Zeitung Heute : Alte Meister, neue Technik

Wenn Firmen oder Labore präzise Materialanalysen benötigen, ist Know-how aus Berlin gefragt. Im Technologiepark Adlershof siedeln sich Optik-Spezialisten mit Weltgeltung an

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Von Heiko Schwarzburger Die Berliner Wirtschaft ist in wenigen Branchen so stark, dass sie bundes- oder weltweit Maßstäbe setzt. Doch im Geschäft mit Licht und Röntgenstrahlen bietet die Region ein dichtes Netz an Instituten und Firmen, die sich der Optik und Lasertechnik verschreiben. Zentrum der Branche ist Adlershof, von dort treten die neuen Produkte ihre Reise um die Welt an: Messgeräte, Analysetechnik oder Sonden zur Untersuchung von Oberflächen und Materialien.

Um die Weltmärkte besser ins Visier zu bekommen, holen sich die regionalen Unternehmen Verstärkung ins Haus: Ende des vergangenen Jahres wurde die in Adlershof ansässige Röntec AG von Bruker AXS aus Karlsruhe übernommen. Röntec ist auf Röntgendetektoren und analytische Zusatzgeräte für die Elektronenmikroskopie spezialisiert. Der Käuferkreis ist überschaubar, gute Elektronenmikroskope kosten so viel wie ein Einfamilienhaus nebst Grundstück.

Ein Spezialgerät von Röntec kommt in Kunstmuseen zum Einsatz. Damit können zum Beispiel die Pigmente eines alten Ölgemäldes, das Holz von Ikonen oder Blattgold auf Altarfiguren analysiert werden. „Solche wertvollen Stücke passen natürlich nicht in ein Elektronenmikroskop“, sagt Ulrich Waldschläger, Leiter des Produktmanagements bei Bruker AXS Microanalysis, wie die neue Adlershofer Tochter nun offiziell heißt. „Dafür braucht man mobile Geräte, zum Beispiel in Restaurations-Werkstätten.“ Artax, so der Name des Produkts, vereint eine Röntgenröhre, einen Detektor, eine filigrane Optik, um den Röntgenstrahl punktgenau zu fokussieren, und eine Videokamera in einem sehr kompakten, genau positionierbaren Messkopf.

Mit Bruker AXS ist einer der großen Anbieter von Messgeräten zur Untersuchung von chemischen Stoffen und kleinsten Strukturen in Berlin eingestiegen. Das Unternehmen gehört zur Bruker BioSciences Corporation, die an der Technologiebörse Nasdaq notiert ist. Den Adlershofern bietet dieser Deal das Sprungbrett zum wichtigen US-Markt. „Damit erhalten wir im internationalen Geschäft deutlich größere Spielräume“, sagt Waldschläger.

Bruker AXS beschäftigt in Adlershof derzeit etwa 50 Mitarbeiter und will weitere einstellen. Der Umsatz soll von 5,8 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2004 und 2005 auf acht Millionen Euro im Jahr 2006 steigen. Bruker AXS stellt in Adlershof beispielsweise Geräte zur exakten Analyse von Materialproben her.

Dabei werden die Proben mit Elektronen oder Röntgenstrahlen beschossen, bis sie eine eigene Röntgenstrahlung aussenden. Dieser Strahlung entnehmen die Physiker, welche chemischen Elemente in der Oberfläche der Messprobe sitzen. Die Messsignale aus dem Röntgendetektor werden elektronisch verarbeitet, eine Software ermittelt, welche Elemente sich in welcher Konzentration in der Probe befinden. Solche Messgeräte werden als Zusatzmodule zu Elektronenmikroskopen eingesetzt, beispielsweise im Automobilbau, in der Stahlindustrie, in der Chipherstellung – oder eben bei der Analyse alter Meister.

„Im Unterschied zu unseren Mitbewerbern sind unsere Geräte für die Mikroanalyse um ein Drittel kleiner und bis zu zehn Mal schneller“, erläutert Dieter Weirauch, der bei Bruker AXS in Adlershof diese Produktpalette verantwortet. „Unser Detektor nutzt einen Halbleiterchip aus Silizium, den wir gemeinsam mit einem Labor der Max-Planck-Gesellschaft und einem Münchener Unternehmen entwickelt haben.“ Um den technologischen Vorsprung zu halten, ist fast ein Drittel der Belegschaft mit Forschung und Entwicklung beschäftigt. Die zugehörige Röntgenoptik, also die Linsen, um die Röntgenstrahlen auf den Punkt zu bündeln, hat das Institute for Scientific Instruments (IfG) entwickelt, ein Nachbar von Bruker in Adlershof.

„Die Röntgenoptik ist ein junges Gebiet“, sagt Norbert Langhoff, der Chef des IfG. „Wir konzentrieren uns auf die so genannten Polykapillarlinsen, in dieser Technologie sind wir weltweit führend.“ Polykapillarlinsen sind hohle Glasröhren, in deren Innerem sich die Röntgenstrahlen wie an einem Spiegel reflektieren und auf diese Weise bündeln.

Von der Übernahme der Röntec durch Bruker AXS verspricht sich Langhoff neue Aufträge, unter anderem als Zulieferer für Artax. „Die Übernahme der Röntec zeigt deutlich, dass Adlershof in der Röntgenmikroskopie und Röntgenspektrometrie ein international anerkanntes Schwergewicht geworden ist.“

Hochwertige optische Messtechnik kommt nicht nur vom aufstrebenden Technologiestandort Adlershof. Schon seit 1864 ist Schmidt & Haensch ein Markenname in der Feinmechanik und Optik. Heute produziert der Traditionsbetrieb in Reinickendorf unter anderem automatische Refraktometer. Mit den Messgeräten lässt sich zum Beispiel der Saccharose-Gehalt in Zuckerrüben oder Coca Cola ermitteln. „Auf diesem Gebiet sind wir Weltmarktführer, unsere Hauptkonkurrenten sitzen in Japan, Großbritannien und den USA“, sagt Geschäftsführer Matthis Kuchejda. Seine Großmutter war eine Haensch – er leitet das Familienunternehmen in fünfter Generation.

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