Zeitung Heute : am Baum Kunst

Eigentlich wohnen dort nur Backenhörnchen, Borkenkäfer und die Familie Specht. Es geht auch anders: mit großer Architektur.

-

Es geht. Julia Hill hat es bewiesen: 738 Tage lang hat die junge Amerikanerin in ihrem Baumhaus gelebt. 738 Tage lang keinen Fuß auf die Erde gesetzt. Zwei Quadratmeter war ihr Zuhause groß. Zwei Mal zwei Quadratmeter: Eine Plattform hing 60 Meter hoch im 1000 Jahre alten Redwood Tree, die andere 33 Meter. Dazwischen ist Julia „Butterfly“ hin und hergeklettert. Haus-Dach und -wände bestanden aus Planen, Sonnenkollektoren lieferten ihr Energie, mit dem Handy hielt sie zum Boden Kontakt. Ihre Küche war ein Campingkocher.

Kalifornien kann sehr kalt im Winter sein. Und stürmisch. Mit 140 Stundenkilometern raste der Wind durch die Bäume, fast froren ihr die Zehen ab. Aber die Baumfrau lebte auch nicht aus Vergnügen hier: Sie wollte dem uralten Mammut das Leben retten, ihn vor dem Schicksal bewahren, wie so viele Bäume einfach abgeholzt zu werden. Sie hat ihr Ziel erreicht.

Andreas Wenning hat es sich ein bisschen bequemer gemacht: auf dem Bauernhof von Freunden, 30 Kilometer von seiner Altbauwohnung in Bremen entfernt. Neun Meter über der Erde schwebt sein Wochenendhaus, in zwei Buchen, die neben einem Redwood Tree wie Küken wirken: 100 Jahre sind sie alt.

Im Grunde ist das Baumhaus, in seiner einfachsten Form, ja nichts anderes als ein Floß, nur dass es von Ästen statt Wellen getragen wird. Auch Wennings schnittiges Gebilde sieht ein bisschen wie ein Schiff aus; innen ist es ausgestattet wie eine Kajüte, ganz kompakt, mit Bank, Liege und Schubladen drunter. Hier kann sich der 39-Jährige Kaffee kochen und schwedischen Jazz hören, auf der Terrasse genießt er den Blick über die Pferdekoppel, die Schafe und den Bauernhof, der drei Meter niedriger ist, hört die Kohlmeisen singen, riecht Kuhmist, Seeluft und Tau. Und wenn er hier oben schläft, und er schläft gut unter seinem Federbett, bis der Hahn ihn weckt, kann er vom Bett aus in den Himmel gucken. Und im Sommer ins Laub.

Nie ist der Hausherr allein hier oben, Spinnen, Mücken, Fliegen leisten ihm Gesellschaft. Wenn es mal stürmt, schwankt das Haus wie ein Schiff. Wenning hat es nämlich nicht zu fest verankert, keine dicken Nägel in Äste geschlagen, keine Bolzen in den Stamm gebohrt, das ginge gegen sein ökologisches Gewissen. Das Haus, eine Tonne schwer, lagert auf Balken, ist an Stahlseilen aufgehängt und mit Gurten an der Buche befestigt.

Andreas Wenning ist kein Träumer, mit dem Baumhausbauen will der Architekt sein Geld verdienen. Was ihn besonders reizt, ist das Experiment: „an die Grenzen der Architektur zu gehen“. Früher, als Angestellter, hat er sich mit großen Industriebauten beschäftigt. Jetzt will er sich einem anderen modernen Thema widmen, dem Bauen auf kleinem Raum, in klarer Form. Hexenhäuschen mit Satteldach und Sprossenfenstern in den Baum zu stellen, ist seine Sache nicht.

Das Interesse an Baumhäusern als richtigen Häusern scheint zu wachsen. Neben Wennings Firma Baumraum gibt es in Deutschland noch einen zweiten Spezialisten, peartreehouse, die Tochter einer britischen Gesellschaft. Peter Nelson, „Mr. Treehouse“ von Nordamerika, hat schon einen zweiten opulenten Bildband vorgelegt, über „Baumhäuser der Welt“ (mit Bastelanleitung, vielen Tipps und Adressen). Und in Nordengland wurde „das größte Baumhaus Europas“ eröffnet, in den Alnwick Gardens der Duchess of Northumbria, in deren Schloss auch Teile von „Harry Potter“ gefilmt wurden. „Haus“ ist allerdings untertrieben, wie ein ganzes Dorf sieht es aus, bietet Platz für 300 Menschen und beherbergt ein Café-Restaurant. Schon jetzt ist es ein Hit, bei den Großen genau wie den Kleinen.

Der Erfolg ist nicht schwer zu erklären. Gute Architektur, hat ein Architekt einmal gesagt, hat immer was von Himmel und Höhle. Das macht auch den Reiz des Baumhauses aus: dass man sich in der Luft verstecken kann, hinter Ästen und Laub, sich schützen vor wilden Tieren und ebensolchen Menschen – der Erde enthoben, dem Himmel so nah. Das Baumhaus wird zum magischen Teppich, auf dem man sich in abenteuerliche Fantasiewelten träumen kann. „A tree house. A free house. A secret you and me house“, beginnt der amerikanische Lyriker Shel Silverstein seine Ode an das Baumhaus. Wie oft hat der moderne Zeitgenosse das schon, dieses Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, das Gefühl, unerreichbar zu sein; die Möglichkeit, der Natur in Augenhöhe zu begegnen, sich ein Nest zu bauen. Auch wenn wir keine Affen mehr sind: Manchmal wären wir halt doch gern Tarzan und Jane. Und die Eltern und Großeltern, die bereit und fähig sind, 15 000 bis 30 000 Euro für dieses Vergnügen zu zahlen, tun es für sich so sehr wie für die Kinder.

Allerdings hört das Abenteuer möglicherweise irgendwann auf, eins zu sein. Für den Berliner Architekten Armand Grüntuch ist das Baumhaus in Alnwick Gardens gar keins mehr, weil es auf lauter Stützen steht. „Ein Baumhaus darf kein Tragwerk haben, sonst ist es einfach ein Haus mit Baum.“ Ein Baumhaus ist das, was er als „parasitäre Architektur“ beschreibt, etwas, was vorhandene Strukturen nutzt, sich dort anheftet wie ein Mistelnest oder wie Höhlenbauten. Selbst Dachaufbauten gehören für Grüntuch dazu.

Sein eigenes Traumhaus sähe anders aus: eine Plattform in einer alten Eiche, mit Vorhängen drumherum, mehr nicht. „Man braucht ja nicht viel, man will über dem Boden schweben und einen gewissen Schutz.“ Und bloß keine Möbel, „ die gehören auf den Boden, nicht in den Baum“.

Die Häuser, die Armand Grüntuch und seine Frau Almut Ernst bisher gebaut haben, sehen nicht wie Baumhäuser aus. Sie stehen fest auf der Erde, mitten in der großen Stadt, am Hackeschen Markt und am Monbijouplatz zum Beispiel. Und doch versuchen sie etwas von den Qualitäten eines Baumhauses einzufangen: Auch in der Stadt dem Himmel und den Elementen nah zu sein, die Natur nicht auszusperren. Die Bewohner sollen erleben können, ob es blitzt, schneit oder die Sonne scheint. So ist der Übergang zwischen Drinnen und Draußen fließend gestaltet, Fensterfronten und Dachfenster geben den Blick frei, auf Terrassen und Balkonen können Pflanzen wachsen. Ihre Häuser sollen leben, wie ein Baum, gewissermaßen schrumpfen und wachsen können; d.h. den Bewohnern die Möglichkeit geben, sich zurückzuziehen in Stille und Geborgenheit, sich aber auch im Freien exponieren zu können. So planen die Grüntuchs Schlafzimmer gern eher klein und intim, aber mit einer Loggia davor.

Vielleicht bauen sie demnächst ein Baumhaus mit ihren Kindern. Tochter Gustava hat schon konkrete Vorstellungen, wie es aussehen könnte. Eine Hängematte möchte die Neunjährige zwischen Haus und Baum spannen, sich „reinplumpsen lassen“ und lesen, Sonne und Mond genießen. Groß soll das Baumhaus sein, damit möglichst viele Isomatten reinpassen. Der Clou aber wäre die Rutsche: Die, wünscht Gustava sich, soll geradewegs in ein Heißwasserbad führen.

www.baumraum.de

www.peartreehouse.de

www.gruentuchernst.de

www.saveourtreehouse.com

www.treehouseworkshop.com

Peter Nelson: Baumhäuser der Welt. Verlag Christian Brandstätter, 36 Euro.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!