Zeitung Heute : Als Quereinsteiger zum Erfolg

Diplom-Medienberater Leopold Grün hat seinen ersten großen Dokumentarfilm „Der rote Elvis“ auf der Berlinale präsentiert

Vanessa Bohórquez Klinger

Zum Interviewtermin erscheint Leopold Grün lässig gekleidet in Jeans und weißem Hemd. Entschuldigend sagt er: „Mehr ist nicht drin. So bin ich eben.“ Auch im Gespräch stellt sich heraus, der Erfolg seines ersten Dokumentarfilms ist ihm nicht zu Kopf gestiegen. „Der rote Elvis“ lief auf der Berlinale 2007 in der Rubrik „Panorama“ und die Kritiker überschlugen sich mit Lobeshymnen.

Grüns Film zeige nicht nur die skurrile Biografie des einzigen amerikanischen Popstars in der DDR, sondern auch ein atmosphärisch dichtes Stück Zeitgeschichte. Er handelt vom Leben Dean Reeds, der in den siebziger Jahren in die DDR übersiedelte. Ein Hollywoodstar, als den ihn die DDR-Propaganda verkauft, war er zwar nicht. Aber eine bemerkenswerte Karriere hatte er schon hinter sich. In einer Kleinstadt Colorados geboren, produzierte er einige Singles, die in Südamerika sehr erfolgreich waren. In Chile und Argentinien füllte er Fußballstadien, trat in Fernsehshows auf und stürmte die Hitparaden. Er wurde zum bekennenden Sozialisten, war befreundet mit Salvador Allende, protestierte gegen Militärregimes und den Vietnamkrieg. In Italien drehte er „Spaghetti-Western“ und tourte durch die Sowjetunion. 1972 ging er in die DDR, wo er als Schlagersänger auftrat, Friedenslieder sang und in Defa-Filmen spielte. Ab Anfang der achtziger Jahre ging es mit der Karriere jedoch bergab. Im Juni 1986 ertrank Dean Reed im Zeuthener See.

Kaum zu glauben, dass Grüns Erstlingswerk über diese schillernde Figur nicht von dem Absolventen einer renommierten Filmhochschule stammt. Genau diese Tatsache erschwerte die Suche nach Geld für die Produktion des Films erheblich. „In den Augen der Geldgeber war ich nicht gerade prädestiniert, einen guten Film zu drehen“, erzählt er.

Zunächst absolvierte er ein Examen als Lehrer, damals noch in der DDR. Nach der Wende ging er nach München, um Sozial- und Medienpädagogik zu studieren. Er schloss auch dieses Studium ab und schrieb sich an der Humboldt-Universität ein, im Fach Sozialwissenschaften. Damals entdeckte er die Videokamera und drehte erste, kurze Filme.

Als ihn damals eine Filmhochschule ablehnte, beschloss er, sich dem Thema Dokumentarfilm von der theoretischen Seite zu nähern. Im Studiengang Medienberatung an der TU Berlin besuchte er sämtliche Filmseminare und schrieb seine Diplomarbeit – natürlich – über den Dokumentarfilm.

Die Idee, einen Film über das Leben von Dean Reed zu drehen, entstand bei einem Feierabendplausch im Biergarten. Leopold Grün klärte einen Freund aus Bremen über den Amerikaner Dean Reed auf, der in den Osten „rübergemacht hatte“ und dort Friedenslieder sang. Mehr fiel ihm nicht ein.

So fing Grün an, über den roten Friedensaktivisten zu recherchieren. Je mehr Einzelheiten er erfuhr, desto mehr war er von Reeds Leben inspiriert. „Als Künstler interessierte mich Dean Reed nicht“, schränkt er jedoch ein. „Diese Distanz habe ich mir bewahrt, und das hat dem Film gutgetan.“ Fünf Jahre nach dem Gespräch im Biergarten wurde „Der rote Elvis“ auf der diesjährigen Berlinale uraufgeführt. Eine lange Zeit, um einen Film fertigzustellen, allerdings nicht, wenn man nebenher berufstätig ist. „Das war ein ganz schöner Affentanz, um es mal salopp zu sagen: Beruf, Familie und Film. In der Zeit wurde ich zum ersten Mal Vater“, erinnert er sich.

Die letzten anderthalb Jahre der Filmproduktion waren am härtesten. Grün war oft unterwegs zu Drehs in den USA und in Chile. Als das zweite Kind kam, zog seine Lebensgefährtin mit den Kindern aus der gemeinsamen Wohnung aus, damit er den Film zu Ende bringen könne. Seit die Arbeit an dem Film beendet ist, tourt er durch Deutschland und im Ausland.

Verdient hat er mit seinem Film über Reed noch nichts. Deshalb arbeitet er zurzeit als Medienpädagoge bei der „Freiwilligen Selbstkontrolle“ für das Fernsehen. Für neue Filmprojekte braucht er noch Zeit: „Ich muss erst einmal wieder den Schwamm füllen, um zu erkennen, worüber es sich lohnt, eine Geschichte zu erzählen“, sagt er. „Eins jedoch weiß ich schon jetzt: Der nächste Film wird in der Gegenwart spielen." Vanessa Bohórquez Klinger

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