Zeitung Heute : Alte Schallplatten hören

Helmut Schümann

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Aus Pauls Zimmer schallte erstaunliche Musik. Der Vater saß nebenan. Das Stück kam ihm bekannt vor, eine E-Gitarre jaulte. „All along the watchtower“, aber eindeutig nicht Dylan, der da sang. Das war Hendrix, Jimi Hendrix, 1970 gestorben. Paul ist noch keine 18. Na ja, dachte der Vater, wird wohl Radio sein, schön, dass die sich auch mal an Hendrix erinnern. Dann folgte „Voodoo Child“, „Catfish Blues“, „Red House“, der Vater öffnete die Tür zu Pauls Zimmer. Das Radio war aus, Paul hörte CD, hörte Hendrix. Wie der Vater, als er noch 17 war. Und da war Hendrix auch schon drei Jahre tot. „Paul, du wirst ja erwachsen“, sagte der Vater.

Dann war Paul mit ein paar anderen Postpubertisten in einer Ausstellung: Stanley Kubrick. Jetzt kennt Paul Dr. Seltsam, Full Metal Jacket, A Space Odyssey, Clockwork Orange und so weiter. „Irgendwie hattet ihr es besser früher“, sagte er beim Männergespräch zum Vater, „die Filme waren besser und die Musik war besser.“

„Ach, ja“, sagte der Vater. „Nee,ne“, sagte Paul, als er den Blick des Vaters sah. Und als die Mutter ins Zimmer kam, sagte Paul, „geh, lieber wieder, Opa erzählt jetzt gleich vom Krieg“.

Ein paar Tage darauf wollte Paul die alten Schallplatten vom Vater anschauen. „Phh“, sagte der Vater, „ich weiß nichts vom Krieg.“ „Nun hab dich nicht so“, sagte Paul, „wo sind die Platten?“

„Auf dem Hängeboden. Wie du unschwer bemerkt haben dürftest, sind deine Eltern auch in der Neuzeit angekommen. Ich kann schon einen CD-Player bedienen.“ „Na, ja“, sagte Paul, „an und aus.“

Dann war er auf den Hängeboden geklettert. Und war wieder runtergekommen. Iron Butterfly, Blind Faith, Cream, das Woodstock-Album, Janis Joplin, und die Doors, und die Doors, und die Doors. Paul ging zum Plattenspieler, der auf dem CD-Player steht. Eric Clapton, Ginger Baker, Jack Bruce, The Cream machten den Anfang. „Äh“, sagte Paul, „diesen Hebel legt man auf die Platte?“ „Ha“, sagte der Vater, „Triumph! Der Hebel ist der Arm, vorne ist eine Nadel dran, die setzt du auf die Platte.“ Gutes bleibt eben, dachte er.

Stanley Kubrick. Im Martin-Gropius-Bau. Noch bis zum 11. April, Mi.-Mo. von 10 - 20 Uhr.

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