Zeitung Heute : Alte Lügen neu entdeckt

Wie die Kampfkraft des Irak vor zwölf Jahren war

Martin Gehlen

Viel Feind, viel Ehr, mag sich Dick Cheney gedacht haben. Über eine Million Soldaten habe Saddam Hussein unter Waffen, alle bestens gerüstet und hoch motiviert, erklärte im Herbst 1990 der damalige Verteidigungsminister und heutige US-Vizepräsident. Am 2. August war der irakische Diktator in Kuwait einmarschiert, mit ihm die angeblich siebtstärkste Armee der Welt. Diszipliniert, organisiert und kriegserfahren sei die Truppe, warnte Golfkriegsgeneral Norman Schwarzkopf, der die Stärke des Gegners verbal noch einmal aufstockte – auf 1,5 Millionen Soldaten, 5000 Panzer und 1000 Flugzeuge. Einzig der damalige Generalstabschef der US-Luftwaffe, General Michael Dugan, widersprach. Die irakische Luftwaffe sei schwach und die Heeresführung inkompetent, erklärte er gegenüber Journalisten. Stunden später war er seines Amtes enthoben.

Darum blieben Behauptungen des Pentagon vor Beginn des Luftkrieges unwidersprochen, die Iraker hätten in Kuwait 547000 Soldaten mit 4200 Panzern und 3100 Geschützen stationiert. Einzig die „St. Petersburg Times“ aus Florida hielt dagegen. Sie hatte sich in Russland kommerzielle Satellitenaufnahmen beschafft und diese einem amerikanischen Auswertungsexperten vorgelegt. Dieser konnte keine Beweise finden für die behauptete massive irakische Militärpräsenz in Kuwait.

Zwei Jahre nach dem Golfkrieg bestätigte dann ein 89 Seiten starker Bericht des amerikanischen Kongresses offiziell, dass die Zahlen des Pentagon weit übertrieben waren. Danach waren zu Beginn des Luftkrieges am 17. Januar 1991 maximal 361000 Besatzungssoldaten in Kuwait, denn die irakischen Divisionen waren nach den Untersuchungen der US-Fachleute höchstens zu zwei Dritteln besetzt. Zu Beginn des Bodenkrieges am 24. Februar 1991 standen dann nur noch 183000 Soldaten Saddam Husseins den mehr als 660000 Soldaten der Alliierten gegenüber – ein Größenverhältnis von eins zu vier.

152000 der teilweise nur mit Übungsmunition ausgerüsteten und mitunter halb verhungerten Männer waren zu diesem Zeitpunkt bereits desertiert, etwa 26000 durch alliierte Luftangriffe ums Leben gekommen. Von den verbliebenen 183000 Irakern ergaben sich 63000 bei der ersten Gelegenheit in amerikanische Gefangenschaft, weitere 20000 starben in den viertägigen Gefechten der Operation Desert Storm. Etwa 100000 Soldaten, in erster Linie Mitglieder der Republikanischen Garden, konnten sich kurz vor Ende der Kämpfe auf irakisches Territorium zurückziehen. Insgesamt flogen die Alliierten 42000 Angriffe gegen den Irak, die etwa 150000 Menschen das Leben kosteten. Saddam Husseins Luftwaffe gelangen überhaupt nur 380 Starts, bevor er nach neun Tagen die restlichen hundert Kampfjets im Iran in Sicherheit bringen ließ. Auf alliierter Seite starben insgesamt 148 Soldaten, davon 38 durch eigene Leute.

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