Zeitung Heute : Am Anfang war das Bild

Er hat das Theater neu erfunden. Ein Theater der Bilderwelten und Lichtfluten. Das war in der DDR der 70er Jahre. Die Wiedervereinigung ließ ihn in ein schwarzes Loch fallen. Heute wird Alexander Lang 70

Der Theaterrevolutionär. Regisseur und Schauspieler Alexander Lang in Existenzialismus-Schwarz. Foto: Paul Zinken
Der Theaterrevolutionär. Regisseur und Schauspieler Alexander Lang in Existenzialismus-Schwarz. Foto: Paul Zinken

Wasssss will ich von mir? Gezischt wie von tausend Vipernzungen, Anfang einer großen Selbstvergiftung. Denn jede Ich-Werdung ist eine Selbstvergiftung. Also wasssss?

Der das fragt, ausgesetzt auf einer leeren Bühne, trägt einen hoffnungsgrünen Hut und ist so jung wie der Prinz in „Leonce und Lena“ auch. Die Ernst-Busch- Schauspielschule probt Büchner. Der jugendliche Antiheld Leonce späht ins Dunkel des Zuschauerraums.

Irgendwo da oben muss sein Lehrer sitzen, wohl der einzige Regisseur seit Molière, der drei Mal an der Comédie Française inszenierte, der Urheber dieses unverkennbaren Wasssss. Kein normaler Mensch würde das so sprechen. Eben deshalb, weiß Alexander Lang, gehört es auf die Bühne. Aber war es denn richtig gezischt, war es zu kurz, zu lang? Die Differenz um alles ist oft minimal. Sie kann ein scharfes „S“ in einem Drei-Buchstaben-Wort sein.

Nur Laien glauben, dass Übertreibungen etwas mit Maßlosigkeit zu tun haben. Übertreibungen sind Präzisionsfragen. Kein Korrekturzeichen, keine Regung des Unmuts dringt aus dem Regiedunkel, nur vereinzelte kurze Laute des Wohlgefallens, ja des Vergnügens.

Niemand hat die Revolution so auf die Bühne gestellt wie der Theaterrevolutionär Alexander Lang, und noch dazu in der DDR. In der DDR galten Revolutionen als etwas sehr Positives. Lenin hatte sie als Lokomotiven der Geschichte definiert, und Geschichte ist Fortschritt.

Nur wer unter die Räder einer Lokomotive kommt, sieht das meist anders. Und Lang betrachtete sie vorzugsweise von unten. Auch in München und Hamburg wollte man bald Lokomotiven von unten sehen, und im Frühjahr 1989 – noch keine Spur von Herbst lag in der Luft! – wurde der DDR-Bürger Alexander Lang Oberspielleiter des Westberliner Schillertheaters. Es war gewissermaßen die vorgezogene deutsch-deutsche Vereinigung auf dem Theater. Die Sache ging nicht wirklich gut aus.

Noch einmal anfangen dürfen, noch einmal fragen dürfen: Wasssss will ich von mir? Mag sein, er beneidet seine Studenten ein wenig darum. Bei Büchner gibt es diesen Satz gar nicht, da fragt Prinz Leonce vielmehr den Hofmeister: „Mein Herr, was wollen Sie von mir?“ Als ob es darauf ankäme, was andere von einem wollen. Nur dem, was man selbst von sich will, lässt sich nicht ausweichen. Und nun wird er 70. Gibt es Revolutionäre mit 70?

Lang tritt aus dem Regiedunkel, diskret gebeugt. Wahrscheinlich übt er schon fürs Älterwerden. Andererseits ist das mehr eine Geste als ein Nicht-anders-Können. Ist er schon damals, Mitte der 70er, unwillkürlich in Deckung gegangen, als der Erfolg ihn so plötzlich traf? Und mit ihm auch die Anfeindungen, das Missverstehen. Oder es ist noch früher passiert, Mitte der 60er, als Helene Weigel ihn ans Berliner Ensemble holte, und ihr Blick vermaß ihn und befand: Sie sind ja – so lang! Das war kein unbedingt günstiges Ergebnis, denn Brecht-Hauptdarsteller und -Schwiegersohn Ekkehard Schall war eher klein. Vielleicht ist es aber auch ganz anders, und Lang hält eine leichte Dauerverbeugung einfach für die angemessene Haltung dem Leben gegenüber.

Also, wasssss wollte er, als auch seine Lebensbühne noch so leer war wie die seines Büchners jetzt? Der Revolutionär mit der leicht gebogenen Grundeinstellung zum Leben sitzt ganz in Existienzialisten-Schwarz in der Garderobe seiner Studenten und hat einen Blick wie der Prinz vorhin: Genau genommen – gar nichts. Es ging ihm in dem kleinen Dorf bei Erfurt, in dem er groß wurde, genau wie Leonce: „Dass die Wolken schon seit drei Wochen von Westen nach Osten ziehen. Es macht mich ganz melancholisch.“ Manchmal ist der Himmel das Einzige, was sich verändert.

„Ich habe Plakatmaler gelernt“, sagt Lang, knapp auf eine sehr höfliche Weise. Man hätte es wissen können: Am Anfang der Lang’schen Welt war das Bild. Plakate malen heißt, keinen Strich zu viel machen. Und das Bild ist schon die Botschaft. Nur welche wollte er in die Welt hinausschicken?

Plakatmaler konnte man in der DDR nur bei der DEWAG-Werbung lernen. Diese wiederum war die einzige Werbeagentur, denn zu bewerben gab es im Sozialismus eigentlich nichts, bis auf den Sozialismus selbst. „Vorwärts zum VIII. Parteitag der SED!“ „Arbeite mit! Plane mit! Regiere mit!“ Aber nicht mit ihm. Sein Theater würde nicht zuletzt Einspruch gegen die staatstragende Infantilität sein. Er flüchtete nach Erfurt. Bühnenmalerei! Aber am Erfurter Theater brauchten sie nicht nur Kulissenmaler, sondern auch Bühnenarbeiter und Beleuchter. Also wurde er auch das.

Vielleicht kommt nur noch einer so vom Bild und vom Licht her wie er. Robert Wilson. Und merkwürdig genug werden beide, der Junge aus Erfurt, Thüringen, und der aus Waco, Texas, fast zugleich 70.

Vor kurzem hat Robert Wilson Alexander Lang sein Theater erklärt. Denn Lang spielt jetzt in Wilsons „Lulu“ am BE. Und Lang antwortete jedes Mal mit einem Nicken uranfänglicher Vertrautheit. Das kennt er doch alles von sich! Und er hat es sogar fast ein Jahrzehnt früher erfunden.

Lang ist bei Wilson einer der Lulu-Angela-Winkler-Widersacher. Mit einem Pathos wie auf der Rasierklinge balanciert, immer wieder zu Boden stürzend und knapp vor dem Aufschlag abgefangen, im Niemandsland zwischen Tragik und Groteske.

Der Schauspieler Alexander Lang ist noch viel älter als der Regisseur Alexander Lang. Aber der Bühnenarbeiter und Beleuchter erahnte beide nicht, als er sich als Grafikmaler an der Berliner Kunsthochschule Weissensee bewarb – und abgelehnt wurde. Wo sollte er hin mit seinem Ärger, seiner Wut ? Die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule war eine gute Gelegenheit, negative Energien auf eine sozialverträgliche Weise loszuwerden. Er bestand. Und fand sich plötzlich wieder als Schillers Ferdinand in „Kabale und Liebe“, auf der Bühne des Deutschen Theaters. Da stand er mindestens so sich selbst ausgeliefert wie vorhin sein Leonce, dem er zurief: „Höher schauen, du musst höher schauen, immer knapp über die Köpfe der Zuschauer weg!“ – „Okay, Alex!“, antwortete Leonce.

Vielleicht wäre Alexander Lang nie Alexander Lang geworden ohne die Überzeugung der DDR, dass das Theater nach Abschaffung der bürgerlichen parasitären Klasse vor allem für die Arbeiter und Bauern da sei. Damit aus ihnen allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeiten werden. Und da sie nicht von allein den Ehrgeiz zeigten, neue Menschen zu werden, gab es die Fast-umsonst-Abonnements. „Ich kam nach der Vorstellung in die Kantine, ich hatte mir das Herz aus dem Leib gespielt, und da saß eine schon halb betrunkene Brigade. Einer lallte mir entgegen: Ihr wart toll, wirklich! Aber wir sind schon mal ein Bier trinken gegangen in der Pause, verstehste Kumpel?“ Und Ferdinand, das Herz in der Hand, wusste augenblicklich, dass er fortan so spielen würde, dass nie wieder einer „Verstehste, Kumpel?“ zu ihm sagen konnte. Er würde ihnen zeigen, was Kunst ist. Vor allem ist diese Kunst nicht die naive, geheimnislose Weltverdoppelung des Naturalismus, zu dem man mit einem Schulterklopfen gratulieren konnte. Vor allem ist sie künstlich, ein abgründiges Spiel mit der Künstlichkeit, mit Distanzen. Von den Stühlen sollen sie fallen, die Naiven, die Werktreuen und die Biertrinker! Und egal, wie alt ein Stück ist. Bei ihm ist es von heute.

Heiner Müllers „Philoktet“ 1977, Deutsches Theater. Drei Personen. Philoktet, abgeschoben auf die Aussätzigen-Insel Lemnos, weil verwundet vor Troja. Todeskandidat. Odysseus, der Abschieber, will ihn nach zehn Jahren zurück, als Kampfreserve. Und schickt lockend Achilles’ Sohn. Unmögliches Stück! Unmögliche Schauspieler! Unmögliche Regie! Das wird nie was!, sagte Odysseus Dietrich Körner. Und ging. Unmögliches Stück! Unmögliche Schauspieler! Das wird nie was!, sagte sodann der Regisseur. Und ging. Es blieben zurück die frohlockenden Jungschauspieler Christian Grashof (Achilles’ Sohn) und Lang (Philoktet). Ich spiele jetzt Odysseus!, sagte Grashof. Ich führe jetzt Regie!, sagte Lang, Philoktet blieb er. Und sie kooptierten einen neuen Sohn des Achilles, Roman Kaminski.

Wahrscheinlich waren die Lang’schen Proben schon damals, was sie bis heute sind, bis zu dieser „Leonce und Lena“: ein Kinderspielplatz, sehr laut, manchmal auch ganz leise, die sich erprobende Unschuld des Werdens. Die bunten Büchner-Hüte träumen auf der Garderobe. Der grüne von Leonce und ein schwarzer mit lila Feder. Große blaue Schleifen statt Schnürsenkel machen aus einem ganz gewöhnlichen schwarzen Schuh einen, mit dem man Traumländer betritt so wie die parallel fliehenden Königskinder Leonce und Lena Italien. Neben den Spiegeln stehen ein paar leere Dosen Red Bull.

1977 also erschien die bedenklich unheilige Trinität am Berliner Theaterhimmel. Lang-Grashof-Kaminski. Im vergangenen Jahr ging sie noch einmal am Berliner Ensemble auf, in Gorkis „Nachtasyl“, dieser letzten Station für unrettbare Schiffbrüchige des Lebens. Und Lang war Satin, abgedankter Denker, Trinker und Spieler, allzeit auf der Höhe seines Untergangs. Genau wie damals Philoktet, dessen spitze Geierschreie zehnjähriger Einsamkeit manchem bis heute in die Ohren klingen. Wer sagt denn, dass die Geier wie die Geier sind? Wem sie wie Philoktet eine Ewigkeit lang die nächsten Gefährten scheinen, der klagt am Ende wie sie. Sobald ich die Bühne betrete, bin ich eine Kunstfigur, was sonst?, dekretiert Lang. Er erträgt die Schauspieler nicht, die sich selbst auf die Bühne mitbringen. Die sogenannten Ehrlichen. Wie peinlich. Was gehen uns die Lieben, die Schmerzen und Tode fremder Leute an? Theater ist eine Lüge, was sonst?

Absolute Finsternis. Plötzlich ist es stockdunkel in der Garderobe. Die Technik glaubt, alle sind schon weg? Lang springt auf, protestiert mit lauter Bühnenstimme, findet die Tür aber trotzdem nicht. Nicht, dass ihm die Situation nicht vertraut wäre. Revolutionäre fallen oft in schwarze Löcher. Meist dann, wenn sie es am wenigsten vermuten. Wie auch hätte er ahnen sollen, dass die neue Revolution, diese sehr stille vom Herbst 89 ausgerechnet ihm, dem größten Revolutionssachverständigen weit und breit, ein Bein stellen sollte?

Zum einen, weil sich alle Bühnenblicke nun gen Osten richteten, ausgerechnet auf das Theater, das ihm so lange Heimat gewesen war. Und er hatte so wenig Zeit gehabt am Schillertheater, vorher. Zum anderen, weil viele glaubten, nun gäbe es – Endsieg des Kapitalismus! – gar keine Geschichte mehr. Man spürte sie nicht mehr. Also wollte man sie auch nicht mehr sehen. Also gab es auch keinen Lang mehr? Das Licht geht wieder an.

Natürlich, er hat sehr schöne Sachen gemacht am Schillertheater. Etwa Bernhard Minetti böse Märchen erzählen lassen. Das war seine Idee. Minetti und Lang verliefen sich wie Hänsel und Gretel im Märchenwald und ließen sich immer wieder vom Weg abbringen. Er klingt jetzt ganz kehlig, wie der alte Minetti.

Wer wie Lang von der Kritik auf Händen getragen wurde – auch in München, auch in Hamburg – ahnt, dass Hände auch anders können: müder werden, fallen lassen gar. Am schlimmsten sind Kritiker aber gar nicht, wenn sie kritisieren, sondern als Virtuosen des Nichtbemerkens. Sie übersahen zuletzt sein „Nachtasyl“ am Gorki-Theater, auch seinen grandiosen Kleist, den „Zerbrochenen Krug“ am Gorki-Theater. Das war 2006 Langs vorerst letzte Inszenierung in Berlin.

Vorhin, als seine Studenten schon weg waren, sagte er: „Mit mir wird diese Form von Theater verschwinden.“ Und es klang ein wenig, als verschwinde das Theater überhaupt. Vielleicht meint er das sogar. Trotzdem war es kein hochmütiger Satz, es war ein Konstatieren, gemischt mit Bedauern. Die „Ehrlichen“ holen auf. Aber ihn werden sie nicht kriegen.

Seine Studenten spielen „Leonce und Lena“ jetzt in China, das Lang’sche Bild-Theater kennt keine Sprachgrenzen. Der Regisseur auch nicht. Zwar spricht er wie die meisten Ostler weder englisch noch französisch richtig, aber das war auch nie nötig; er macht vor, was er sagen will. Er hat in Paris 1994 einen umjubelten Kleist gemacht, den „Prinz von Homburg“, zuletzt auch „Faust“, doch der hat die Franzosen dann doch irritiert. „Faust“ ist ernst und schwer, wussten sie. Der seine aber war ganz leicht und sehr lustig. „Faust“ ist so, sagt Lang.

Der Regisseur wollte nicht mit nach China. „Die Welt ist doch ein ungeheuer weitläufiges Gelände“, bemerkte schon Leonces bester Freund tadelnd. Viel zu weitläufig, bestätigt Lang. Was er noch spielen wolle? Welche Sonnenuntergangsfrage. Eine leise Missbilligung liegt in seinem Blick. Er zählt nach. Nun, „Lear“ war er schon, in Potsdam vor bald zehn Jahren. Dann zählt er eher stumm weiter.

„Ich werde mich nächstens in den Schatten meines Schattens stellen“, kündigt Leonces Gefährte an. Ein guter Aufenthaltsort. Lang hat sich dort längst eingerichtet. Es gibt schlechtere Herbergen. Und wenn jemand vorbeikommt, wie sein Regie- und Altersbruder Wilson jetzt, hört er ihm zu, wahrscheinlich mit der typisch Lang’schen Langmut, das Gesicht eine einzige Unbestimmtheitsrelation, ein Ewigkeitsschweben zwischen Ja und Nein, um es schließlich aufzulösen ins tatenfrohe Lass-uns-doch-gleich-anfangen!

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