Zeitung Heute : Alte Schule

Ziegenfrischkäse mit Kümmelkaramell

Bernd Matthies

Alte Schule, Zur Alten Schule 5, Fürstenhagen, Tel. 039831/22023, Mi-So ab 18 Uhr, www.hotelalteschule.de. Foto: K. Kleist-Heinrich

Der Frühling kommt, die Vögel zwitschern, der Großstädter macht sich auf den Weg in die Stille des ländlichen Raums. Aber wohin? Kaum etwas wird so gern gesucht und weitergegeben wie die richtige Adresse für einen längeren Ausflug. Doch wenn wir sie endlich haben, lassen wir uns trotzdem von großstädtischer Hektik regieren: 60 Prozent der Berliner Ausflügler fahren abends wieder nach Hause, das besagt eine aktuelle Statistik, und es erklärt auch, warum die Gastronomie dort draußen nicht in die Gänge kommt. Denn wer abends wieder zu Hause sein will, der geht mittags essen oder hält sich doch zumindest beim frühen Abendessen stark zurück. Das drückt den Getränkeumsatz, macht angenehme, anspruchsvoll eingerichtete Zimmer unrentabel – und in diesem Teufelskreis überlebt kaum ein anspruchsvolles Restaurant in Brandenburg.

Deshalb ärgere ich unsere Hektiker jetzt vorsätzlich mit einem Restaurant in Mecklenburg. Zugegeben: Wer unbedingt will, der wird selbst von Fürstenhagen, einem Dorf am Rande der Feldberger Seenlandschaft, abends noch die mindestens anderthalb Stunden nach Berlin zurückfahren. Aber das wär schön blöd. Denn die netten Hotelzimmer in der „Alten Schule“ dortselbst kosten nicht einmal 70 Euro für zwei, das ländlich gehaltvolle Frühstück ist mit drin, und wer einen Ort weiß, wo man noch ruhiger schläft, der kann sich ja mal melden.

Wozu das Ganze? Natürlich, um bei Florian Löffler, dem Schulhausmeister, gut zu essen. Den Namen kennt man in Berlin: Löffler war mehr als fünf Jahre im „Vau“, zuletzt als höchst erfinderischer Co-Küchenchef. Dann zog es ihn als Chef ins Discorestaurant „Goya“, vermutlich ein Fehler, aber der Absturz des Projektes am Nollendorfplatz war sicher zu allerletzt seine Schuld.

Halten wir fest: Der Mann kann kochen. Und das tut er draußen in Mecklenburg in ganz wunderbarer Weise, aber unangestrengt, nie so, dass jeder Teller „Ich will einen Stern!“ schreit, oder was unsere Avantgarde-Gourmet-Teller sonst noch so daherreden. Hier geht es ländlich-sittlich zu, ganz auf regionale Produkte orientiert, aber natürlich nicht nach mecklenburgischen Rezepten, so eng geht Löffler an die Sache nicht heran. Es gibt also beispielsweise Salate, die so sind, wie Salate sein sollten. Kein Durcheinander grüner Blätter, sondern präzise abgepasste Kombinationen, die auch gute Regionalprodukte aus der Umgebung wie den wunderbaren Ziegenfrischkäse herausstellen, hier in Verbindung mit roten Beten, Orangen und sanft würzigem Kümmelkaramell oder mit Wildkräutern und Forellenfilets.

Löffler kann lustige Kaninchenfagottini drehen, kleine Nudeltaschen mit Kaninchenfilets und einem Klecks sahniger Sauce, er kann Zanderfilets präzise auf der Haut braten und auf einem köstlichen Tomaten-Bohnenragout anrichten oder Rinderfilet mit Rotweinzwiebeln und Schwarzwurzeln so kombinieren, dass alle Komponenten zur Geltung kommen und sich aromatisch ergänzen. Der Lammrücken ist geradezu knusprig, ein Stück geschmorte Schulter besorgt die geschmackliche Erdung, Bärlauchrisotto tritt hinzu.

Nein, das ist keine Avantgarde-Schau, sondern in seiner schlichten, gradlinigen Auffassung eine moderne Landhausküche, wie wir sie auch in der Stadt nicht ungern sähen. Darf es zum Dessert noch ein Kürbiskernparfait mit Birnen-Kürbis-Salat sein? (Drei Gänge 36 bis 39,50 Euro.) Dazu gibt es eine kleine Auswahl exzellenter Weine: Schon die offenen sind beispielsweise von Klaus Keller (Rheinhessen) oder der toskanischen Fattoria di Felsina, dann geht es von etwa 20 Euro in kleinen Schritten aufwärts bis zu einem 2001 Rauzan-Gassies für 84 Euro. Selbst in Verbindung mit einem Doppelzimmer ergibt das ein Paket bester Preis-Qualitätsrelation.

Es wäre vielleicht noch anzumerken, dass die Feldberger Seenlandschaft, von der B96 über Fürstenberg und Lychen leicht erreichbar, ein echtes Kleinod ist und den Vergleich mit Rheinsberg jedenfalls nicht zu scheuen braucht. Die Ausflugssaison ist eröffnet!

Aber rufen Sie bitte vorher an in Fürstenhagen. Die andern tun’s auch.

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