Zeitung Heute : Alter Löwe, leiser Löwe

Unsympath nannten sie ihn, Erzreaktionär. Dann wurde er sehr krank – und plötzlich ist Gerhard Mayer-Vorfelder wie verwandelt

Josef-Otto Freudenreich[Stuttgart]

Auf dem Bett liegen, in das ängstliche Gesicht der Tochter schauen und dann in den Operationssaal einfahren – „das ist ein Blick in die Ewigkeit“, sagt Gerhard Mayer-Vorfelder. Er erzählt die Geschichte vom 8. Februar 2006, von jenem Mittwochmorgen um neun Uhr im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus. Er erzählt sie ganz nüchtern, ohne eine Spur von Wehleidigkeit. Ein Virus hatte eine Herzklappe befallen, unentdeckt seit Jugendjahren, und jetzt musste sie raus, weil er an der „Grenze zwischen Leben und Tod“ angelangt war. Drei Monate hatte er Zeit, sich sein Leben davor ins Gedächtnis zu rufen, die ganze Gschaftlhuberei in der Stuttgarter Regierung als Kultus- und Finanzminister, beim VfB Stuttgart und beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Die Rückschau im Zeitraffer, sie hat den Menschen Mayer-Vorfelder verändert: Der alte Löwe brüllt nicht mehr.

Er gibt nicht mehr den Reaktionär, der Hausbesetzer mit SA-Horden vergleicht, Lehrer mit Turnschuhen aus dem Busch kommen sieht und Schüler alle drei Strophen der Nationalhymne singen lassen will. Er gesteht, dass er zu viele hat über die Klinge springen lassen. Er wischt den Vorhalt, dass ihn 90 Prozent der Deutschen ablehnen, nicht mehr mit einer Handbewegung weg. Er fragt nach dem Warum. Er trägt kein Panzerarmband mehr und auch keine Goldkette. Es scheint, als habe er sich in seinem 73. Lebensjahr aufs Wesentliche besonnen.

Der Blick zurück, und das ist neu, gerät ihm zur Relativierung der eigenen Bedeutung. Walter Jens, der ihn einst als rabiaten, zu keiner Selbstkritik fähigen Erzkonservativen bezeichnet hat, wäre beglückt. Er sei ersetzbar, sagt Mayer-Vorfelder, ohne kokett zu sein, nun aber mit einem Wirklichkeitssinn ausgestattet, der ihm lange in zu geringem Maße zur Verfügung gestanden hat.

Heute lächelt Mayer-Vorfelder über seine Anmaßungen, über sein Ego, das ihm bedeutete, dass es eigentlich egal sei, wer unter ihm Ministerpräsident oder Sonstwie-Präsident ist. Auf die Frage, was von ihm bleiben wird, antwortet er mit einem knappen Satz, den ihm keiner zutrauen würde: „Spuren im Sand, keine Zeichen für die Ewigkeit.“ Eine Rede von 1981, die einen Meilenstein in der Bildungspolitik gesetzt habe, die fällt ihm noch ein. Aber diese Rede ist nicht mehr auffindbar, vergraben in irgendeiner Kiste.

Mayer-Vorfelder ist leise geworden, bescheidener und ein wenig demütig, die „Endlichkeit des Daseins“ sei ihm bewusst geworden, sagt er. Da steht nicht mehr der selbst ernannte Held, der in keinem Gespräch versäumt hat zu prahlen, er werfe sich in jedes Schlachtgetümmel, erwarte die Pfeile mit blanker Brust. Er sei ein alter Mann, resümiert er, froh darüber, so alt geworden zu sein, bei seinem Lebenswandel, zu dem gehört hat, dass er immer als Letzter das Licht ausgeknipst hat. Heute fragt der Skandalerprobte, warum ihn die Leute, auf gut Schwäbisch, für einen „Seckel“ halten? Der Verweis auf seine Politik, seine Kamerageilheit, seine schrillen Auftritte mit Ehefrau Margit, all das genügt ihm nicht. „Es muss tiefer liegen“, vermutet er, „es kann nicht nur das Goldkettchen sein.“

Es ist ein wunder Punkt bei ihm, das Nicht-Geliebtwerden. Der Filbinger, ja, der mochte ihn. Aber dann? Späth? Teufel? Die nicht. Er sinnt darüber nach, warum er stets eine Reizfigur war, unbeliebt und wahrgenommen als arrogante Type. Eigentlich sei er doch ein „umgänglicher Mensch“, einer, der eben authentisch sei, im Gegensatz zu der glatt gebügelten Politikergeneration dieser Tage. Auch das ist eine Seite von ihm, das Sentimentale, das sich im Alter verstärkt hat.

Kurze Pause, Mayer-Vorfelder muss vor die Tür, ein Kamerateam will eine Stellungnahme zum Weggang des Fußballers Zvonimir Soldo aus Stuttgart. Der ehemalige VfB-Präsident strafft sich, zupft sein seidenes Einstecktuch zurecht, eine Zigarette muss er nicht mehr ausdrücken, weil er seit vier Monaten nicht mehr raucht. Er schnuppert nur noch kurz am Qualm des Gastes und bittet um hohen Konsum.

Sein Assistent Jan Lengerke nutzt die Gelegenheit zu erklären, dass er vergeblich daran gearbeitet hat, das „zementierte Feindbild“ zu lockern. In den Archiven lagere der immer gleiche Mayer-Vorfelder, klagt der 34-jährige Tübinger, der seines Herrn Büro leitet. Der eitle Multifunktionär, Unsympath, Provokateur – alles Etiketten, die ungeprüft recycelt würden. Wer die unendlich vielen Geschichten liest, der sieht, dass Lengerke Recht hat, der weiß aber auch, dass der Vielbeschriebene viel dazu beigetragen hat.

Es ist die Kehrseite der Sucht nach Öffentlichkeit, nach Bewunderung und Anerkennung. Der Politpfau hat die Kameras gesucht, seine Auftritte zelebriert und irgendwann nicht mehr gemerkt, dass sie ihm mehr geschadet als genutzt haben. Der Präsident mit Gattin Margit – meist im kürzesten aller Miniröcke – auf der Ehrentribüne, der Präsident im Trainingslager der Nationalelf, im Stuhl sitzend wie ein König, der seinen Hofstaat tanzen lässt, der Präsident mit schwerer Zunge bei „Christiansen“ – das sind die Momente, die sich eingegraben haben.

Und natürlich sein bizarrer Streit mit dem Südwestrundfunk, der ihn zur Witzfigur in einer Radio-Comedyserie gemacht hat. Mayer-Vorfelder fand sich als lallender DFB-Chef wieder („Gut, Jürgen, dann können wir jetzt zum Tafelwein, äh, zur Tagesordnung übergehen“) und prozessierte. Ausgerechnet sein Haussender habe das Bild eines Trunkenboldes gezeichnet. Er hat den Streit vorerst gewonnen, die negativen Schlagzeilen sind geblieben.

Beim DFB sind sie besonders gern gelesen worden. Dort, in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise, bekommen die Gesichter rote Flecken, wenn der Name Mayer-Vorfelder fällt. Der Diktator, unfähig zum Mannschaftsspiel, der Überflieger, der keine Akten liest, aber alles besser weiß, der Störenfried, der beim Tagesordnungspunkt elf plötzlich wieder über den dritten sprechen will, das wollen sie alle nicht mehr. Dass er noch, formal, für die Nationalmannschaft zuständig ist und für die Außenrepräsentation, das konnten sie ihm nicht nehmen. Aber die Geschäfte erledigt längst sein Mitpräsident Theo Zwanziger. Dessen Schreibtisch ist voll, im Büro gegenüber, wo sein Kollege zweimal in der Woche vorbeischaute, herrscht gähnende Leere. In der DFB-Chefetage sprechen sie inzwischen von einer Tragödie und davon, dass einer doch begreifen müsse, wann seine Zeit abgelaufen ist.

Gerhard Mayer-Vorfelder ist klug genug, diese Distanz und die Absicht, ihn abzuschießen, zu erkennen. Er weiß aber auch um seinen eigenen Anteil. Der alte Fuchs hat sich in seinem Bau vergraben, im sechsten Stock der Stuttgarter EnBW-Verwaltung. Im Zimmer A 614 ist er umstellt von einem Barockschrank, den er schon im Finanzministerium hatte, von Blumen, die ihm seine Frau mitgebracht hat, und einem gerahmten Goethe-Spruch: „Ein neues Jahr hat neue Pflichten, ein neuer Morgen ruft zur frischen Tat. Stets wünschen wir ein fröhliches Verrichten und Mut und Kraft zur Arbeit früh und spat.“

Ein Zimmer weiter wacht seine Ewigsekretärin Michaela Wagner über ihren Chef, daneben Jan Lengerke. Beiden traut er, allen dreien misstraut die DFB-Spitze, weil sie in ihnen eine Art Exilregierung sieht. Heute räumt Mayer-Vorfelder ein, dass es ein Fehler war, sich in Stuttgart abzuschotten: „Ich war zu selten dort.“ Da klingt auch Resignation durch und die Einsicht, den Machtkampf beim DFB verloren zu haben.

In solchen Augenblicken fällt immer der Name Beckenbauer. Der Franz, wie er ihn nennt, der kam in den Saal, und die Sonne schien, egal, was ihm gerade zu reden in den Sinn kam. Wenn der MV, wie er sich selbst gerne nennt, auftrat, legte sich ein Schatten über die Gesichter. Das hat er nie verstanden, weil er ein lustiger Unterhalter sein konnte. Er hat nur kapiert, dass er im Glanz der omnipräsenten Lichtgestalt verblasst, gegen sie keine Chance hat. Vor der Fußball-Weltmeisterschaft, die sein Glücksgipfel werden sollte, schmerzt das besonders.

Das Problem hat sich am 7. September 2006 erledigt, für den DFB. Dann ist Schluss mit dem Präsidenten Mayer-Vorfelder, kein Büro, kein Dienstwagen, kein Fahrer, kein Assistent und keine Sekretärin mehr. Was dann? Was wird aus einem, der seit 40 Jahren nicht mehr selbst Auto gefahren ist, der nicht weiß, wie man einen Fahrkartenautomaten bedient, dem eigentlich alles fehlt, was zur Alltagstauglichkeit verhilft? Der Befragte ist auf die Frage nicht vorbereitet, verweist auf die Uefa, für die er noch zwei Jahre in der Weltgeschichte herumkutschieren darf. Aber wen interessiert das? Seine Frau sitze gerne am Steuer, sagt er, sie könne Lücken füllen. Die vier Kinder bleiben. Wenigstens sie wissen, betont der Vater, dass er kein Rindvieh, kein Gauner und kein Trinker ist. Um sie will er sich endlich kümmern. Seine Tochter hat er schon bei der Fifa in Zürich untergebracht.

Es verblüfft, wie wenig Gedanken er sich über seine Zukunft macht. Ein Mayer-Vorfelder ohne Macht und all das Brimborium, das damit verbunden ist? Er müsse nicht mehr den Affen geben, beteuert er, nicht wie Heide Simonis in einer Tanzshow herumhüpfen. Den Bedeutungsverlust verkrafte er, der Bewährungsprobe stelle er sich. Aber wenn er ehrlich ist, ahnt er den Sturz, das tiefe Loch, in dessen Dunkel er verschwinden könnte. „Sprechen wir in zwei Jahren darüber“, sagt er leise, „dann weiß ich es.“ Früher hätte er seinen Löwenblick aufgesetzt und geknurrt, dass sich ein Mayer-Vorfelder vor nichts und niemandem fürchtet.

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