Altersirrtum : Rehhagel und die Lippenleser

Wenn Väterchen, ergraut, noch einmal in die Cowboystiefel und dann auf die Harley steigt, um auf dem Ku’damm, der Leopoldstraße in München oder der Kö in Düsseldorf den jungen Dingern zu imponieren, dann ist das einerseits ein wenig lächerlich. Andererseits nicht weniger tragisch. Auf der anderen Geschlechtsseite findet sich selbstredend auch die alternde Lady, die sich auf Discoqueen trimmt. Es ist aber auch so schwer zu begreifen, dass eine gewisse Zeit vorbei ist – Guido Westerwelle ist nur ein Beispiel dafür. Die Welt ist voller Menschen, die nicht loslassen wollen, können, die sich im Zentrum wähnen, in dem sie vielleicht mal waren oder auch nicht, auf jeden Fall ist es inzwischen anderweitig besetzt. Das jüngste Beispiel war am Mittwochabend im Fernsehen zu beobachten, und zwar auf der Tribüne der Schalker Arena, in der die Schalker Mannschaft ihren Triumphmarsch durch Europa fortsetzte – insgesamt berauscht und auf berauschende Weise umjubelt, umtost und umfeiert, in einer Art und Weise, wie es nur der Fußball in Momenten des Glücks gestattet. Es werden wohl wieder auch andere Zeiten kommen.

Und das jüngste Beispiel heißt Otto Rehhagel. Gott ja, der Mann hatte seine Verdienste im Fußball, feierte Erfolge in der fußballerischen Provinz und verantwortete den Gafu, den größten anzunehmenden Fußballunfall, in der fußballerischen Diaspora, nämlich die Europameisterschaft für Griechenland. Dafür wurde er wenigstens in Griechenland umjubelt, umtost, umfeiert. Tempi passati. Im August wird Rehhagel 73 Jahre alt. In seiner Zeit als Trainer wähnte er sich stets im Zentrum, das heißt da, wo er das Zentrum vermutete. Auch diese Zeiten sind vorbei. Oder doch nicht. Rehhagel auf der Tribüne, links neben ihm Gattin Beate, rechts neben ihm eine echte Legende, der Brite Sir Alex Ferguson. Und dann: Rehhagel hatte seiner Beate Mitteilungen zu machen. Dazu hob er, um es Lippenlesern unmöglich zu machen, ihm etwas von den Lippen zu lesen, ein Blatt Papier vor den Mund. Zwei Irrtümer liegen der Handlung zugrunde. Der erste, aus Sicht des Otto Rehhagel: Die Kameras suchen mich (tatsächlich saß Ferguson im Fokus und Rehhagel war mit im Bild). Der zweite: Sogar das, was ich meiner Frau auf dem Fußballplatz zu sagen habe, ist für die Welt von Belang, so dass die Welt Lippenleser auf mich ansetzt. Ich bin wichtig. Ich bin wichtig. Ich bin wichtig. Ach, Väterchen. Fast hätte man lachen müssen über Otto mit dem Blatt. Wenn es nicht so tragisch wäre.Helmut Schümann

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar