Zeitung Heute : Alte Seiten und schimmelige Links

Jutta Heess

Es gibt nichts Schlimmeres als Menschen, die beleidigt sind. Die die Schuld an ihrem Unglück den anderen geben. So ist das zumindest im richtigen Leben. Und im Internet? Ist es nicht anders. Kein bisschen. Da war zum Beispiel Frank Hilbig. Er hatte die hübsche Idee, mit einem kostenlosen Basketballergebnisdienst unter www.hilbig.de die Netzmitbewohner zu erfreuen. Einige Monate hat das Vergnügen gedauert. So lange hat er gebraucht, um festzustellen, dass dieselben Informationen auch andernorts im Internet angeboten werden. Und deshalb niemand auf seine Seite surft. Konsequenterweise hat Herr Hilbig seinen Dienst eingestellt. Vorher pflegte er jedoch noch den Hinweis ein, dass er sich ab sofort ganz seinen Interessen widmen werde. Herr Hilbig hat offensichtlich erst einmal eine Netzpleite gebraucht, um zu wissen, worauf es ankommt. Wahrscheinlich ist er mittlerweile Topscorer seines Basketballteam in der A-Klasse Nordwest-West. Und träumt von einer Karriere in der NBA. Oder so.

Dabei ist er nicht der Einzige, dessen Website kein Schwein interessiert. Wer mal mit den Stichwörtern "Service" und "eingestellt" googelt, wird merken, dass das Internet in Wirklichkeit ein Abfalleimer ist. Immer mehr Informationen verschrumpeln - ganz im Sinne Neil Postmans - zu Müll und gammeln im Netz vor sich hin. In Form von alten Seiten und schimmeligen Links. Meistens versehen mit dem schlichten Hinweis: "Dieser Service wurde eingestellt. Bitte haben Sie Verständnis." Aber wer sich den Cyberspaß macht, das digitale Altpapier genauer durchzublättern, wird auch auf lahm gelegte Seiten stoßen, die eigentlich noch existieren müssten. Das schö nste Beispiel fristet unter www.wallstreetwoman.de sein abgeschaltetes Dasein. Die Ex-Betreiberinnnen dieses Ex-Business- und Börsendienstes nur für Frauen haben sich mit einer flammend-eingeschnappten Rede von ihrem Projekt und ihren Kundinnen verabschiedet: "Die Gründe für die Löschung von WallStreetWomen liegen in der Tatsache, dass wir es trotz mehrerer tausend Zugriffe in der Woche nicht schafften, WallStreetWomen zu einem Kommunikationsmedium zu machen. Alle Bitten um Mitarbeit und Interaktion seitens der Userinnen wurden ignoriert." Ja, so sieht es aus - die Userinnen sind schuld am Untergang der New Economy. Hätten sie nur mal anständig zugegriffen, dann wäre es niemals so weit gekommen. Die trotzigen Wallstreet-Frauen geben aber immerhin zu, etwas aus dieser Pleite gelernt zu haben und hängen nicht nur ihre Website, sondern auch gleich ihren Idealismus an den Nagel. Bieten sie doch die vakanten Domains zum Verkauf oder zur Vermietung an. Inklusive vorhandenem Content - in dem "mehrere hundert Arbeitsstunden stecken". Wenn das nicht den hier und soeben ins Leben gerufenen Onlinepreis "Die beleidigste aller Leberwürste" verdient hat.

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