Zeitung Heute : Alternative im System

Der Tagesspiegel

Von Hans Monath

Wer sich ehrlich neu begründen will, muss sich erst einmal radikal in Frage stellen. Die Grünen wollen sich an diesem Wochenende ein neues Grundsatzprogramm geben. Wenn sie wissen wollen, wohin sie das führen kann, müssen sie zwei Fragen stellen. Erstens: Was wären die Grünen ohne Joschka Fischer? Die zweite Frage klingt im Wahljahr noch bedrohlicher: Was wären die Grünen ohne die Macht-Beteiligung im Bund? Sind ihre Visionen stark genug, um auch aus der Oppositionsrolle politisch zu wirken?

Die Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Das zeigt, wie stark sich diese Partei in den mehr als 20 Jahren ihrer Existenz verändert hat – eben von der System-Alternative zur Alternative im System. Damit ist aber auch schon ein psychologisches Problem angesprochen: Von der Begeisterung jener frühen Jahre, von dem brennenden Glauben, der sich bekanntlich auch aus vielen politischen Irrtümern speiste, ist heute nur noch wenig zu spüren. Auf dem langen Weg zur Realpolitik, der nun im Programm nachvollzogen wird, ist die ansteckende Fröhlichkeit auf der Strecke geblieben.

Nun ist es ziemlich billig, einer Partei vorzuwerfen, dass sie keine neuen, großartigen Visionen auf den Markt wirft - auch die fortschrittlichste Politik kann schließlich nur mit jenen Ideen hausieren gehen, die sich schlaue Menschen irgendwann ausgedacht haben. Wir leben aber nicht im Zeitalter neuer gesellschaftlicher Großentwürfe, weshalb die Grünen sich redlich mühen, ihre alten Grundwerte Ökologie, Selbstbestimmung, Gerechtigkeit und Demokratie auf allen Politikfeldern durchzubuchstabieren.

Die Frage nach der Bedeutung Fischers, der die Partei im Wahlkampf nun auch offiziell dominiert wie nie zuvor, ist auch die Frage nach dem Generationenwechsel: Was bleibt von den Grünen, wenn jene Alterskohorte einmal abtritt, die ihre 68er- und Nach-68er-Irrtümer bewältigt hat? Auch darauf muss das Grundsatzprogramm eine Antwort geben. Ein Indiz wird sein, wie wichtig die Delegierten die neue Kinderpolitik nehmen. Der in die Jahre gekommenen Protestgeneration galt die Familie als spießig, manche Grüne reagieren immer noch empfindlich. Doch wenn es der Partei mit der Zukunft ernst ist, muss sie sich auch eine neue politische Kultur schaffen – und sich von alten Ressentiments verabschieden.

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