Zeitung Heute : Am Boden zerstört

4,2 Millionen Menschen sind von der Katastrophe betroffen. Zehntausende Existenzen sind vernichtet, ganze Dörfer abbruchreif. Es wird Jahre dauern, bis die Infrastruktur in den ostdeutschen Städten wieder repariert ist. Die Kosten gehen in die Milliarden.

NAME

Von Antje Sirleschtov

und Maren Peters

Jetzt geht nichts mehr. Gebannt stehen die Beamten vom sächsischen Wirtschaftsministerium am Fenster und sehen nach unten. Dort, nur einen Steinwurf von der Elbe entfernt, steigt die braune Flut Zentimeter für Zentimeter an. „Uns wird es wohl nicht erwischen“, sagt eine Dezernentin von Minister Martin Gillo. Doch arbeiten kann sie trotzdem nicht. Seit heute morgen liegt das Computersystem lahm, die Telefone und Faxe funktionieren auch nicht zuverlässig. „Wir warten“, sagt sie.

Ganz Dresden tut es ihr gleich. Und viele Orte drumherum. Allein 20 Landkreise in Sachsen sind von der Flut in den Ausnahmezustand versetzt worden. Und auch in Sachsen-Anhalt und Brandenburg sind tausende Menschen mit der Rettung ihrer Existenz beschäftigt. Doch immer dann, wenn sie sich eine ruhige Minute gönnen können, dann wird ihnen klar, was erst Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) und dann auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bereits ahnen: „Die Auswirkungen des Hochwassers sind ein Neubeginn des Aufbau Ost“.

Welche Dimension die Schäden am Ende erreicht haben werden, niemand wagt dazu eine genauere Prognose. Straßen sind unterspült, Brücken in ihrer Standsicherheit bedroht, Schienenanlagen unpassierbar, Maschinen durch Wasserschäden zerstört, Ladeneinrichtungen weggeschwemmt, Akten zu Millionen aufgeweicht. Und damit nicht genug. Beinahe unvorstellbar, welche Auswirkungen es auf Unternehmen und auch private Haushalte hat, wenn Lieferverträge nicht eingehalten werden, tagelang nicht produziert wird und einige Dörfer so gut wie flächendeckend unterspült und damit dem Abriss preisgegeben sind.

Gut 4,2 Millionen Menschen vor allem in Ostdeutschland, aber auch in Bayern, sind von der Katastrophe betroffen, schätzt man im Bundeskanzleramt. Wie groß die Schäden an Verkehrseinrichtungen am Ende sein werden, ist frühestens kommende Woche abzuschätzen. Eine halbe Milliarde Euro hat der Sonderbeauftragte der Deutschen Bahn AG am Donnerstag dem Krisenstab als erste vage Vermutung allein für sein Unternehmen angegeben. „Einzelne Strecken werden für Wochen bis Monate ausfallen.“ Und Ingolf Rossberg, Oberbürgermeister in Dresden, rechnet nur für seine Stadt mit Schäden im Infrastrukturbereich „im dreistelligen Millionenbereich“. Allein der Schaden für die Reparatur der Lichtanlagen und Straßen wird auf rund 15 Millionen Euro geschätzt. Das allerdings war am Dienstag, da hatte das Wasser seinen Scheitelpunkt noch gar nicht erreicht.

Am Donnerstag lief die Schaden-Informationsmaschine an. Mehr als 50 Rechtsanwaltskanzleien seien buchstäblich weggeschwommen, meldete der Anwaltsverein des Bundeslandes. Gesetzestexte, Bücher, Gerichtsakten – alles unbrauchbar. Die sächsische Porzellan-Manufaktur in Meißen schickte ihre Mitarbeiter nach Hause. Land unter, hieß es, und der Schaden sei mit „gut einer halben Million Euro bestimmt nicht hoch angesetzt“. Beinahe minütlich rufen bei der sächsischen Aufbaubank Hausbesitzer, Handwerker und Mittelständler aus ganz Sachsen an und melden ihre wirtschaftlichen Schäden. „Nicht selten“, sagt der Krisenstabschef der Bank, Frank Hübner, „vermelden sie dabei ihren Ruin“. Am Montag brechen seine Leute zu einer mehrtägigen Tour durch das Bundesland auf, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Doch schon jetzt weiß Hübner, dass „mancher Ort wirtschaftlich am Boden liegt. Da geht es um den Komplett-Aufbau“.

Auch der Volkswagen-Konzern muss die Produktion der Luxuskarosse „Phaeton“ in der „Gläsernen Fabrik“ in Dresden zurückfahren. Grund ist nicht eine Überschwemmung der Produktionsstätte – die liegt trocken – sondern die unterbrochene Materialzufuhr. 4,5 Kilometer liegen zwischen Materiallager und Manufaktur, das Material für den Bau des Phaeton wird „just-in-time“, also punktgenau nach Bedarf, per Straßenbahn durch die Innenstadt zur Produktionsstätte transportiert. Da die Stadt wegen Überflutung zu großen Teilen gesperrt ist, kann die Straßenbahn nicht fahren. Und auch die Beschäftigten haben Probleme, zur Arbeit zu kommen. Bereits am Dienstag hat die Frühschicht mit dem ersten Katastrophenalarm die Produktion eingestellt. Einst hat VW in das Dresdner Werk 187 Millionen Euro investiert und damit die Erfolgsgeschichte der sächsischen Automobilproduktion in den vergangenen zehn Jahren gekrönt.

Noch schlimmer könnte es Sachsen-Anhalt und Brandenburg treffen. 20 000 Einwohner von Wittenberg warteten am Donnerstag auf ihre Evakuierung. Was sie vorfinden würden, wenn sie nach der Flut in ihre Häuser zurückkehren, niemand konnte sich den Grad der Verwüstung vorstellen.

Einige Kilometer weiter rangen die Menschen am Donnerstag um den Chemiepark Bitterfeld. Damit der Hauptarbeitgeber der gesamten Region nicht einfach weggespült werden konnte, gaben die Rettungskräfte den Kampf um zwei Ortschaften in der Umgebung auf. So grausam es war: Als der Deich brach, wurden die Wohnhäuser Arbeitsplätzen geopfert. Zum Schutz des Chemieparks Bitterfeld wurden Freiwillige aufgerufen, sich mit Schaufeln bei der Feuerwehr zu melden und zu helfen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben