Zeitung Heute : Alte Besen kehren gut

Der Oldiemarkt: Ein Discounter in Neuruppin beschäftigt nur Menschen über 45

Antje Hildebrandt[Neuruppin]

Neulich hat er Peter bedient. Es war eine ungewöhnliche Begegnung. Vor der Wende hatten sie zusammen in einer Großküche gearbeitet, er, Ralph Gröschel, als Chef, Peter als Koch. Und plötzlich saß der Vorgesetzte a.D. an der Kasse eines Discounters und zog Knäckebrot und Katzenfutter über einen Scanner.

Er trug jetzt eine Krawatte, doch sonst, so erschien es Peter, hatte er sich kaum verändert. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der er früher den Speiseplan diktiert hatte, verkündete er jetzt den Preis für Knäckebrot und Katzenfutter. Sie haben dann noch ein wenig in Erinnerungen geschwelgt. Und Ralph Gröschel, der zu DDR-Zeiten im Kombinat Industrielle Mast eine Abteilung mit 13 Mitarbeitern leitete, hat gesagt, wie froh er sei, sich nicht mehr mit Minijobs durchwursteln zu müssen. Mit 55 werde es Zeit, an die Zukunft zu denken. Die Rente.

Gröschels neuer Arbeitgeber, das ist die Discounterkette Netto. Im brandenburgischen Neuruppin hat sie im Mai 2003 eine neue Filiale eröffnet. Auf den ersten Blick unterscheidet sie sich nicht von anderen Discountern, wenn … – ja, wenn da nicht die Journalisten wären, die seit einiger Zeit durch die Gänge pirschen, um Ralph Gröschel und seine Kollegen zu interviewen.

Schuld daran ist ein gewisser Herr Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit. In der Netto-Filiale hatten die meisten den Namen noch nie gehört. Doch seit Herr Weise in einem Interview gesagt hat, für Arbeitslose über 55 in den neuen Bundesländern sei die Lage nicht nur trist, sondern hoffnungslos, sprechen die Neuruppiner seinen Namen aus, als handelte es sich um ein Virus, das eine unheilbare Krankheit überträgt.

Dabei ist diese Netto-Filiale so etwas wie eine Insel der Seligen, wer hier arbeitet, ist mindestens 45 Jahre alt und war schon eine Weile arbeitslos. „Oldiemarkt“, so nennen sie diese Filiale in Neuruppin, halb spöttisch, halb liebevoll. „45 plus“ heißt das Projekt im Firmenjargon. Die Idee stammt aus Kopenhagen und ist ursprünglich, kaum zu glauben, aber wahr, aus Personalnot geboren. Als die dänische Mutter der Netto-Gruppe, Dansk Supermarked, Mitte der 90er Jahre Personal für eine neue Filiale suchte, stand sie vor einem Problem. Der Stellenmarkt war so gut wie leergefegt. Mit einer radikalen Reformkur war es dem dänischen Wohlfahrtsstaat gelungen, die Arbeitslosenquote zu halbieren.

Notgedrungen griff Dansk Supermarked auf die stille Reserve zurück – auf Langzeitarbeitslose, die die 45 schon überschritten hatten. Die neuen Kollegen sollten sich bewähren. Wider Erwarten meldeten sie sich nicht häufiger krank als jüngere Kollegen, das Geschäft lief ausgesprochen gut. „Kunden lobten die familiäre Atmosphäre und den freundlichen Service“, sagt Margit Kühn, Geschäftsführerin der deutschen Netto-Gruppe, die inzwischen über 223 Filialen unterhält, die meisten in den neuen Bundesländern.

In Brandenburg, dort, wo jeder Fünfte arbeitslos ist, sprach sich der Erfolg dieses Projektes herum. Als Netto 2003 Pläne für einen neuen Discounter in Neuruppin einreichte, trat der Einzelhandelsverband an Margit Kühn heran: Ob sie nach dem Erfolg in Kopenhagen nicht deutschen Langzeitarbeitslosen eine Chance geben wolle?

Margit Kühn wollte. Zur Kultur des Unternehmens gehöre auch eine gewisse soziale Verantwortung, sagt die Geschäftsführerin. Man kann das vorbildlich finden. Man kann ihr aber auch gewisse PR-Absichten unterstellen. In Neuruppin hatten Aldi und Lidl den Markt schon untereinander aufgeteilt. Wer hier Fuß fassen wollte, musste sich etwas einfallen lassen.

Arbeitsplätze als Aushängeschild? In Brandenburg ging dieses Kalkül auf. Noch heute, zwei Jahre nach der Eröffnung, flattern dem Discounter Bewerbungen ins Haus. „Manche Leute kommen sogar in den Markt, um zu fragen, ob es Arbeit für sie gibt“, sagt die stellvertretende Filialleiterin, Monika Giesen.

Neuerdings kommen sie von weiter her. Die Äußerungen des Herrn Weise haben den Oldiemarkt ins Licht der Öffentlichkeit gerückt und aus ihm eine Art Symbol für den Widerstand gegen Hartz IV gemacht. Hier einzukaufen gilt als Akt der Solidarität. Es sind überwiegend ältere Kunden, die ihre Wagen zur Kasse schieben.

Menschen wie Bernd Rudolf, 64, Bauarbeiter, seit drei Jahren arbeitslos. Ein Mann mit wettergegerbtem Gesicht, der von sich selber sagt, er habe sein Leben lang gearbeitet, aber jetzt, jetzt gehe es nicht mehr. Seine Pumpe. Marode geworden wie der Motor einer Jobmaschine. „Mensch, Ralph“, sagt er, „hast du das gehört? Über fünf Millionen Arbeitslose.“ Gröschel hört zu. Der Smalltalk gehört im Oldiemarkt zum Service. Den Kunden an die Hand nehmen und ihn durch das Sortiment lotsen. Das ist es, was sich viele auch außerhalb des Marktes wünschen. Orientierungshilfe. Mit seiner 40-Stunden-Woche komme er meistens nicht hin, sagt Gröschel, während er sich im Aufenthaltsraum einen Kaffee einschenkt.

Neben Gerhard Schönwald, der mal Elektriker war, ist Ralph Gröschel der einzige Mann im Markt. Und als solcher prädestiniert für körperlich schwere Arbeiten. Getränkekisten stapeln. Paletten leer räumen. Für 1000 Euro netto im Monat.

Eigentlich, sagt Monika Giesen, müsse bei Netto jeder alles machen, sogar putzen. Doch Grötschel hilft gerne, wenn eine starke Hand gebraucht wird. Wenn es die Gisela im Kreuz hat. Oder die Ingrid nicht mehr kann. Er weiß, dass sie sich revanchieren. „Es ist ein bisschen wie früher“, sagt Grötschel. Das Wir-Gefühl sei plötzlich wieder da.

Vielleicht ist es das, was seine Kollegin Marlies Heinzgen meint, wenn sie den Job im Discounter mit einem Sechser im Lotto vergleicht. Marlies Heinzgen ist 52 Jahre alt, sie müsste nicht arbeiten, wenn sie nicht wollte, ihr Mann verdient genug für zwei. Doch als sie vor vier Jahren ihren Job als Fleischereiverkäuferin verlor, sei sie in ein tiefes Loch gefallen, sagt sie. Inzwischen hat Marlies Heinzgen ihr Gleichgewicht wiedergefunden. Nicht nur sie. Überdurchschnittlich motiviert sei ihr Team, freut sich die stellvertretende Marktleiterin Monika Giesen, die mit 48 Jahren die Jüngste im Oldiemarkt ist.

Neulich hat sie sich demonstrativ vor ihre Kollegen gestellt. Das Geschäft brummte, es war ein Angebotsmontag, und ein Kunde stänkerte, weil sich die Kollegin an der Kasse vertippt hatte: „Warum sitzen da lauter alte Leute herum?“ Giesen hielt dem Herrn einen Vortrag über Arbeitsmoral. Sie ertappte sich dabei, wie sie ihm eine Frage stellte, die sie jetzt auch gerne an den Chef der Bundesagentur für Arbeit richten würde: „Wie alt sind Sie eigentlich?“

Fragt man Ralph Gröschel, was der Nachwuchs von den Älteren lernen könne, dann rückt er seine Krawatte zurecht und wartet ein bisschen. Man dürfe sich nicht zu schade zum Putzen sein, sagt der Chef a.D. schließlich. Und fügt einen Satz an, der klingt, als hätte ihn ein Motivationstrainer für besonders schwere Fälle reserviert: „Ich bin immer noch der Gleiche.“

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