Zeitung Heute : Altlasten: Vorsicht, Gift!

Eva Kaspar

Wüstenlandschaft mit Baumoase - Pyramiden aufgeschütteter, lehmfarbener Erde, Hänge und Gräben, dazwischen Raupen und Bagger. So sieht in Lichterfelde das Übergangsstadium von 100 Jahren militärischer Nutzung zu ziviler Inbesitznahme aus. Die Andrews Barracks"an der Goerzallee sind mit samt ihren Tankstellen, Reinigungen und Werkstätten dem Erdboden gleichgemacht, abgerissen und zerschreddert. Als kleiner Ausblick auf die Zukunft stehen in der nordwestlichen Ecke drei rotweiße Wohnhäuser auf dem Arosa Anger, Aushängeschild des Schweizer Viertels. So heißt die Siedlung, die die Bauträger Gagfah und Haberent auf über 20 Hektar in den nächsten fünf Jahren errichten wollen.

Die Aufschüttung, die den Anger zu Zeiten der Alliierten bedeckte, ist abgetragen und landete auf der Deponie Wannsee sowie an den Straßenbaustellen an der Rummelsburger Bucht. Flächenrecycling nennen Experten eine solche Wiederbelebung von Altlasten. Diese haben endlich die Chance, saniert zu werden. Doch es bedarf einer gründlichen Reinigung von Boden und Grundwasser, bevor die Entwickler das zuvor belastete Gelände an den Andrew Barracks, dem Flughafen Gatow, dem Spandauer Hafen oder den Militärliegenschaften in Karlshorst neu bebauen dürfen.

Davon ließ sich das Umweltbundesamt (UBA) bei der Wahl seines neuen Sitzes in Dessau nicht abschrecken. Die Beamten wählten eine Altlast, sie beziehen auf dem ehemaligen Gasgerätewerk Quartier und müssen Boden und Grundwasser vom typischen Altlasten-Cocktail aus chlorierten Kohlenwasserstoffen, Benzolen und Schwermetallen befreien lassen. "Wir wollten den zentrumsnahen Standort nicht brachliegen lassen", sagt Gerd Schablitzki, Leiter des UBA-Aufbaustabs Dessau, "nur weil er schadstoffbelastet ist". Durch diese Entscheidung nehme man die Innenstadtentwicklung ernst und verhindere die Versiegelung der grünen Wiese im Umland.

Wie schnell die Versiegelung immer noch um sich greift, verdeutlichen Zahlen: Täglich verschwinden in Deutschland über 120 Hektar Land, ein ganzer Volkspark Jungfernheide, unter Beton, Steinen und Asphalt. Tendenz steigend. Entgegengesetzt sind die umweltpolitischen Ziele schon seit 1998: Auf 30 Hektar soll der Flächenverbrauch bis zum Jahr 2020 sinken, auch mit Hilfe von Flächenrecycling. Damit bekommt der Boden langsam wieder den Stellenwert, den er verdient und braucht, um die Lebensgrundlage für Mensch, Tier und Pflanze bleiben zu können. Neben dem sorgsamen und sparsamen Umgang mit Ressourcen gehört dazu auch die Sanierung der Altlasten.

In Berlin sind über 7000 potenzielle und erwiesene Altlastenflächen im so genannten Bodenbelastungs-Kataster bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung registriert. Doch die Erfassung ist keineswegs vollständig. Das UBA rechnet deutschlandweit mit einer weiteren Zunahme der Zahlen um zehn bis 15 Prozent. Nur knapp ein Drittel der 7000 Berliner Liegenschaften sind bisher saniert, gesichert oder Gegenstand einer detaillierten Untersuchung.

Die anderen Areale harren nach früheren Nutzungen ihrer Erkundung: alte Deponien, Rieselfelder oder ehemalige Industrie- und Gewerbebetriebe. Chemiefabriken sind darunter sowie kleine Lackierereien unter Altlasten-Verdacht. Allein die Zahl ehemals militärisch genutzter Flächen beläuft sich auf über 300. Plant die Kommune eine Straße, will sie einen Bebauungsplan aufstellen oder liegt ein privater Bauantrag vor, dann prüfen die Umweltämter anhand des Bodenbelastungs-Katasters und Aktenrecherchen, ob das betroffene Gebiet belastet ist.

Die Kriterien, nach denen die Beamten die Bodenverunreinigungen bewerten, sind erst seit zwei Jahren bundeseinheitlich festgelegt. Damals trat die Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung in Kraft. Grundsätzlich gilt, je länger und intensiver der Kontakt der Bewohner zum Boden ist und je empfindlicher die Nutzer, desto strengere Maßstäbe gelten. So darf ein Spielplatz, auf dem Kinder über den Atem, die Haut oder den Mund Gifte aufnehmen könnten, nur wesentlich geringere Schadstoffmengen aufweisen als Straßen oder Plätze in dessen Umgebung. Auch in Obst- und Gemüsegärten darf die Bodenverunreinigung nicht so groß sein, dass gesundheitsschädliche Konzentrationen in den darauf wachsenden Nahrungsmitteln nachzuweisen sind.

Mit solchen Problemen haben die Berliner Kleingärtner mächtig zu kämpfen. Von den über 800 Kolonien sind etwa 190 im Bodenbelastungs-Kataster verzeichnet. Die Namen sprechen für sich: "Müllberg""und "Schlackeloch". Die Ursachen der Kontamination liegen in der Vergangenheit. Seit den 20er Jahren wurden Kolonien auf verlassenen Industriestandorten und später auf Rieselfeldern und Trümmerschutt angesiedelt. An Schadstoffe dachte damals niemand. Deshalb empfiehlt das Umweltamt so manchem Hobbygärtner nach der Untersuchung des Bodens, nur noch Obstbäume, Johannisbeeren und Tomaten anzubauen. Denn diese Pflanzen nehmen weniger Blei, Cadmium und andere Schwermetalle auf als zum Beispiel Salat, Sellerie oder Kräuter. Gut zur Vorbeugung ist es auch, Rasen zu säen. Dadurch können Wind und Wetter weniger schadstoffhaltigen Bodenstaub aufwirbeln.

Lange Zeit waren Gifte kein Thema. Verschütten, vergraben und vergessen - so hielten es Industriebetriebe, Militärs und Gemeinden bis weit in die 70er Jahre hinein. Zuerst geschah es aus Unwissenheit, später aus Nachlässigkeit oder Skrupellosigkeit, wo Profit vor Gesundheit rangierte. So flossen am Dahlemer Weg viele Jahre Giftstoffe aus einer Chemischen Reinigung in die Erde und verseuchten das Grundwasser so stark, dass die Kontamination sich wohl bis an die Goerzallee verbreitete. Der Verursacher ist hier, wie in vielen anderen Fällen, nicht mehr in die Pflicht zu nehmen, entweder weil die Firma seit langem insolvent ist oder weil der Eigentümer des Grundstückes verstorben ist. Manchmal reicht auch das Geld des Verursachers nicht, denn eine Sanierung kostet meistens Millionen.

Während sich die Wirtschaft in Berlin bisweilen aus der Verantwortung stiehlt, sind die Unternehmer in Bayern geradezu vorbildlich. Sie leisten jährlich eine freiwillige Abgabe von drei Millionen Mark zur Bereinigung von Grundstücken, auf denen nicht mehr greifbare Verursacher Umweltschäden verursachten. In Berlin zahlen alle Verbraucher, ob gewerblich oder privat, ihren "Wassergroschen": Das 1990 eingeführte Gundwasserentnahmeentgelt, das in Wirklichkeit sechs Pfennig pro Kubikmeter Wasser beträgt, soll das Land in erster Linie zur Sanierung des Grundwassers einsetzen.

Das Areal Andrews-Barracks" sanieren die Investoren auf Kosten des Bundes. Denn dieser hatte das Gelände 1994 von den Alliierten übernommen. Die Ausführung der Arbeiten kontrolliert das Umweltamt Steglitz-Zehlendorf. Zunächst nahmen Geologen, Chemiker und Ingenieure etwa 200 Bohrungen vor, um die Verunreinigungen in Boden und Grundwasser zu prüfen. Am stärksten war die Kontamination erwartungsgemäß im Bereich einer Tankstelle. Dort mussten die Wissenschaftler bis in acht Meter Tiefe vordringen, um sauberes Erdreich zu finden. Den giftigen Grund mussten sie ausheben. Der größte Teil dieser Erde gelangte in die Bodenwaschanlage Gradestraße, der Rest auf die Deponie Großziethen. Das belastete Grundwasser werden die Arbeiter aus dem Boden pumpen und es über Filter führen, auf denen sich die Mineralölkohlenwasserstoffe ablagern sollen. Dann muss es noch "gestrippt" werden: Dabei wird das Wasser im senkrechten Fall so stark bewegt, dass leichtflüchtige Stoffe wie Perchlorethylen und Benzol ausgasen und die eingeblasene Gegenluft die Schadstoffe auf einen anderen Filter befördert. Das gereinigte Wasser kann dann in die Regenwasserkanalisation abfließen.

Da das Schweizer Viertel"künftig auf sauberem Boden stehen soll, ist das "Reinheitsgebot" hier besonders hoch. Gut zehn Prozent des gesamten Bodens werden Bagger abtragen und ersetzen. Die Planer wollen damit einen Bodenstandard erreichen, den die Ämter auf Kinderspielplätzen vorschreiben. Das liegt weit über der Qualität des in Berlin üblichen "Oberbodens". Auf diesem haben Verkehr, Heizungs- und Industrieanlagen ihre Giftspuren hinterlassen. Saubere Erde gibt es nur noch in der Tiefe. Makellos sauber ist etwa der beim Umbau des Olympiastadions anfallende Aushub oder auch der Boden in Kiesgruben.

Auf dem Weg in die Zukunft kann der vorsorgende Bodenschutz versuchen, neue Lasten zu verhindern. Heute ist bekannt, dass die obere Bodenschicht in zehn bis 14 tausend Jahren entstand. Fahrlässiges und kriminelles Handeln kann sie in kürzester Zeit zum Teil unwiederbringlich zerstören.

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