Zeitung Heute : Alternatives Reisen (9): Bildung, nicht Bleikristall und Billigbutter

Stefan Woll

Erster Platz bei den Städtereisen mit "Das Jüdische Prag", dritter Platz mit "Naturzaubereien im Böhmerwald" in der Sparte Familienreisen: Das Regensburger Ein-Mann-Unternehmen "Begegnung mit Böhmen" sorgte mit dieser für einen Wettbewerbs-neuling eindrucksvollen Bilanz bei der diesjährigen Entscheidung um die "Goldene Palme" der Zeitschrift "Geo Saison" für Aufsehen unter den Reiseveranstaltern hierzulande. Dabei ist das "sanfttouristische Modellprojekt", das 1990 aus der Taufe gehoben wurde, längst eine feste - und bewusst bescheiden expandierende Größe im ökotouristischen Marktsegment.

Leiter und Gründer von "Begegnung mit Böhmen" ist der Kulturwissenschaftler Erwin Aschenbrenner, der nach Mauerfall und Blockauflösung mit drei Radtouren zum "unbekannten Nachbarn" begann. Mittlerweile hat er jährlich 90 Gruppenreisen im Programm, bei denen sich die Teilnehmer in Böhmerwald und Moldautal, Bäderdreieck und Riesengebirge bildend erholen und erholsam bilden. Als umweltverträgliche Mittel, sich diese Kulturlandschaft im Westen Tschechiens zu erarbeiten, setzt Aschenbrenner ausschließlich auf Rad, Kanu, Langlaufski und, so nötig, auf den öffentlichen Nahverkehr. Personelles Rückgrat der meist achttägigen Reisen, die Aschenbrenner ausnahmslos selbst erkundet hat, ist eine Schar tschechischer Partner, die in grenzüberschreitender Zusammenarbeit eine in dieser Gegend seltene, wenn nicht einzige Alternative zum ansonsten dominierenden Einkaufstourismus bieten. Ihnen geht es um Neugier und Bildung, nicht um Bleikristall und Billigbutter, um nachhaltige Reiseerlebnisse, nicht um schnellen Konsum.

Diese Experten führen "behutsam zu unscheinbaren Details und Merkwürdigkeiten, zu verkannten und übersehenen Orten, in den Alltag der Menschen". Aufgespürt werden, literarisch oder musikalisch untermalt, noch sichtbare oder lang verwehte Spuren, die Dichter und Denker wie Goethe, Kafka, Stifter, Kundera oder Hrabal, die aber auch Komponisten wie Bach, Dvorak oder Smetana in und von dieser Kulturlandschaft hinterlassen haben.

Bundesweit mehr als 7000 Personen sind laut Aschenbrenner bislang seinem Lockruf zu den böhmischen Dörfern erlegen, 30 Prozent von ihnen Stammpublikum. Durchschnittlich um die 55 Jahre alt, bildungshungrig und wissensdurstig, akademisch vorgeprägt und - oft eigener Wurzeln wegen - "unbändig interessiert" an den östlichen Nachbarn, ist die Klientel Aschenbrenners die lebendige Verkörperung lebenslangen Lernens.

Böhmische Dörfer ungeschminkt zu erfahren, bedeutet aber auch Abschied nehmen von lieb gewonnenen touristischen Standards, die hier erst langsam im Kommen seien. So reibt sich auch kaum ein Begegnungswilliger daran, dass das Frühstück bisweilen ungewöhnliche Zutaten bereit hält oder manche Herberge nur noch vom Glanz früherer Jahre zehrt. Auch das gehört zur angestrebten Authentizität ohne Kosmetik. So melden sich "auch nur wenig die falschen Leute an".

Im kommenden Jahr will Aschenbrenner bei "Begegnung mit Böhmen" mit fünf Angeboten einen noch stärkeren musikalischen Akzent setzen; auch das Riesengebirge erhält größeren Raum im Programm, und als absolute Novität taucht erstmals das Elbsandsteingebirge auf. Das Preisgefüge für diese wie auch die übrigen Angebote reicht von etwa 300 Euro bis zu 550 Euro - in aller Regel gerechnet ab dem Reiseausgangspunkt, dem Bahnhof von Bayerisch Eisenstein.

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