, eine ganze Ausgabe des Magazins "Gold" sei gelöscht worden, hat sich jedenfalls nicht bewahrheitet. Aber ein Tag Arbeit ist weg, und Andreas Broicher muss sich jetzt erst einmal darum kümmern, "das alles zu desinfizieren".

Auch Robert Stein, der Systembetreuer des "Hamburger Abendblatts", ist zu dieser Zeit mit der Nachsorge beschäftigt. "Wir fahren jetzt wieder hoch", sagt er, unverkennbar mit Stolz in der Stimme. Drei Stunden hat es gebraucht, dann war aus dem Systembetreuer ein kleiner Held geworden.

Für 18 Uhr hatte man in Europa den Höhepunkt der Viruskatastrophe erwartet. Zu diesem Zeitpunkt, hieß es, stünden ausgesprochen wichtige Gestirne in einer direkten Linie zur Erde. Doch da war man in Hamburg schon zum Alltag zurückgekehrt. Und in Amerika wartete man auf einen ereignisreichen Arbeitstag.

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