Zeitung Heute : Alte Weisheit

Mit dem Streit um die Finanzierung der Renten ist die Kluft zwischen Jung und Alt größer geworden. Die einen fühlen sich abgeschoben, die anderen ausgebeutet. Dabei können beide Seiten nicht aufeinander verzichten. Ganz im Gegenteil.

Ruth Ciesinger

Von Ruth Ciesinger

Das Alter, so scheint es, ist in erster Linie teuer. Ältere Arbeitnehmer verdienen mehr, sind öfter krank und genießen dafür einen besonderen Kündigungsschutz – so die gängige Meinung. Jüngere dagegen halten sich für kreativer, flexibler und sowieso leistungsfähiger. Doch an dem Konflikt Jung gegen Alt muss sich etwas ändern. Denn die deutsche Bevölkerung schrumpft. Auch wenn die hohe Arbeitslosigkeit es schwer vorstellbar macht, bereits in etwa zehn Jahren wird es zu wenig Arbeitskräfte geben – wenn die Alten nicht länger im Job bleiben.

Das jetzige Durchschnittsalter liegt bei etwa 41. Im Jahr 2050 wird es, nach Angaben der Enquête-Kommission für demografischen Wandel, auf 48 Jahre angestiegen sein. Es gibt Berechnungen, nach denen am Ende dieses Jahrzehnts 58 Prozent aller Angestellten die 40 bereits überschritten haben werden, jeder Vierte soll älter als 50 Jahre alt sein. Allerdings ist das mitnichten ein Schreckensszenario. Denn ältere Arbeitnehmer sind besser als ihr Ruf.

Keine Studie belegt, dass die Leistungsfähigkeit mit dem Alter generell nachlässt. Dass ältere Angestellte aber für leichter entbehrlich gehalten werden, wirft Barbara Koller vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung einer falschen Politik vor. Initiativen wie die zur Frühverrentung oder die aktuellen Pläne des Hartz-Konzepts suggerieren ihrer Ansicht nach: Alte oder ältere Arbeitnehmer sind am ehesten verzichtbar. Mit der Folge, dass fast die Hälfte der 55- bis 65-Jährigen in den Vorruhestand entlassen werden.

Dabei haben viele Personalchefs keine schlechte Meinung von ihren älteren Angestellten. Koller hat in einer groß angelegten Studie je nach Betriebsgröße Geschäftsführer, Personalleiter oder Personalreferenten nach Einschätzung und Erfahrung mit älteren Kollegen befragt. Knapp zwei Drittel halten ältere Arbeitnehmer für wichtig für den Betrieb, im Gegensatz dazu legte nur etwa ein gutes Drittel besonderen Wert auf junge Arbeitskräfte. Gerade für Leitungsfunktionen schätzen die meisten Personaler die Berufs-, aber auch Lebenserfahrung Älterer, deren Kenntnis über die Abläufe im Betrieb ebenso, wie dass im Alter offenbar gestiegene Verantwortungsbewusstsein. In den Gesprächen habe sie nicht den Eindruck gewonnen, dass es bei den Arbeitsplätzen für Ältere um „Schonarbeitsplätze“ gehe, sagt Koller. Das Ergebnis der Studie beim Krankenstand hat sie dementsprechend überrascht. Denn hier schnitten Ältere teilweise sogar besser ab als Jüngere, was allerdings im Widerspruch zur Krankenstandsstatistik steht.

Obwohl Einigkeit herrscht, dass Leistungsfähigkeit und Lebensalter in keinem direkten Zusammenhang stehen, bestätigen die meisten Personaler, dass die Bereitschaft, Neues zu lernen, nachlässt. Bei Arbeitsplätzen, wo es auf Reaktionsgeschwindigkeit und schnelle Informationsverarbeitung ankommt, etwa bei Computerarbeitsplätzen, sind Ältere benachteiligt. Das liege jedoch mehr an Angst und mangelnder Übung, sagt Hartmut Buck vom Fraunhofer Institut. Wer jahrelang nichts Neues anpacken musste, fürchte sich vor dieser Situation, und wer immer mit Routineaufgaben beschäftigt sei, verliere an Flexibilität. Deshalb fordern die Arbeitsmarkt-Experten seit langem „lebenslanges Lernen“ und Mitarbeiter-Entwicklung auch für die Angestellten über 45. Dass solche Weiterbildungskurse in manchen Unternehmen kaum auf Resonanz stoßen, liegt nach Ansicht von Buck an der Art der Präsentation. Seminare dürften sich nicht ausschließlich an ältere Mitarbeiter wenden, sagt er. Denn dann fühlten sich die Teilnehmer sofort wieder stigmatisiert.

In Finnland wurden in einer langjährigen Studie ältere Arbeitnehmer und ihre Leistung bewertet; das „FinnAge – Respect for Ageing“-Programm hat zudem verschiedene Fördermaßnahmen in der Praxis geprüft. Dabei hat sich herausgestellt: Wer sich weiterqualifizieren kann und gleichzeitig auch durch Sport oder andere Aktivitäten einen Ausgleich zur Arbeit findet, dessen Lern- und Aufnahmefähigkeit kann im Alter sogar noch zulegen. Auch Jüngere profitieren von der Erkenntnis. Denn gleichzeitig zeigte sich: Wer sich in jungen Jahren nicht völlig verausgabt, hat deutlich mehr Chancen, im Alter fit zu bleiben. Für die Zukunft wird die Frage also sein, in welche Richtung steuert unsere Arbeitswelt, und welche Qualifikationen werden dementsprechend gefordert.

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