Zeitung Heute : Alt-Berlin bestaunen

Britta Wauer

Wie eine Ost-Berlinerin die Stadt erleben kann

Die Pferde der Stadtreinigung wohnen im vierstöckigen Hotel. Für die Arbeitslosen wurden Spieltische in den Park gestellt. Auf dem Dach des Hochhauses tanzen junge Leute. Lehrlinge spielen mit einer Murmel Fußball. Ein Schwein wohnt in der Speisekammer.

Klingt durchgeknallt? Ein bisschen sehr fantastisch? Es handelt sich um Tatsachen, um Berliner Realitäten, wenn auch längst vergangene. So ging es zum Anfang des vergangenen Jahrhunderts zu. Die bizarren Situationen sind bildlich festgehalten worden.

Die Bilder sind zu sehen in der wohl liebevollsten und vergnüglichsten Ausstellung, die Berlin im Augenblick zu bieten hat. Willy Römer heißt der Fotograf, der seit Anfang des Jahrhunderts durch die Straßen Berlins zog und festhielt, was sich an Merkwürdigkeiten und Liebenswertem vor seinen Augen tat. Das sind nicht nur die Hinterhöfe mit den vielen Kindern oder das Nachtlokal im amerikanischen Zuchthausstil (mit elektrischem Stuhl und als Sheriffs verkleideten Kellner), das sind auch bewegende Bilder aus revolutionären Tagen, aus der Zeit der Inflation und der Armut. Es gibt Fotos, auf denen erstaunlich viele Kinder keine Schuhe tragen und auf der Suche nach Essbarem sind. Und es gibt Kinder, die auf der Straße Familie spielen.

Es ist eine Mischung aus Idylle und Respekt, die einem diese Bilder vermitteln. Sie geben eine Ahnung davon, wie schwer das einfache Leben vor nicht mal hundert Jahren war, welche Rolle die körperliche Arbeit hatte, welche chaotischen Verkehrszustände herrschten und wie viel Erfindergeist.

Es ist ein Segen, dass 60000 Fotos und 50000 Negative aus dem Archiv von Willy Römer die Bombennächte Berlins überlebten. Nun, zu seinem 25. Todestag sind sie zum ersten Mal in großem Umfang zu sehen. Das große Glück ist, dass sie Kinder genauso begeistern können, wie ältere Herrschaften, Historiker wie Touristen. Gehen Sie da bloß hin! Und planen Sie Zeit ein, es gibt viel zu sehen.

„Auf den Straßen von Berlin. Der Fotograf Willy Römer“ noch bis 27. Februar im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums Unter den Linden, täglich 10-18 Uhr.

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