Zeitung Heute : „Alte Menschen dürfen nicht fünftes Rad am Wagen sein“

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Eine Studie der Charité besagt, dass sich viele alte Menschen aus Angst vor Pflegeheimen umbringen. Wie werten sie diese steigende Tendenz, Frau SteinhagenThiessen?

Für Deutschland gibt es wenig Befunde zu den Ursachen für Suizid bei alten Menschen. Denn das gehört zu den Tabuthemen. Wir haben gerade beim Alter viele Tabus wie zum Beispiel Demenz oder Inkontinenz.

Wie kann man dem begegnen?

Es gibt andere Länder wie Finnland, Australien, Norwegen, Neuseeland, in denen es Maßnahmen dagegen gibt. Diese Länder haben Suizidpräventionsstrategien, die packen das Thema an. Die wichtigste Komponente dabei ist die Erkennung und Behandlung depressiver Erkrankungen. Die haben eine dementsprechend bessere Ausbildung, auch von ehrenamtlichen Helfern in den jeweiligen Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens. Wir haben keinerlei solche Programme – und das, obwohl die WHO ihren Mitgliedsstaaten bereits 1989 empfohlen hat, Suizid als ein nationales Problem des öffentlichen Gesundheitswesens anzuerkennen.

Warum gibt es das bei uns nicht?

Es gibt kein Geld – andere Dinge sind wichtiger.

Wie kann der Angst alter Menschen begegnet werden?

Es ist traurig, dass das Alter nur negativ besetzt ist. Natürlich gibt es schreckliche Pflegeheime und Menschen, die im Alter schwer krank werden. Es handelt sich dabei aber um einen geringen Teil der Alten.

Wie lässt sich das Bild denn wandeln?

Das Alter muss uns viel mehr wert sein. Wie viele alte Menschen haben wir in Deutschland? Es gibt aber nur vier Lehrstühle für Altersmedizin. Das ist weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein. Neue Arbeitsfelder lassen immer neue Kosten vermuten, davor scheut man sich.

Das heißt, das Alter ist als Thema noch gar nicht richtig angekommen.

Ja, genau.

Und es ist zu teuer?

So würde ich es nicht sagen. Aber die Sparmaßnahmen in unserem Gesundheitswesen sind schon eher zum Weglaufen. Wer wohlhabend ist, hat es leichter.

Werden alte Menschen ihrer Würde beraubt?

Stellen Sie sich vor, sie waren ihr Leben lang ein eigenständiger Mensch und können nun nicht mehr allein auf die Toilette gehen. Das macht schon Angst. Wir dürfen darüber nicht hinweggehen. Die Alten heute sind die, die unser Land aufgebaut haben. Bei denen dürfen wir nicht sparen.

Was ließe sich also verbessern?

Die Alterssozialisierung, denn im Alter sterben viele aus dem Umfeld weg. Es müßte neue Wohnformen geben: eine Idee wären da Alten-WGs. Wichtig ist auch die andauernde Fortbildung von Personal, die im medizinischen, pflegenden Dienst arbeiten – das betrifft auch die Hausärzte. Wir brauchen eine bessere Vernetzung der Einrichtungen, damit die Leute wissen, an wen sie sich wenden können, gerade in Krisensituationen. Das Alter und alte Menschen dürfen nicht immer das fünfte Rad am Wagen sein – das ist Aufgabe von uns allen.

Elisabeth Steinhagen-Thiessen ist Leiterin des Evangelischen Geriatriezentrums in Berlin.

Das Gespräch führte Stephanie Nannen.

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