Zeitung Heute : Als Overath auf uns hörte

Es regnete in Strömen. Schweden führte 1:0. Eine Pleite hatte die bundesdeutsche Elf schon erlebt. 0:1 gegen die DDR, das Land pfiff langsam auf die Mannschaft von Helmut Schön. Bleiern war die Zeit, Entsetzen lag über dem Rheinstadion. Dann machten Jürgen und ich den Titelgewinn möglich.

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Von Helmut Schümann

War es nicht doch Jürgen, der den Titel erst ermöglicht hatte? Mein Freund Jürgen, mit dem ich mich eine Nacht vor dem Kartenverkauf Sültenfuß im Stadtteil Lohhausen angestellt hatte, mit Campingstühlchen, noch ein paar anderen Kumpels und einem Fässchen Altbier. Das Fässchen war damals noch aus Holz, mit schweren Eisenringen drum herum, aber es hatte sich gelohnt, das Fass nach Lohhausen zu rollen. In den frühen Morgenstunden bekamen wir unsere Karten: Deutschland – Schweden, zweite Finalrunde, wie das damals noch hieß, Stehplätze, in der Kurve.

30. Juni 1974. Wir waren 18 Jahre alt, es gab keine vollüberdachten Stadien, vom Rhein in unserem Rücken pfiff ein kalter Wind her, es goss in Strömen. Wir sagten: „Scheiß drauf.“ Und: „Schirme runter“, als vor uns ein paar Weicheier sich schützen wollten gegen den Regen und uns die Sicht versperrten. Herzog zählte auch zur aufgebotenen Elf, das war schön. Dieter Herzog, unser Linksaußen bei der Fortuna, der erste Nationalspieler, den unsere Heimatstadt Düsseldorf seit Toni Turek abstellte. Aber auch mit ihm spielte die bundesdeutsche Elf einen ziemlichen Mist, wie schon im gesamten bisherigen Turnier. Franz Beckenbauer, der nach der Pleite gegen die DDR – da hatten die unseren gegen die Ossis in Hamburg 0:1 verloren –, Franz Beckenbauer also, der die Macht über das Team übernommen hatte und Trainer Helmut Schön die Aufstellung diktierte, hatte offensichtlich noch nicht viel bewirken können. Die Schweden gingen in Führung. Edström hatte das 0:1 erzielt, das war der Pausenstand. Jürgen und ich standen im Regen in der Kurve. Nach der Pause stand vor uns Schwedens fulminanter Torwart Ronny Hellström.

Ich meine, was hätten wir tun sollen? 1974. Zwei Jahre zuvor waren in München die Olympischen Spiele gewesen, erst heiter, dann schockiert nach dem Attentat, dann musste das Leben weitergehen. Politisch war der erste Schwung dahin, unser Einstiegskanzler Willy Brandt, also der Kanzler, mit dem wir erstmals so etwas wie politisches Interesse und Bewusstsein entdeckt hatten, war von Helmut Schmidt abgelöst worden. Der sagte nach dem DDR-Spiel: „Ich meine, wir haben ein lebendiges Spiel gesehen, in dem wir jedoch im Strafraum zu umständlich wirkten. Die DDR schoss das entscheidende Tor.“ Ein Pragmatiker eben, keiner, der fühlte, dass Fußball Leiden schafft.

Er stand damit nicht alleine. Fußball war wichtig damals schon, aber für Fans. Nicht so sehr für die Gesellschaft. Die knarzte noch über die Guillaume-Affäre. Im Mai war Willy Brandt zurückgetreten, nachdem die Spionagetätigkeit seines Referenten Günter Guillaume bekannt geworden war. Jürgen und ich hätten uns ja gewünscht, dass unser Willy gerächt würde von den Spielern in der Vorrunde gegen die DDR. Aber sicher sein, dass die Spieler überhaupt wussten, wer dieser Guillaume war, konnten wir nicht. Was in diesem Kreis wichtig war, ist in der Vorbereitung deutlich geworden, als die Mannschaft die Prämien verhandelte. Der DFB hatte 30 000 Mark ausgelobt, die Spieler verlangten 100 000 Mark pro Nase, man einigte sich am Ende auf 70 000 Mark. Damit hatte die Kommerzialisierung des Sports sich offen gezeigt. Sehr zum Entsetzen von Bundestrainer Helmut Schön, der während des Prämienstreits zeterte: „Ich höre nur Geld, Geld, Geld. Merkt ihr denn nicht, wie das unser ganzes kameradschaftliches Verhältnis zerstört?“ Schön war kurz davor gewesen abzureisen. Tatsächlich forderten die Spieler nur eine Beteiligung am Reibach, der längst mit dem Fußball gemacht wurde. Auch vom DFB, der die Rundumvermarktung der WM betrieb. Pepsi zum Beispiel finanzierte die Eröffnungsfeier in Frankfurt und verlangte, auch wenn Bundespräsident Gustav Heinemann dabei als gutes Gewissen zu den Deutschen sprach, entsprechende Werbung. Am Ende des Turniers machte der DFB einen Reingewinn von zehn Millionen Mark. Uns Fans war es weitgehend egal, was die Spieler verdienen, wenn sie denn siegen. Der weniger bedingungslose Teil der bundesrepublikanischen Gesellschaft indes, der rümpfte die Nase über die vermeintliche Geldgier der Millionäre in kurzen Hosen. Jürgen und ich harrten aus im Regen.

Es gab andere Themen, die für die Mehrheit brisanter waren als der Fußball. Im April war im Bundestag die Reform des Paragrafen 218 beschlossen worden, mit dem die Fristenlösung bei einem Schwangerschaftsabbruch in Kraft trat. Sehr großer Aufreger. Die Volljährigkeit wurde auf 18 Jahre herabgesetzt. Das wurde zur Kenntnis genommen. Und über allem lastete der Terrorismus der RAF. Deren Kern um Andreas Baader und Ulrike Meinhof saß zwar schon ein in Stammheim, die Angst vor weiteren Anschlägen, die es dann auch nach der WM gab mit der Ermordung des Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann, beherrschte weiterhin den Alltag. Eine unbelastete Party, ein Fest unter Freunden konnte diese Weltmeisterschaft nicht werden.

Ich meine, was hätten wir tun sollen, Jürgen und ich im Regen des 30. Juni im Düsseldorfer Rheinstadion? Hier standen wir oft, immer dann, wenn die Fortuna spielte, wir waren Leid gewohnt. Mit der Fortuna hatten wir das Verlieren gelernt und oft genug erfahren, wie tröstlich es ist, wenn man im Moment der Trauer zusammensteht. Es war sehr still im Rund nach Wiederanpfiff, es war auch hier die bleierne Zeit, etwas lähmend, ein wenig ohnmächtig. Jürgen stand neben mir, triefend nass wie ich. Er beugte den Oberkörper nach hinten, er formte die Hände zum Schalltrichter vor den Mund, dann brüllte es aus ihm heraus: „Deutschland! Deutschland! Deutschland!“, was Mitte der siebziger Jahre sicher nicht ganz der politischen Realität im zweigeteilten Land entsprach. Überbordener Patriotismus war uns gewiss fremd. Aber wir gehörten auch nicht zu denen, die aus lauter Staatsverdruss gleich dem Gegner den Sieg wünschten. Ich brüllte mit, da waren wir schon zwei. Ein paar Nachbarn auf den Rängen stimmten ein, der ganze Block, das gesamte Stadion. Wolfgang Overath, der wahrscheinlich eher Pfiffe erwartet hätte beim Rückstand, Pfiffe wie es sie auch in Hamburg gegeben hatte, stutzte, schaute sich ein wenig verwirrt um, und dann spielte die bundesdeutsche Elf und rannte und kämpfte. Es war Overath, der den Ausgleich erzielte, Bonhof schoss uns in Führung. Die Schweden wollten noch mithalten, glichen abermals aus durch Sandberg, aber dann war Grabowski zur Stelle, machte das 3:2, und als am Ende Uli Hoeneß noch einen Foulelfmeter zum Endstand von 4:2 verwandelte, da bejubelten wir sogar einen vom FC Bayern München, was in diesen Tagen bestimmt nicht zu unserer politischen Korrektheit gehörte. Wir sind dann den weiten Weg vom Stadion in die Altstadt zu Fuß gelaufen, die Straßenbahnen waren überfüllt, sie waren voller fröhlicher Menschen.

Kann schon sein, dass die Erinnerung die Kraft des initialen Brüllers von Jürgen etwas verklärt, kann sein, dass unser Einfluss auf den Ruck durchs bundesdeutsche Team dann doch nicht so groß war, aber das ist doch egal. Entscheidend war, dass es möglich wurde, dass die Lähmung weggespielt werden konnte, dass die Tristesse sich nicht hatte durchsetzen können gegen die Lust auf Spaß. Drei Tage später besiegten unsere Jungs in der legendären Wasserschlacht von Frankfurt die enorm starken Polen um ihre grandiosen Stürmer Lato und Gadocha. „40 Tage Regen sind genug“, stand auf einem Transparent. Tatsächlich schien dann auch die Sonne beim finalen Sieg in München über die Niederlande. Aber es war noch nicht genug, es gab Streit schon beim Abschlussbankett, die Mannschaft fiel auseinander, die Solidarität, die Jürgen und ich im Rheinstadion herbeigerufen hatten, die war sehr brüchig. Rausch? Ja, Jürgen und ich hatten einen Rausch. Aber das Land? War das Land berauscht vom Titelgewinn? Aber nein, die Kraft hatte der Fußball nicht, die anderen Sorgen zu vertreiben. Wir gingen in die Schule, es wollte auch niemand etwas wissen von unserer heroischen Beteiligung am Titelgewinn.

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