Zeitung Heute : Alt Luxemburg

Wohlgefallen in Orangensauce

Bernd Matthies

Alt Luxemburg, Windscheidstr. 31, Charlottenburg, Tel. 323 8730. Nur Abendessen, sonntags geschlossen. Alle Kreditkarten. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Viele Restaurantbesucher haben Angst vor halbgaren Küchenexperimenten, viele mögen keinen Service, der sie vor lauter Wuseln kaum zum Essen kommen lässt. Wieder andere fallen in Panik, wenn sie für eine Vorspeise 33 und für eine Flasche Wein 120 Euro bezahlen sollen, und dann gibt es noch welche, die auf keinen Fall in einem bombastischen Hotelsaal sitzen wollen, weil sie dort die Platzangst überkommt. Bitte, Herr Matthies, wo sollen wir denn nun bloß hingehen?

Hm. Wenn nun trotz allem auch noch das Essen gut sein soll, kommt eigentlich nur noch ein unsinkbarer Berliner Klassiker in Betracht: das „Alt Luxemburg“. Über die Charlottenburger gute Stube, einen Hort der kulinarischen und stilistischen Bürgerlichkeit seit 20 Jahren, ist schon viel geschrieben, mindestens genauso viel aber auch wieder vergessen worden, dass es mich alle paar Jahre wieder hinzieht.

Wird das auch diesmal gelingen? Ach, was sollte hier schon schief gehen. Bürgerlich – das sollte in diesem Fall bitte nicht als spießig oder langweilig verstanden werden. Karl Wannemacher, der Patron und Küchenchef, hat immer ein waches Auge auf das Treiben der Konkurrenz gerichtet, nur bleibt er sich halt selbst treu und rennt nicht mehr jeder Neuerung hinterher, traktiert keinen Gast mit Experimenten, für die er sich hinterher womöglich entschuldigen müsste. Nennen wir es leichte, aufgeklärte Klassik: Das Kalbsbries (ein wenig schwer zu schneiden) findet sich in würzigen Roten Beten geerdet, eine sehr dezent süße Portweinreduktion baut die Brücke zwischen beiden Ufern. Entenlebermousse mit Quittengelee und Entenleberterrine geben sich nicht als Inszenierung der Kontraste, sondern zeigen die Möglichkeiten der Nuancierung; ein kleiner Salat spendet Farbe und Würze.

Selten gelingt es Küchenchefs, mit Beschränkung auf drei harmonisch angeordnete Elemente so viel Wohlgefallen auf der Zunge zu stiften, hier klappt es andauernd: Jacobsmuscheln auf Lauch in Orangensauce, Doradenfilet in Bouillabaisse-Sauce mit Fenchel und Sauce Rouille. Beste Produkte, optimal verarbeitet. Und es hat sich auch nichts daran geändert, dass die Fleischgerichte wie Inseln der Beständigkeit das Menü krönen, nichts für Avantgardisten, nichts für Food-Fotografen, sondern eben einfach, hol’s der Teufel: lecker. Zart die echt wilde Wildente mit Schupfnudeln, Pilzen und Spitzkohl, sanft das Kalbsfilet mit Gemüse-Makkaroni-Gratin und Schwarzwurzeln.

Die Menüportionen sind eher schmal, aber das geschieht mit Vorbedacht. Denn hier gibt es die besten Berliner Desserts. Ich sage das bei voller Anerkennung aller gelungenen Versuche junger Köche, aus dem Kanon des üblichen Dessert-Geschmacks auszubrechen. Doch wenn hier die Mokka-Variationen mit einem hinreißend leicht-knusprigen Millefeuille auftauchen, wenn das weiße Schokoladeneis zwischen zwei sanft krunchenden Nougatplatten schmilzt, eine Schokoroulade den Mund füllt, ohne zu beschweren und der perfekte Blätterteig die Mangoscheiben nur eben zart und buttrig zusammenhält, dann kann ich nicht widerstehen und nehme doppelt.

Den Rest kennen die Stammgäste seit Jahren. Ingrid Wannemacher berät auf ihre unprätentiöse, trockene Art wie immer, ein Kellner füllt die Lücken mit geräuschloser, nie störender Präsenz, und so geht einmal öfter alles so gut, dass die anfänglichen Zweifel fast peinlich schmecken. Wein? Das Thema wird hier bewusst flach gehalten, vor allem preislich. Man wünschte sich bisweilen etwas mehr Glamour und Weinadel statt einfach nur guter Weine. Doch die sind hier allemal sachkundigst ausgewählt, neuerdings vor allem mit klarem Bekenntnis zu den jungen ostdeutschen Erzeugern. Die eigenen Weine von Martin Schwarz, dem Kellermeister auf Schloss Proschwitz, habe ich in Berlin noch nie anderswo gesehen – das Kennenlernen lohnt sich. Vier Gänge kosten 65, fünf 72 Euro, das ist der Spaß wert. Wer nicht auf Überraschungen um jeden Preis setzt, sondern nur einfach gut essen will, ist hier immer noch genau richtig.

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