Zeitung Heute : Am besten nichts Neues

Im Stadtpark fehlt ein Klo. Sonst ist alles wunderbar in der Traumstadt der Deutschen. Nirgends sind die Menschen so glücklich wie in Osnabrück. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Was macht diese Stadt so unwiderstehlich?

Harald Martenstein[Osnabrück]

Von Harald Martenstein,

Osnabrück

Die Wissenschaft hat festgestellt, dass in Osnabrück die zufriedensten Deutschen leben. Es war eine riesige Umfrage mit mehr als 350000 Teilnehmern. 87 Prozent der Osnabrücker leben gern oder sehr gern in Osnabrück. Das ist Rekord. Am ungernsten lebt man in Dessau.

Die Umfrage stellt alles auf den Kopf, was man über gute Städte, das schöne Leben, das Glück und all dieses Zeug zu wissen glaubt. Auf Platz zwei liegt zum Beispiel das Gebiet rund um Villingen-Schwenningen. Stuttgart (Platz 5) liegt weit vor München (Platz 12). In Hannover ist man wesentlich glücklicher als in Berlin (Platz 74). Bochum? Weit vor Göttingen. Die Institution, der die Deutschen das größte Vertrauen entgegenbringen, ist übrigens der ADAC. Das hat die gleiche Studie ergeben. Gemacht wurde sie unter anderem im Auftrag des ZDF. Alles hochseriös und megagründlich.

Am besten fahren wir also ganz schnell nach Osnabrück. Es liegt in Niedersachsen. 160000 Einwohner. Wenn man von oben draufschaut, sagen wir mal: aus dem Himmel, sieht man hinter der Stadt die Freizeit- und Erlebnisregion Teutoburger Wald. Das flache Gebiet links um die Ecke heißt Holland.

Osnabrück ist hübsch. Es hat alles, was eine gute deutsche Stadt braucht. Es hat einen Dom, eine Altstadt, ein Schloss, einen Fluss, der Hase heißt, einen Fußballverein, der aufsteigen will und eine Uni. Es hat Brunnen und Stadtmöbel, die Geschmackssache sind, ein paar Bausünden aus der Nachkriegszeit, viele Fahrradwege, ein Filmfest, ein Medienkunstfest, ein Musikfestival, eine lange Nacht der Museen, „romantische Nächte im Zoo“, ein Stadtfest, ein schwul-lesbisches Kulturfestival und israelische Kulturwochen.

Ein bisschen viel Frieden

Jede deutsche Stadt hat natürlich auch ihren Stadtprominenten. In Mainz ist es Gutenberg, in Bochum Grönemeyer. In Frankfurt ist es Goethe. In Osnabrück haben sie Erich Maria Remarque, den Autor des pazifistischen Romans „Im Westen nichts Neues“. Aus dem Musikbereich könnte man noch den Sänger Heinz Rudolf Kunze nennen.

Irgendwas fehlt immer. Was fehlt in Osnabrück? Als das Ergebnis der Glücks-Umfrage bekannt gegeben wurde, stand es in der „Neuen Osnabrücker“. „Wie soll das bloß werden, wenn jetzt auch noch Ikea nach Osnabrück kommt?“

Als Erstes kaufen wir also eine Zeitung. Der Feuilletonaufmacher heißt „Auf den Spuren des Krieges“. Der Aufmacher der Medienseite heißt: „Deutschlands Fußball in (Nach-)Kriegstagen“. Im Lokalen steht auf Seite eins der neueste Aufruf des Friedensbündnisses Osnabrück.

Das Besondere an Osnabrück ist seine Fixierung oder auch Obsession. Osnabrück nennt sich offiziell „Friedensstadt“.

Am Bahnhof hängt ein Friedenszitat des heiligen Franz von Assisi. Die Stadt ist der Sitz der Stiftung Friedensforschung, der Bundesumweltstiftung, von Terre des Hommes, des Remarque-Friedenspreises, des Friedensfestivals „Künstler sagen nein“ und der Osnabrücker Friedensgespräche. Am alljährlichen Friedenstag findet ein Friedens-Steckenpferdreiten zum Rathaus statt. Osnabrück hat sogar ein offizielles, städtisches „Büro für Friedenskultur“, das die vielfältigen Friedensaktivitäten zu koordinieren versucht.

Treffen mit zwei Sprechern der Friedensbewegung der Friedensstadt. Karin Detert ist leitende Angestellte, Dieter Reinhardt ist Dozent an der Uni. Zwei Tage zuvor haben sie als symbolische Geste ein weißes Friedensband rund ums Osnabrücker Rathaus geschlungen. Zur Zeit suchen sie nach einem neuen Namen für das „Bündnis gegen den Irakkrieg“ und sind beide sehr nett, wie eigentlich alle Leute, die man in Osnabrück trifft. Wenn jemand sagt „danke“, dann antwortet man in Osnabrück: „Gar nich für.“ „Ich fühle mich wohl“ heißt: „Ich bin gut zufrieden.“ Zu den Friedensdemos, sagen sie, kommen hier drei Mal so viel Leute wie in Hamburg. Am Tag des Angriffs auf den Irak stand der Vertreter von Attac neben dem Vertreter des Bischofs.

Franz-Josef Bode ist der zweite Osnabrücker Superlativ. Er ist 1995 schon mit 44 Jahren Bischof geworden. Rekord. Später hat er sich auch noch zum Osnabrücker Grünkohlkönig wählen lassen. Im Jahre 2000 legte er ein „Mea Culpa“-Bekenntnis zu den historischen Irrtümern der katholischen Kirche ab, nicht alle Konservativen mögen so etwas. Aber Bode ist der beliebteste Bischof Deutschlands. Das hat ebenfalls eine Umfrage ergeben. Bischof Bode ist in Osnabrück womöglich noch beliebter als der ADAC. Es ist schwer zu sagen, wie oft Bischof Bode den Irakkrieg schon verurteilt hat. Oft genug jedenfalls.

Das alles hat historische Gründe.

In Osnabrück und Münster wurde 1648 der Westfälische Friede geschlossen. Ende des Dreißigjährigen Krieges zwischen Katholischen und Evangelischen, den Sunniten und Schiiten des Christentums. Die Leidenschaften waren ausgeglüht, Toleranz wurde Gesetz. Dörfer, in denen der Pfarrer das Bett mit einer Frau teilte, wurden damals offiziell für evangelisch erklärt. Dörfer mit frauenlosen Pfarrern dagegen bekam der Papst. In Osnabrück regierte von da an abwechselnd ein katholischer und ein evangelischer Fürstbischof. Mit anderen Worten: In Osnabrück wurde die Quotenregelung erfunden.

Osnabrück ist nicht nur die Friedensstadt. Es ist auch eine Metropole der politischen Korrektheit. Im Dom: Aufruf zur Misereor-Tagung „Alternativen zum Krieg“. In der Zeitung, Veranstaltungsteil, allein auf der Frauenstrecke: Frauenhaus, Mädchenhaus, Frauenberatungsstelle, Mädchenzentrum, Frauennotruf und ein Internationales Frauennetzwerk. Das geballte Hilfsangebot macht den Eindruck, als sei Osnabrück für Frauen die Hölle. Im Rathaus: die Dauerausstellung „Zerstörung durch den 2. Weltkrieg“.

Sind die Menschen in dieser Stadt deshalb so glücklich?

Karin Detert erzählt vom Machtwechsel. Wie früher die Fürstbischöfe, so lösen sich heute CDU und SPD in Osnabrück ab. SPD ist mehr evangelisch und Radfahrer, CDU ist mehr katholisch und ADAC. Elf Jahre regierte Rotgrün, seit kurzem regiert Schwarzgelb.

Wir haben alles, nur kleiner

Hauptstreitpunkt in der Kommunalpolitik ist der Verkehr. Es wird viel geblitzt, zu viel nach Ansicht des ADAC. Osnabrück trägt auch den Titel „autofeindlichste Stadt Deutschlands“, verliehen vom Sender Sat 1. Die CDU hat das kostenlose Parken in der Innenstadt eingeführt und die Baumschutz-Satzung abgeschafft. Sie haben die Zuschüsse für einige Frauenprojekte und für die Walpurgisnacht zusammengestrichen und statt dessen zwei Familienzentren gegründet. Das war der Machtwechsel.

Karin Detert sagt einen besonders interessanten Satz: „In Osnabrück gibt es keine Neonazis.“

Am vergangenen Wochenende fanden in Osnabrück allerdings „Chaostage“ statt, 200 Punker lagerten im Hasenpark. In der Zeitung stand nur eine kurze Meldung. „Ein Punkkonzert wurde von der Polizei unterbunden, da keine Genehmigung vorlag… Ein Großteil der Punks verließ Osnabrück am frühen Sonntagmorgen.“

Klaus Terbrack ist Veranstalter und Kulturmanager. Er sagt „Ich bin Lokalpatriot und Kosmopolit“ und führt durch seine Stadt, aus Spaß, einfach so. Das wichtigste neue Bauwerk ist das Felix-Nussbaum-Museum, von Daniel Libeskind. Es sieht genauso aus wie dessen Jüdisches Museum in Berlin, nur kleiner. Nussbaum, der jüdische Maler, wurde von den Nazis ermordet. Jetzt schaut sein Museum von oben auf das ehemalige braune Haus herab, die NSDAP-Zentrale, direkt nebenan.

„Wir haben hier alles, nur kleiner.“ Klaus Terbrack sagt, was alle sagen: Osnabrück ist wunderbar überschaubar. Fünf Minuten Fußweg, und du bist überall. Großstadt und Dorf gleichzeitig. Enge: ein Vorteil. Provinz ist schön. Auch die Lokalredakteurin von der „Neuen Osnabrücker“ sagt das. Im Archiv, auf der Suche nach einer Negativstory über Osnabrück, findet man nur einen länger zurückliegenden Text über die fehlende Toilette für die Boulespieler im Schlosspark.

Das Bündnis gegen den Irakkrieg, erzählt die Redakteurin, sei weitgehend identisch mit dem Bündnis gegen Ausländerfeindlichkeit. „Aber ausländerfeindliche Übergriffe gibt es hier nicht.“ Ein Bündnis, das sich gegen etwas richtet, das es nicht gibt. Osnabrück bemühe sich heftig um jüdische Aussiedler aus Russland, damit wieder eine große jüdische Gemeinde entsteht. In der Fußgängerzone werden am gleichen Nachmittag Flugblätter verteilt, tatsächlich, eine kleine Demo vor einem Kiosk. „Keine Nazipresse in Osnabrück!“ Der Kiosk verkauft die „Nationalzeitung“.

Mit Titanenkraft

Die kleine Stadt hat alles, wirklich alles, nur keine bösen Menschen. Bevor Osnabrück den Titel „Friedensstadt“ angenommen hat, erzählt die Redakteurin, nannte es sich „Stadt der goldenen Mitte“.

Was für eine Titanenkraft es gekostet hat, aus dem alten, bösen Deutschland das neue, gute Deutschland zu machen: In Osnabrück spürt man es an fast jeder Straßenecke. Es ist gut, wirklich, es ist vor allem viel besser als das Gegenteil, aber das alles kommt doch noch sehr verkrampft rüber und alles andere als selbstverständlich. Es herrscht eine Art geistig-moralischer Muskelkater. In der Friedensstadt versteht man sofort, warum es für Deutschland ummöglich gewesen ist, beim Irakkrieg mitzumachen, wahrscheinlich selbst dann, wenn die Amerikaner überzeugende Argumente gehabt hätten.

Und das Glück?

Bei Wenner, in der Fußgängerzone, gibt es eine ganze Abteilung mit Ratgebern zum Glücklichsein. Sie heißen: Jeden Tag weniger ärgern. Die sieben Gesetze des Glücks. Der Glücks-Faktor. Glück beginnt im Kopf. Ab heute besser drauf. Wege zum Glück. Umarme dein Glück. Und so weiter.

In „Die Glücks-Formel“ von Stefan Klein steht etwas über Länder. Am glücklichsten sind die Menschen in Holland, Island und Dänemark, am unglücklichsten in der Ukraine und Moldawien. Deutschland liegt im Mittelfeld, wie die USA. Es hat gar nicht so viel mit Reichtum oder Armut zu tun. Ghana ist ärmer als die Ukraine, aber rangiert relativ weit oben. Stefan Klein schreibt, dass vor allem Neid, Stress und Unsicherheit die Menschen unglücklich machen. Länder mit relativ gleichmäßiger Verteilung des Wohlstandes oder aber der Armut sind grundsätzlich glücklicher als Länder mit großen Unterschieden. Die „Ich-AG“ und der harte Konkurrenzkampf, den die Neoliberalen predigen, bringen jedenfalls nicht das Glück ins Haus.

Ganz wichtig zum Glücklichsein ist das Gefühl, sich auszukennen. Zu wissen: Dieses ist richtig. Jenes ist falsch. Und ich hab’s im Griff. Deswegen, schreibt Klein, sind die Völker der ehemaligen Sowjetunion so unglücklich. Ihr Koordinatensystem für richtig und falsch ist zerbrochen.

Umbrüche sind schlecht. Klarheit ist gut. Wenn man sich zum Beispiel Osnabrück anschaut: Sie haben sich ihre Welt perfekt eingerichtet. Friedensstadt. Immer fürs Gute, in jeder Form. Das Böse macht einen großen Bogen um Osnabrück. Man kann sich darüber lustig machen. Vielleicht sollte man das sogar. Aber fest steht: Sie sind glücklich.

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