Zeitung Heute : "Alvaro Siza": Lob des Hausbesitzers

Jürgen Tietz

Seit gut zwei Jahrzehnten zählt der Portugiese Alvaro Siza Vieira zu den erfolgreichsten Akteuren auf der internationalen Architekturbühne. Entsprechend schwergewichtig kommt jetzt ein Überblick über sein Gesamtwerk daher, das die Deutsche Verlagsanstalt vorlegt. Eingeleitet wird der 617 Seiten umfassende Band mit einem Essay des renommierten Architekturhistorikers Kenneth Frampton, der Sizas Werk kenntnisreich in die Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts einordnet.

Sizas Schaffen seit den fünfziger Jahren speist sich aus vielen Wurzeln. Schon seine frühen Bauten, die er in seinem Heimatland Portugal verwirklichte, nehmen einerseits lokale Traditionen auf und stehen zugleich in der Kontinuität der klassischen "weißen" Moderne der zwanziger Jahre, aber auch des Brutalismus eines Le Corbusier. In den achtziger Jahren schaffte Siza den Sprung ins internationale Architekturgeschäft. In diese Zeit fällt auch seine Mitwirkung bei der Internationalen Bauausstellung Berlin (IBA), für die er die Blockrandbebauung am Schlesischen Tor schuf. Das beredte Graffiti "Bonjour Tristesse", das das Gebäude seitdem schmückt, erinnert daran, dass es sich nicht um die überzeugendste Arbeit des Portugiesen im Wohnungsbau handelt.

Ganz anders fällt das Urteil über das Ausbildungsinstitut für Lehrer in Setúbal (1986/94) sowie über die aufregende Architekturfakultät in Porto (1986/96) aus, deren ineinander geschachtelte weiße Kuben sich jeweils um einen zentralen Hof gruppieren. Sie weisen Siza als einen Meister des Raums und der architektonischen Poesie aus. Dasselbe architektonische Gespür kennzeichnet auch sein Galizisches Zentrum für Zeitgenössische Kunst im spanischen Santiago de Compostela, das er 1988/93 auf einem schwierig zu bebauenden, annähernd dreieckigen Grundstück errichtete. Vor allem im vergangenen Jahrzehnt zeigte Siza eine verstärkte Hinwendung zur Monumentalität. Dies gilt etwa für den Museumsbau der Stiftung Serralves in Porto (1991/99), vor allem aber für den portugiesischen Pavillon der Expo 1998 in Lissabon, der mit seiner triumphbogenartigen Architektur und dem hängenden Dach über dem zentralen Platz überrascht. Doch auch hier bleibt die Verwandtschaft zu den Wegbereitern der Moderne wie Le Corbusier oder Oscar Niemeyer erkennbar.

In den Band eingeflochten sind kurze Texte aus Sizas Feder, die dem Leser eine unmittelbare Annäherung an Wesen und Vorstellungswelt des Architekten ermöglichen - so etwa die Ausführungen über Alvar Aalto, dessen Werk Siza nachhaltig beeinflusst hat, oder das wundervolle, sanft ironische Lob des Hausbesitzers. Zwar verfügt das umfassend bebilderte Werkverzeichnis über eine ausführliche Bibliografie, doch ein Register fehlt. Auch wären zusätzliche Angaben zu den jeweiligen Bauten und Entwürfen wünschenswert, die über die bloße Nennung der Entstehungszeit hinausgehen. Sie sollten für eine Arbeit mit umfassendem Anspruch selbstverständlich sein.

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