Zeitung Heute : Alt werden: Interview: Auch junge Menschen können sich nicht alles merken

Was kann man tun[um möglichst lange geistig]

Susanna Re, 30, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg.

Was kann man tun, um möglichst lange geistig fit zu bleiben?

Im hohen Alter spielen die gleichen Dinge eine Rolle wie in jungen Jahren: Neben ausgewogener Ernährung und körperlicher Bewegung spielt es eine wichtige Rolle, sich die geistige Aktivität zu erhalten. Aber gerade hier gibt es oft Missverständnisse: Man glaubt, mit einem besonderen Training dem Gedächtnis einen Kick geben zu können. Meine Empfehlung lautet dagegen: Erhalten Sie sich die Neugier! Betreiben Sie das weiter, was Ihnen im bisherigen Leben Freude gemacht hat. Worin das besteht, ist natürlich individuell sehr verschieden und hat sich Lauf eines langen Lebens herausgebildet.

Aber was tun, wenn man den Eindruck hat, dass das Gedächtnis leidet?

Konzentrationsfähigkeit und Informationsaufnahme werden oft wirklich zur Schwachstelle. Man muss sich klar machen: Im hohen Alter kann vieles das Gedächtnis beeinträchtigen, von Schlafstörungen bis zu Flüssigkeitsmangel. Das Gedächtnis baut nicht ab, aber es wird schwieriger, sich neue Dinge zu merken. Bei eigentlich ganz normalen Gedächtnisleistungen kommen jetzt aber auch Ängste auf, nur weil man manchmal etwas vergisst: Man fragt sich, ob das jetzt schon Alzheimer ist. Dabei passiert so etwas jedem: Auch ich stehe als junger Mensch mal im Keller und frage mich, was ich hier eigentlich holen wollte! Vielen älteren Menschen rate ich, die Ansprüche herunterzuschrauben und sich ruhig eine Liste der zu erledigenden Dinge zu schreiben.

Zu speziellem Gedächtnistraining raten Sie nicht?

Das Gedächtnis ist kein Muskel, das Training kann deshalb nicht wie beim Muskel-Aufbau funktionieren. Es ist wissenschaftlich nicht erwiesen, dass das Lösen spezieller Aufgaben Einfluss auf die Alltagsleistungen hat. Wenn man das gerne macht, spricht nichts dagegen, aber die Lösung für Gedächtnisprobleme sind solche Programme nicht. Da hilft es schon eher, sich gezielt Merkhilfen aufzubauen.

Und was hilft, um im hohen Alter seelisch zufrieden zu bleiben?

Studien zeigen: Es ist entscheidend, nach vorne zu denken und Pläne zu schmieden. Man muss sich Aufgaben suchen und Ziele setzen. Ganz wichtig ist, sich trotz mancher Beeinträchtigungen die sozialen Kontakte zu erhalten. Übrigens ergaben die Studien auch, dass selbst 90-Jährige bewusst im Heute leben. Natürlich häufen sich schwere Lebensereignisse, aber es ist ein Vorurteil, dass alte Menschen besonders häufig depressiv wären. Wenn Depressionen auftreten, kann man sie heute meist gut behandeln. Jedenfalls führen gesundheitliche Beeinträchtigungen und Pflegebedürftigkeit nicht automatisch zur Depression.

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