Zeitung Heute : Alte Eisen glühen wieder „Raus aus der Tretmühle“

Der Jugendwahn in den Betrieben wird zum Auslaufmodell. Laufbahnplanung auch für Endfünfziger Senioren können künftig erst später in Rente gehen – aber es gibt einen Vertrauensschutz

Regina–C. Henkel

Wer seit 30 oder mehr Jahren im Berufsleben steht, bekommt einen Stempel verpasst: Silberhaar, Best Ager, Mitglied der Generation 45plus. Selbst die Bundesagentur für Arbeit fällt da nicht aus dem Rahmen. Ihre „Extra-Tipps für ältere Bewerber“ gipfeln im Rat: „Denken Sie auch an befristete Arbeitsverhältnisse, freiberufliche Aufträge oder die Gründung einer selbstständigen Existenz.“ Als 50-Jähriger noch eine normale Angestellten-Position finden zu können, halten die amtlichen Arbeitsberater offensichtlich für ziemlich ausgeschlossen.

Ganz falsch liegen die Nürnberger Jobagenten nicht. Jeder zweite Betrieb hier zu Lande beschäftigt keinen einzigen Mitarbeiter mehr, der seinen 50. Geburtstag schon hinter sich hat. Heiner Evanschitzky von der Uni Münster spricht vom „Jugendwahn“.

Doch ausschließlich auf junge Mitarbeiter und Belegschaften zu setzen, erweist sich zunehmend als Sackgasse. Schon im Jahr 2020 wird mehr als ein Drittel der potenziellen Arbeitskräfte älter als 50 Jahre sein. Und so arbeiten vorausschauende Betriebe inzwischen an Strategiepapieren, wie wieder mehr „ältere“ Arbeitnehmer beschäftigt werden können. Doch Mitarbeiter einzustellen, die die 60 überschritten haben, gilt derzeit noch als Sensation – oder wird als PR-Aktion abgestempelt. Dabei beteuert etwa Otmar Fahrion, Chef der Fahrion Engineering GmbH in Kornwestheim: „Ich mache das aus rein wirtschaftlichen Gründen.“ Der Unternehmer hatte mit dem Anzeigentext „Mit 45 zu alt – mit 55 überflüssig?“ um „Ingenieure, Techniker und Meister bis 65“ geworben. Innerhalb von sechs Wochen gingen 522 Bewerbungen ein, 180 davon waren „sehr gut passend“.

Die Chefetage der Ingelfinger Bürkert-Werke lieferte ein anderes Vorzeigebeispiel. Ein 55-jähriger Werkzeugmacher, der sich in 40 Jahren bis zum Abteilungsleiter in der Arbeitsvorbereitung weiterqualifiziert hatte, wurde bei einer Reorganisation nicht in die Arbeitslosigkeit entlassen, sondern betreut jetzt das Coaching der Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Klaus Frink von der Geschäftsführung: „Wer Rosen züchten und Reisen möchte, kann früher gehen, aber wir brauchen einen gesunden Mix von Jung und Alt, um produktiv zu sein, damit Erfahrungen weitergegeben und Innovationen vorangetrieben werden.“ Für jeden Mitarbeiter gibt es bei Bürkert eine Laufbahnplanung, auch für Endfünfziger.

Beim Thema Personalabbau wird auch bei der Deutschen Bank und bei Daimler-Chrysler nicht mehr ausschließlich an Vorruhestand und Altersteilzeit gedacht. Die Unternehmen erforschen in einem Projekt „Respect“, wie Arbeitszeit und Arbeitsplatzgestaltung besser auf die Bedürfnisse älterer Mitarbeiter abgestimmt und wie altersspezifische Stärken mit neuen Lernformen ausgebaut werden können.

Doch derlei Projekte und Überzeugungen sind noch längst nicht an der Tagesordnung. So wundert es den Berliner Zukunftsforscher Professor Rolf Kreibich (siehe Interview rechts ) nicht, dass die Meinungsforscher von dimap herausfanden, dass 84 Prozent der arbeitenden Bevölkerung eine Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre ablehnen. Auch den frühzeitigen Ausstieg aus dem Arbeitsleben, weil das Gefühl, „es einfach nicht mehr zu schaffen“, überhand nimmt, kann Kreibich verstehen. „Diese Begründung sollte man ernst nehmen“, findet auch Professor Bernd Witte vom Berufsgenossenschaftlichen Arbeitsmedizinischen und Sicherheitstechnischen Dienst (BAD). Witte hält es für falsch, allein die Arbeitnehmer in die Pflicht zu nehmen. „Das entscheidende Moment ist die Qualität der Arbeit“, sagt auch der Bielefelder Pofessor Bernhard Badura. Er bezeichnet neben einem systematischen Gesundheitsmanagement vor allem auch eine „verbesserte Menschenführung in den Organisationen“ als ausschlaggebend für die Bereitschaft, länger zu arbeiten. Der Gesundheitswissenschaftler hält es für entscheidend, „wie der Einzelne sich in seinem Job fühlt und als wie belastend oder anregend er seine Arbeit empfindet.“

Bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) stoßen solche Appelle inzwischen auf offene Ohren. Volker Hansen von der Abteilung Soziale Sicherheit: „Die Anforderung an die Betriebe ist, Arbeitsplätze für ältere Angestellte entsprechend umzugestalten und frühzeitig Angebote zur Weiterbildung zu machen.“

Wie dringend das Umdenken in den Betrieben ist, zeigt die Erwerbsstatistik. Derzeit arbeiten von allen über 55-Jährigen gerade noch 39 Prozent. Jeder siebte Erwerbsfähige im Alter zwischen 55 und 59 Jahren ist arbeitslos. Michael Müller vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) nennt diese „Verbannung der Älteren aus dem Arbeitsprozess einen gesellschaftlichen Skandal mit verheerenden psychologischen Folgen“. Es sei auch wirtschaftspolitisch verhängnisvoll, „wenn über 50-Jährige einfach zum ,alten Eisen’ abgestempelt werden“.

Wohl wahr: Die Marketing-Agentur Consodata veröffentlichte gerade ihre Studie „Neue Typologie für die Zielgruppe 50plus“. Die Befragung von über 50-Jährigen ergab: Fast ein Drittel der so genannten Best Ager gehören zum Typ der Macher und Engagierten (siehe Grafik unten). Die Perspektive, bis über den 65. Geburtstag hinaus zu arbeiten, ist für sie kein Problem. Im Gegenteil. „Diese Gruppe erfreut sich bester Gesundheit, und übernimmt gerne Verantwortung“, sagt Ottmar Franzen, Studienleiter und Geschäftsführer von Konzept & Markt in Wiesbaden. Vor allem gelte das für die 50- bis 54-Jährigen, die sogar zur Hälfte aus Machern und Engagierten bestehe.

„Ich befürchte, dass ich die wohl verdiente Rente nicht mehr erlebe“, beschreibt Rasputa in einem Webforum für so genannte Best Ager ihre Not. „40 Jahre harter Arbeit“ habe sie hinter sich, jetzt möchte sie aus „dieser Tretmühle“ aussteigen. Doch die 54-Jährige ist sicher: „Auf ein Entgegenkommen meines Arbeitgebers brauche ich nicht hoffen.“

Rasputa wird wohl bis zu ihrem 63. Geburtstag durchhalten müssen, bis die erste Rente auf dem Konto ist. Ihr Arbeitgeber hat darauf keinen Einfluss – selbst wenn er wollte. Denn am 16. Juni hat der Bundestag das „Rentenversicherungs-Nachhaltigkeitsgesetz“ (BR Drs. 1/ 04 G034) mit Kanzler-Mehrheit dann doch durchgebracht. Der Bundesrat hatte Mitte Mai Einspruch erhoben. Als Bestandteil der Agenda 2010 tritt das neue Gesetz jetzt zum 1. Januar 2005 in Kraft und regelt – für Rasputa vor allem von Bedeutung – unter anderem die Altersgrenzen für den abschlagsfreien Bezug von Altersrente. Der frühest mögliche – etwa wegen Arbeitslosigkeit oder nach Altersteilzeit – wurde von derzeit 60 Jahren auf 63 Jahre angehoben. Versicherte, die nach dem 31. Dezember 1951 geboren sind, hatten schon bislang keinen Anspruch mehr auf diese Rentenart. Und Rasputa ist Jahrgang 1950. Beschlossen ist jetzt eine schrittweise Anhebung der Altersgrenze in den Jahren 2006 bis 2008, von der dann alle ab 1946 geborenen Versicherten betroffen sind. Konkret heißt das: Im Januar 1946 Geborene bekommen die Altersrente frühestens mit 60 Jahren und einem Monat, im Februar 1946 Geborene frühestens mit 60 Jahren und zwei Monaten und so weiter. Im Dezember 1948 und später Geborene können nach dieser Logik also frühest möglich mit 63 Jahren eine Altersrente wegen Arbeitslosigkeit oder nach Altersteilzeitarbeit in Anspruch nehmen. Ein Rentenbezug vor diesem Zeitpunkt ist – auch unter Inkaufnahme von Abschlägen – bei dieser Altersrente dann grundsätzlich nicht mehr möglich. Doch gibt es Ausnahmen. Vertrauensschutz haben nach dem neuen Gesetz alle Versicherten, die a) vor dem 1. Januar 1952 geboren sind und b) vor dem 1. Januar 2004 rechtsverbindlich einen Aufhebungsvertrag oder einen Vertrag über Altersteilzeit mit ihrem Arbeitgeber ausgehandelt haben. Auch wer an diesem Stichtag arbeitslos gemeldet war, fällt in diese Regelung. In diesen Fällen wird die Altersgrenze für die frühest mögliche Inanspruchnahme nicht angehoben. Rasputa, Jahrgang 1950, hat Pech gehabt. Sie muss noch eine ganze Weile in der von ihr als „Tretmühle“ empfundenen Arbeitswelt bleiben. rch

Mehr Infos unter www.aus-portal.de/aktuell/gesetze/01/index_1114.htm

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