Zeitung Heute : Am Anfang war das Ei

Es gehört zu Ostern wie das Feuer und bringt viele Bräuche ins Rollen. Aber es steht nicht allein für weltliche Genüsse.

Valerie Schönian
Was war zuerst da? Jeder in Deutschland kennt Meister Lampe und weiß, dass er die Eier bringt. Doch nicht überall ist er dafür zuständig. Foto: Michael Schenkel
Was war zuerst da? Jeder in Deutschland kennt Meister Lampe und weiß, dass er die Eier bringt. Doch nicht überall ist er dafür...

Ob groß oder klein, bunt oder naturfarben, aus Bio- oder Freilandhaltung: Osterzeit ist Eierzeit. Nie wird der ovalen Frühstücksbeilage so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie dieser Tage. Eier werden ausgepustet und angemalt. Sie hängen an Sträuchern und Bäumen, werden als Dekor genutzt. Und ist der Ostersonntag erst einmal gekommen, werden sie von Kindern gesucht. Ob das in diesem Jahr so klappt oder die Kleinen im Schnee schnüffeln müssen, bleibt dem Wettergott überlassen. So oder so – jeder, der Ostern feiert, bekommt es mit Eiern zu tun. Warum eigentlich?

Ein Beispiel, willkürlich herausgepickt: Im beschaulichen Gardelegener Ortsteil Jävenitz im Norden Sachsen-Anhalts findet in diesem Jahr zum 15. Mal die „Eiertrudel-Weltmeisterschaft“ statt. Und die geht so: Etwa hundert Kampfeier rollen um die Wette den Berg hinunter, immer fünf auf einmal. Das schnellste Ei – oder schlicht das Ei, das Stock und Stein heil überlebt – kommt in die nächste Runde. Etwa 150 Schaulustige sehen sich das Spektakel in jedem Jahr an, erklärt der Gardelegener Bürgermeister Konrad Fuchs. Nach den international anerkannten Ei-Wettkampf-Regeln dürfe kein Ei länger als zehn Minuten gekocht und damit besonders gehärtet werden. Und Fuchs versichert :  „Doping gibt es bei uns nicht.“ Denn die ersten drei Wettkampfseier werden von ihren Besitzern vor den Augen aller verspeist. Wer sein Ei zu lange im heißen Wasser gelassen hat, beißt spätestens hier auf Granit. Das Eiertrudeln sei „eine Schnapsidee mit Hunderten von Zuschauern“, sagt Fuchs.

Dies ist nicht der einzige österliche Brauch, der sich um Eier dreht. „Diese verschiedenen regionalen Bräuche gibt es immer wieder“, sagt der Bonner Volkskundler Helmut Groschwitz. In den achtziger und neunziger Jahren hätten sie eine Art Revival erlebt – „wahrscheinlich aufgrund der regionalen Identitätssuche.“ So sei es in vielen ländlichen Regionen üblich, dass junge Menschen mit Ratschen lärmend durch die Straßen ziehen: ein Glockenersatz zu Karfreitag. Ein anderes Beispiel ist das sogenannte „Ostereierpicken“ im nördlichen Bayern, sagt Groschwitz. Bei dem Spiel treten zwei Teilnehmer mit je einem gekochten Ei gegeneinander an. Die Regeln sind einfach: Beide Eier werden gegeneinander geschlagen und wessen Ei danach nicht total alt aussieht, der zieht als Sieger davon. In Gardelegen gibt es neben dem Eiertrudeln den Brauch der „Fasslomstüber“, erzählt Bürgermeister Fuchs. Das sind junge Menschen, die den Winter austreiben wollen, indem sie von Haus zu Haus ziehen, singen und Spenden einsammeln.

„Bräuche verändern sich meistens ständig“, sagt Volkskundler Groschwitz. Aber nicht alle. Wer einmal das bundesweite Osterprogramm durchblättert, weiß, dass das Eiersuchen zum Beispiel allerorten dazugehört. Erste Hinweise auf diese Tradition gibt es im 17. Jahrhundert aus einem klösterlichen Umfeld, so Groschwitz. Außerdem habe es im Barock groß inszenierte Eierspiele und Wettkämpfe gegeben. Beispiel: Ein Läufer rennt in das nächstgelegene Dorf, trinkt dort drei Schnäpse und stürmt zurück. Zeitgleich werden im Heimatdorf für einen zweiten Läufer mehrere Ostereiernester in Abständen von etwa zehn Metern hintereinander aufgestellt. Dieser Spieler Nummer zwei muss jedes nacheinander ablaufen und die Eier rausholen. Doch bevor er zum nächsten Nest laufen kann, muss er erst die Beute des vorherigen zurück zum Startpunkt bringen. Wer von beiden Teilnehmern seine Aufgabe schneller meistert, gewinnt. Dass sich von solchen Spielen gerade das Eiersuchen und -verstecken bis heute halte, liege wohl an der Freude der Kinder über die kleinen Geschenke, sagt Groschwitz.

Doch trotz des ganzen Spiels und Spaßes – das Gewese um das Ei hat auch einen religiösen Ursprung, erklärt Rainer Kampling vom Seminar für Katholische Theologie der Freien Universität. Denn es ist nur genießbar, wenn die Schale aufgeschlagen wird. Das sei symbolisch als Öffnung des Grabes Christi gedeutet worden, so der Theologe. Deshalb gehört das Eieressen um die Osterzeit wohl zu den ältesten Bräuchen, vermutet er. Doch auch wenn die Symbolik des Ostereis in der Kirche begründet sei – „sie ist aus ihr herausgewandert“. Mittlerweile spielten die Eier nur noch in der orthodoxen Kirche eine Rolle.

Auch das Osterfeuer hat eine religiöse Tradition, es soll der Reinigung dienen. Die Osternacht beginnt mit der sogenannten Lichtfeier, in der es gesegnet wird. Die Osterkerze wird daran entzündet und dann in die Kirche getragen. „In den orthodoxen Kirchen ist es teilweise sogar üblich, die Flamme in Jerusalem zu entzünden“, sagt Groschwitz. Von dort werde das Osterlicht per Flugzeug in verschiedene Länder gebracht. Dort reichten Gläubige die Flamme in den Ostergottesdiensten von Kerze zu Kerze und nähmen sie anschließend mit nach Hause.

Wenn Osterflamme und Osterei mittels Missionierung auch weltweit verbreitet sind – für den Hasen gilt das nicht. In Frankreich zum Beispiel bringt nicht der Osterhase die Eier, sondern es sind die Glocken.  Der Brauch sagt, dass sämtliche Kirchenglocken über Ostern nach Rom reisen, um dort vom Papst gesegnet zu werden. Am Ostersonntag reisen die Glocken dann mit Eiern befüllt wieder zurück in ihre Heimat – und läuten. Schließlich und endlich werden die Glocken bekanntlich am Karfreitag nicht geläutet, weil Jesus an diesem Tag gestorben sein soll. Wieder ein christliches Symbol. „Das Brauchtum kann christlich motiviert sein“, sagt Groschwitz. „Aber es kann sich eben auch verselbstständigen.“

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