Zeitung Heute : Alter Glanz für die „Nuttenbrosche“

Der Tagesspiegel

Lichtenberg/Mitte. Er wird aussehen wie immer: alt, verwittert, in die Jahre gekommen. Und das nach einer halbjährigen Schönheitskur! Wenn der „Brunnen der Völkerfreundschaft“ in einigen Wochen wieder auf dem Alexanderplatz sprudelt, fragen sich wahrscheinlich viele, was die Handwerker eigentlich in den vergangenen Monaten getan haben. Denn die Spuren der Zeit sind nach wie vor deutlich an dem Kunstwerk von Walter Womacka abzulesen.

Die 17 schweren Metallschalen haben ihre vornehme Grünspanfärbung behalten. An manchen Stellen ist das Material ungleichmäßig aufgeraut und vereinzelt tauchen Reste einer goldenen Bemalung auf. Aber nur, wenn man ganz genau hinschaut. Der Schmiedemeister und Metallgestalter Hans-Joachim Kunsch, der vor 31 Jahren den Brunnen nach Womackas Entwürfen baute, hätte dem Kunstwerk gerne sein ursprüngliches kupferfarbenes Aussehen wiedergegeben. Doch der Denkmalschutz spielte nicht mit. Und so werden in der Lichtenberger Metallbau-Firma Kunsch seit Spätherbst vergangenen Jahres neue Schalen gegossen und mit historischem Blech verkleidet.

„Wir arbeiten praktisch umgekehrt als normalerweise üblich“, sagt der 71-jährige Firmenchef. Denn ursprünglich entstanden zuerst die Schalen und dann das Innenleben. Aber die unterschiedlich großen und zwischen 100 und 300 Kilogramm schweren Wasserbecken sind so stark beschädigt, dass sie nicht wieder verwendet werden können. „Sie wurden vom Rost regelrecht zerfressen“, erklärt Kunsch. Zu DDR-Zeiten stand aus Kostengründen für den Brunnen nur „normaler Stahl“ zur Verfügung. Jetzt wird nicht rostendes Material verwendet. Das Kupferblech ist dagegen noch brauchbar und wird geduldig von den Metallarbeitern entfernt.

Mehr als 1000 Einzelteile lagern in der Werkstatt und auf dem Hof an der Lichtenberger Siegfriedstraße. Schwierig sei es, sagt Kunsch, die gewaltigen Schalen so zu fertigen, dass die „alte Haut“ auch genau passe. „Inzwischen haben wir uns aber eingefuchst“, erzählt er. Anfangs musste allerdings eine Schale ein zweites Mal gebaut werden, weil die schmalen Kupferteile einfach nicht passen wollten. Zeichnungen aus den 70-er Jahren gibt es nicht mehr. Hans- Joachim Kunsch nahm noch einmal Maß.

Ob der Brunnen wie geplant zu Pfingsten wieder sprudelt, ist noch unklar. Zwar sind alle 17 Standrohre fertig, doch noch fehlen sieben Schalen. Die Arbeiten direkt am Alexanderplatz laufen auf Hochtouren. Das große Wasserbecken wird aufwändig saniert; die Elektroanlage wird erneuert. Weil nach Einschätzung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung der bekannte Brunnen auf einem der wichtigsten Plätze der Stadt steht, lässt sich die Landesregierung die Rekonstruktion einiges kosten: Rund 690 250 Euro stellt sie dafür zur Verfügung.

Auch die DDR-Führung wollte 1970 einen besonderen Brunnen für einen besonderen Ort. Deshalb wurde der ursprüngliche Entwurf kräftig aufgepeppt. „Mit Strass und bunten Glasperlen, ganz schön kitschig gemacht“, findet Kunsch. Kein Wunder, dass der Berliner Volksmund dem Alex-Brunnen den Namen „Nuttenbrosche“ verpasste. Für den Kunstschmiedemeister ist es trotzdem nach wie vor ein gelungenes Werk, an dem sich auch viele Touristen erfreuen. Kein Verständnis hat er aber für die Leute, die auf die Schalen klettern oder dort ihre Graffiti- Sprühereien verewigen.

Kunsch hinterließ übrigens überall in der Stadt seine Spuren: Auch die benachbarte Weltzeituhr, der Gründungsbrunnen und die Zunftzeichen im Nikolaiviertel sowie der Kronleuchter im Schauspielhaus oder die Balkonbrüstungen am Ephraimpalais stammen unter anderem aus der Werkstatt des Handwerkers. Steffi Bey

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