Zeitung Heute : „Als sei ein Häuserblock in die Luft geflogen“

Der Tagesspiegel

Von Frank Jansen

Nach dem Sprengstoffanschlag auf den jüdischen Friedhof am Scholzplatz vermutet die Polizei den oder die Täter offenbar im braunen Milieu. Dafür spreche die „Zielrichtung des Angriffs“, sagte gestern am Tatort der Leiter des Landeskriminalamts, Peter-Michael Haeberer. Der Friedhof sei ein „sehr symbolträchtiger Ort“, außerdem wollte der Täter wahrscheinlich keine Menschen treffen. Damit sei dieser „durchaus feige Akt“ eher der rechten Szene als arabischen Terroristen zuzuordnen, meinte Haeberer.

Außerdem sei am Sonnabend eine Demonstration von 2000 Palästinensern friedlich verlaufen. Der LKA-Chef betonte jedoch, es werde weiterhin in alle Richtungen ermittelt. „Wir hoffen sehr, dass die Polizei alle nötigen Anstrengungen unternimmt, die Täter zu finden“, sagte am Friedhof der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Alexander Brenner. Der Anschlag habe die Gemeinde „ verängstigt und entrüstet“.

Der Sprengsatz ist am Sonnabend gegen 19 Uhr 40 wahrscheinlich in den Innenhof des geschlossenen Eingangs geworfen worden. Gestern bot sich ein gespenstisches Bild: Die sieben Fenster der Trauerhalle waren zersplittert, Scherben lagen in dem Gebetsraum auf Boden und Bänken. Die Explosion muss wuchtig gewesen sein – überall in dem etwa elf mal sieben Meter großen Innenhof waren Schäden zu sehen. Außerdem berichtete ein Anwohner der etwa 300 Meter entfernten Angerburger Allee von einem extrem lauten Knall: „Das hörte sich an, als sei ein Häuserblock in die Luft geflogen“.

Auf der Suche nach Tatverdächtigen scheint die Polizei erste Spuren zu verfolgen. Haeberer erwähnte eine „Merkwürdigkeit“: Gegen 19 Uhr 50 habe ein dunkler Pkw die Angerburger Allee gegen die Fahrtrichtung passiert. Zwei Wagen seien dem Geisterfahrer entgegengekommen. Haeberer rief die Insassen dieser beiden Fahrzeuge und mögliche weitere Zeugen dazu auf, sich möglichst rasch bei der Polizei zu melden. Dies gelte auch für alle Chauffeure und Fahrgäste, die sich in der fraglichen Zeit auf dem Taxistand in der Nähe des Friedhofs aufgehalten haben. Der Leitende Kriminaldirektor appellierte außerdem an alle Jogger, Reiter, Radfahrer und Spaziergänger, die in den letzten Tagen in der Umgebung des Tatorts unterwegs waren und etwas Auffälliges bemerkt haben. „Das könnten zum Beispiel Personen in militärischer Tarnkleidung gewesen sein, die sich abseits der Wege aufhielten“, sagte Haeberer.

Aus welchem Material der Sprengsatz gebastelt wurde, ist noch nicht ganz klar. Die Polizei fand reichlich Metallsplitter und vermutet, dass der Explosivstoff in einen röhrenartigen Mantel gepresst war. Was genau in der Rohrbombe steckte, wird derzeit von Polizeiexperten untersucht. Es handele sich wahrscheinlich nicht um militärischen oder gewerblichen Sprengstoff, sagte Haeberer. Die verwandte Menge entspreche ungefähr 50 bis 100 Gramm TNT. Haeberer: „Wäre jemand in der Nähe gewesen, hätte er zumindest schwere Verletzungen erlitten.“

Eine Verbindung zu den Schmierereien auf dem Städtischen Friedhof in Marzahn sieht die Polizei derzeit nicht. Unbekannte hatten dort vermutlich in der Nacht zu Sonnabend Hakenkreuze und andere Nazi-Symbole auf das sowjetische Ehrenmal gesprüht. Für diese Tat sind nach Ansicht der Kripo wahrscheinlich jugendliche Spontantäter verantwortlich. Der Sprengstoffanschlag auf den jüdischen Friedhof gilt hingegen als vorbereite Aktion. Das Wort Terrorismus nahm jedoch weder LKA-Chef Haeberer noch der ebenfalls zum Tatort gekommen Innensenator Ehrhart Körting in den Mund. Haeberer stellte allerdings Parallelen zum Anschlag auf das Grab von Heinz Galinski fest. Die schwere Marmorplatte auf der letzten Ruhestätte des einstigen Präsidenten des Zentralrats der Juden war im Dezember 1998 bei einer Explosion zerstört worden. Die Polizei konnte keinen Tatverdächtigen ermitteln. Experten der Sicherheitsbehörden glauben jedoch, dass damals Rechtsextremisten zugange waren.

Das Grab Galinskis ist der einzige Berreich auf dem Friedhof, der per Video überwacht wird. Laut Innensenator Körting sind sich die Koalitionspartner schon so gut wie einig, in welchem Maße die Videoüberwachung ausgeweitet und das Gesetz über die „Allgemeine Sicherheit und Ordnung (ASOG) entsprechend geändert wird. Dies betreffe vor allem „Religionsstätten und Friedhöfe“, sagte der Senator.

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