Zeitung Heute : Alt werden: Wie wird man 100?

Adelheid Müller-Lissner

Auf die Frage, warum er denn mit 90 noch so viel übe, hatte der berühmte Cellist Pablo Casals eine entwaffnende Antwort parat: "Damit ich besser werde!" Eine Ausnahme-Geschichte, gewiss - aber eine, die für immer mehr Menschen praktische Bedeutung entwickeln könnte. Wer heute 80 wird, hat in Nordeuropa im Schnitt noch sieben bis acht Jahre Leben vor sich. Vor 30 Jahren waren es nur vier.

Doch wir wollen mehr. Immer wieder fasziniert Laien wie Forscher die Frage: Wie wird man über 100? Wie schaffte es die legendäre Französin Jeanne Calment, ihren 122. Geburtstag zu erleben? Das Interesse hat sich inzwischen von hochbetagten bulgarischen Kefir-Konsumenten auf auffallend langlebige sardische Bauern verlagert. Ist es der gesunde, stressarme, ländliche Lebensstil und der gute Wein, der die Sarden so alt werden lässt? Weil auf der Mittelmeerinsel aber auffallend viele Männer die 100 überschreiten, was sonst eher Frauen vergönnt ist, vermuten Forscher, dass gemeinsame Gene die Hochbetagten verbinden: In der Zeitschrift "Science" (Band 291, S. 2074) wurde unlängst darauf hingewiesen, dass die Sarden über viele Jahrhunderte recht abgeschieden gelebt haben.

Der Krebs kostet drei Jahre

Sicher ist: Die breitenwirksame, statistisch zu Buche schlagende Lebensverlängerung verdanken wir zu großen Teilen der Reduktion der Säuglings- und Müttersterblichkeit und dem Sieg gegen viele Infek-

tionskrankheiten. Jenseits der 50 ist die Hoffnung auf statistische Lebensverlängerung dagegen mit dem Kampf gegen Krebs, Herzinfarkt und Diabetes verknüpft. Amerikanische Berechnungen haben ergeben, dass Frauen drei Jahre länger leben würden, wenn es gelänge, den Krebs zu besiegen. Würden auch Herz-Kreislauf-Krankheiten und Zuckerkrankheit komplett ausgerottet, so stiege die Lebenserwartung summa summarum um 15 Jahre. Maßvolles Essen und ein durch viel Bewegung gekennzeichneter Lebensstil reduzieren das Risiko für diese Erkrankungen drastisch.

Was Gesundheit und Leistungsfähigkeit anbetrifft, so ist ein durchschnittlicher 70-Jähriger des Jahres 2002 einem 65-Jährigen des Jahres 1970 vergleichbar. Fünf gute Jahre sind hinzugekommen. Trotzdem mögen die Erfolge manchem bescheiden vorkommen im Vergleich zu denen, die Biologen beim Rundwurm Caenorhabditis elegans erzielten: Durch Manipulation einiger weniger Gene konnte seine Lebensspanne verdoppelt werden, einige wenige Exemplare lebten gar fünfmal so lang wie ihre naturbelassenen Artgenossen. Doch Gene haben vielfältige Aufgaben, und der Preis der biotechnologischen Lebensverlängerung würde höchstwahrscheinlich in mangelhafter Kontrolle fehlerhafter Zellentwicklungen liegen. "Gute Gene" für Langlebigkeit - ablesbar etwa an vier Großeltern, die über 80 wurden - werden auf absehbare Zeit nicht beliebig einzuschleusen sein.

Mehr Erfolg verspricht einstweilen, neue Elemente in den Lebensstil einzuschleusen. "Lebenskünstler leben länger", so resümiert der Arzt und Buchautor Till Bastian die einschlägigen Forschungsergebnisse. Und das "Deutsche Ärzteblatt" fasste so zusammen, was man über das Geheimnis der Hundertjährigen heute weiß: "Supersenioren sind aktive Menschen, die ihrer Umwelt gegenüber entspannt, selbstbewusst und eher dominant auftreten."

Länger zu leben heißt aber bekanntlich nicht automatisch, auch länger gut zu leben. Der schönen Musiker-Anekdote vom Beginn dieses Textes steht die Statistik gegenüber: Jeder dritte über 80-Jährige ist pflege- und hilfsbedürftig. "Die evolutionär gewachsene Biologie ist keine Freundin des Alters", muss denn auch der Berliner Alternsforscher Paul Baltes konstatieren. Verschleiß droht den Gelenken, Einschränkung der Anpassungsfähigkeit dem Immunsystem, Reduktion der Reparaturkapazität den Zellen, Verlust der Plastizität dem Gehirn.

Wir leben für die Gene

Manche hoffen, dass das Wundermittel gegen alle Altersgebrechen eines Tages gefunden wird - und setzen so lange auf die Kryonik: Tiefgekühlt wollen sie nach ihrem einstweiligen Ableben warten, bis ihnen die Wissenschaft ein langes, wenn nicht gar ewiges Leben ermöglicht. Mit möglicherweise fatalen Folgen für die Art: "Gäbe es das Sterben nicht, käme die Evolution zum Stillstand", wendet der Biologe Mark Benecke ein, Autor des Buchs "Der Traum vom ewigen Leben".

Der britische Biologe Richard Dawkins hält unseren Körper gar schlicht für den Erfüllungsgehilfen unserer Gene: Sie benutzen uns nur, um sich - durch unsere Fortpflanzung - zu erhalten. Leuchtkäferweibchen, Schwarze Witwe und Gottesanbeterin verspeisen ihre Gatten bisweilen schon kurze Zeit nachdem diese ihrer Fortpflanzungspflicht Genüge getan haben. So gesehen ist es schon Luxus, nach erfolgreicher Aufzucht der Nachkommen überhaupt noch weiterleben zu dürfen.

Bescheidenheit empfiehlt sich also: "Ziel der medizinischen Alternsforschung ist nicht die Verlängerung des Lebens um jeden Preis, sondern Grundlagen dafür zu schaffen, dass der Mensch gesund und in Würde alt werden kann", sagt der Direktor des Instituts für Biomedizinische Alternsforschung in Innsbruck, Georg Wick. "Kompression der Morbidität" nennt das der Mediziner. Im Glücksfall wird es ein "gesegnetes Alter".

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