Zeitung Heute : Am Anfang war die Tat

Der Missbrauchsfall im Bistum Regensburg bringt die Kirche in Bedrängnis. Wie gehen die deutschen Bischöfe damit um?

Claudia Keller

Sie sollten Kuchen spenden. So stand es kürzlich im Pfarrbrief der Gemeinde Riekofen im Bistum Regensburg. Schließlich wollte man dem Bischof am gestrigen Sonntag einen schönen Empfang bereiten. Aber der Bischof kam nicht. Den Riekofenern ist auch nicht nach Kuchenbacken zumute. Sie sind sauer und verlangen, dass sich Bischof Gerhard Ludwig Müller entschuldigt. Denn er hat zugelassen, dass der wegen Pädophilie vorbestrafte Priester K. als Pfarrer in ihrer Gemeinde eingesetzt wurde, wo er sich prompt wieder an Ministranten vergangen haben soll. Seit drei Wochen sitzt der 39-Jährige in Untersuchungshaft.

Im Jahr 2000 wurde K. verurteilt auf Bewährung, weil er zwei Jungen in Viechtach sexuell belästigt hatte. In dem kleinen Ort, eine Autostunde von Riekofen entfernt, war er Gemeindepfarrer. Bereits im Jahr 2001 durfte K. in Riekofen eine Firmung mit Jugendlichen feiern. Die Gemeinde wusste nichts von seiner Vorgeschichte, das Bistum hatte die dunklen Stellen aus seiner Vita getilgt.

Am heutigen Montag fährt Bischof Müller wie auch die anderen katholischen Bischöfe nach Fulda zur jährlichen Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. Vor fünf Jahren haben die Bischöfe bei eben jener Herbstkonferenz in Fulda „Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche“ verabschiedet. Sie wurden damals viel gelobt dafür, dass sie Schluss machen wollten mit dem Heimlichtun und Wegschauen. Denn immer wieder waren nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland Fälle von pädophilen Priestern bekannt geworden.

„Ich bin nicht verantwortlich für alles das, was unsere Geistlichen und Mitarbeiter tun“, sagte Bischof Müller am Freitag. Es lag aber in seiner Verantwortung, dass der einschlägig vorbelastete Priester erneut an einer Stelle eingesetzt wurde, wo er sich leicht an Kinder und Jugendliche heranmachen konnte. Dazu schweigt Müller ebenso wie zur Tatsache, dass er sich über die Richtlinien der Bischofskonferenz hinweggesetzt hat. Denn darin steht klar und deutlich: „Nach Verbüßung seiner Strafe werden dem Täter keine Aufgaben mehr übertragen, die ihn in Verbindung mit Kindern und Jugendlichen bringen.“

Ein Gutachten habe dem Priester bescheinigt, dass Pfarrer K. nicht mehr gefährlich sei, rechtfertigt sich Müller. Das Gutachten hatte allerdings der Therapeut des Mannes erstellt. Externe Psychologen wurden nicht hinzugezogen. Einen „Arbeitsstab aus Psychologen, Psychotherapeuten, Ärzten, Juristen, Theologen, Geistlichen und Laien, Männern und Frauen“, den die Bischofskonferenz den Diözesen vor fünf Jahren einzurichten empfahl, gibt es in Regensburg formal. Getagt hat er noch nie. In den Richtlinien steht außerdem ausdrücklich, dass Pädophilie nicht heilbar ist.

Und dass „in erwiesenen Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger dem Verdächtigen zur Selbstanzeige geraten und das Gespräch mit der Staatsanwaltschaft gesucht wird“. Auch das wurde im Bistum Regensburg anders gehandhabt. Mit den Eltern der zwei Jungen, die 1999 von Pfarrer K. belästigt wurden, vereinbarte das Ordinariat Stillschweigen. Auch Geld soll damals gezahlt worden sein. Dies sei auf „ausdrücklichen Wunsch der Eltern“ geschehen, betont der Bistumssprecher. Erst eine Bekannte der Familien zeigte K. bei der Polizei an.

Als den Riekofenern im Sommer auffiel, dass sich der Pfarrer nur um die Jungen in der Gemeinde kümmerte und in den Zeitungen über die Vergangenheit des Pfarrers zu lesen war, bescheinigte das Bistum der Gemeinde, man sei sehr zufrieden mit seiner Arbeit. Einen neuen Missbrauchsfall gebe es nicht. Auch dies war nicht im Sinne der Vereinbarungen der Bischofskonferenz, wonach „jede Verdachtsäußerung umgehend geprüft“ und die Öffentlichkeit informiert wird.

Bischof Müller hat sich in besonders deutlicher Weise über diese Richtlinien hinweggesetzt. Öffentlich mochte sich kein Bischofskollege zu dem Fall in Regensburg äußern, die Sprecherin der Bischofskonferenz verwies auf Rom als zuständiger Instanz. Schließlich habe der Papst sexuellen Missbrauch in der Kirche zum Chefthema erklärt. Müller wird bei der Herbstversammlung in Fulda hinter verschlossenen Türen abfällige Bemerkungen zu hören bekommen, mit einem öffentlichen Tadel durch Kardinal Karl Lehmann, den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, oder gar Sanktionen hat er nicht zu rechnen. Die erlassenen Leitlinien sind eine Selbstverpflichtung. Die Bischofskonferenz versteht sich kirchenrechtlich nur als unverbindliches Beratungsgremium. Man hätte das Thema Pädophilie aus aktuellem Anlass auf die Tagesordnung der jetzigen Vollversammlung heben können. Doch auch das ist nicht passiert.

Stattdessen werden die Bischöfe über Leitlinien zur Feier der alten, Tridentinischen Messe beraten, sich mit der Ökumene beschäftigen und mit der Militärseelsorge. Früher wurde in der Bischofskonferenz heftig gestritten, etwa als es um die Schwangeren-Konfliktberatung ging. Heute preschen immer die drei Gleichen vor und propagieren lautstark ihr von Ängstlichkeit, Weltfremdheit und Rückwärtsgewandtheit geprägtes Weltbild: Kardinal Meisner, Bischof Mixa („Gebärmaschinen“), Bischof Müller. Die anderen schweigen und hoffen selbst bei eklatantem Fehlverhalten wie jetzt im Bistum Regensburg, dass die öffentliche Aufregung an ihnen vorbeizieht. „Die Kirche befindet sich wie die Gesellschaft in einem Lernprozess“, hatte Kardinal Lehmann vor fünf Jahren gesagt. Der ist wohl noch lange nicht beendet.

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