Zeitung Heute : Alter Zauber mit einem kalten Anstrich

MÄRCHENHÜTTE Das Hexenkessel Hoftheater bringt mit „Die Prinzessin auf der Erbse“ und „Der Tannenbaum“ erstmals auch Fabeln von Hans Christian Andersen auf di Bühne.

PATRICK WILDERMANN
Die Prinzessin auf der Erbse macht wieder Fisimatenten. Doch am Ende versammeln sich alle Darsteller zur fröhlichen Bescherung.
Die Prinzessin auf der Erbse macht wieder Fisimatenten. Doch am Ende versammeln sich alle Darsteller zur fröhlichen Bescherung.

Liebe Kinder, hier eine Warnung vorab: Wenn irgendwer anfängt zu weinen, wird nicht weitererzählt. Ja, die Geschichte kann traurig werden. Aber so ist das nun mal. Das Leben hat auch grausame Seiten. Matthias Horn lächelt. „Ich spiele einen Erzähler, der den Erwachsenen sogar Vorwürfe macht, dass sie ihre Kinder in so ein Märchen schicken.“ Was natürlich nicht ganz ernst gemeint ist. In den Märchenhütten Jacob und Wilhelm im Monbijoupark dürfte es auch in dieser Adventssaison nur glückliche Gesichter geben. Selbst im Stück „Der Tannenbaum“, das der Hexenkessel-Hoftheater-Recke Horn gerade probt. „Es handelt von einer kleinen Tanne, die sich sehnlichst wünscht, ein Weihnachtsbaum zu werden“, beschreibt er. Was in Erfüllung geht, in bunter Lichterkettenseligkeit. Bloß ist das schönste Fest ja irgendwann vorbei. „Und dann wird die Axt geschwungen.“ O Graus. Aber Moment mal? Was ist hier eigentlich los?

Eine kleine Revolution bahnt sich an in den Märchenhütten. Erstmals stehen neben den glühend geliebten Werken der Brüder Grimm auch drei Märchen von Hans Christian Andersen auf dem Spielplan. „Die Schneekönigin“, „Die Prinzessin auf der Erbe“. Und eben: „Der Tannenbaum“. Andersen erzähle im Vergleich zu den Grimms sehr psychologisch, so Horn: „Verzaubernd mit einem kalten Anstrich.“ Keine Frage, dass der alte Däne tolle Geschichten geschrieben hat. Horns Kollegin Carsta Zimmermann bleibt trotzdem wackere Verfechterin der reinen Grimm-Lehre. Von der Kraft dieser alten Sprache schwärmt sie: „Die wollen auch die Kinder unbedingt im Originalwortlaut hören. Wer davon abweicht, hat Disney geguckt!“ Die Hexenkessel-Protagonistin der ersten Stunde ist mit ihrem Grimm-Pensum bestens ausgelastet. In wie vielen Rollen Zimmermann und Horn durch die Märchensaison toben, zählen sie schon gar nicht mehr. Schließlich performen sie in jedem Stück mehrere Fabel-Parts. „Ich hatte vorher noch nie die Gelegenheit, den Tod, den Teufel und Gott binnen 20 Minuten zu spielen“, so Horn. „Gevatter Tod“ von den Brüdern Grimm macht's möglich.

„An Stresstagen hast du gerade eine Vorstellung beendet, schon wirst du umgeschminkt, in die nächste Hütte geschoben und weiter geht's“, amüsiert sich Zimmermann. Der Spaß ist trotz Märchenakkordarbeit ungebrochen. „Das ist eben das Hochleistungstheater, das wir perfektioniert haben und an dem wir uns selber messen“, betont sie. „Und das Zusammenspiel reift jedes Jahr wie guter Wein.“ Was sowohl für die Kinder- als auch für die Erwachsenenschiene gilt. Manche Märchen werden in nicht-jugendfreier Version dargeboten, wofür der Text übrigens nie verbogen werden muss. „Als der Wolf seine Lust gebüßt hatte, wälzte er sich auf die Seite und fiel in einen tiefen Schlaf“, zitiert Horn trocken die „Sieben Geißlein“. Da stoßen die Frauen im Publikum schon mal ihre Männer an: „Das kennste, ne?“

Überhaupt, das betonen beide, hielten die begeisterten und nach wie vor überraschenden Publikumsreaktionen frisch. „Bis hin zum Kinderausruf: ‚Das ist ja in 3-D!’“, so Zimmermann. PATRICK WILDERMANN

Vorstellungen Di bis So, auch am Heiligabend

www.maerchenhuette.de

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