Zeitung Heute : Am Ende der schönen Worte

Malte Lehming[Washington]

Jede Woche werden im Irak nicht nur Ausländer entführt. Jetzt wurden 18 Mitglieder der Nationalgarde als Geiseln genommen. Was muss passieren, damit die USA dem Terror etwas entgegensetzen können?

Das sind klare, kritische Worte. „Tatsache ist, dass wir in Schwierigkeiten stecken. Im Irak stecken wir in großen Schwierigkeiten.“ Das sagte am Sonntag Senator Chuck Hagel im TV-Sender CBS. Am selben Tag, in der Sendung „Fox News Sunday“, wurde sein Kollege John McCain noch deutlicher. Er sprach von „schweren Fehlern“, die das Verteidigungsministerium im Irak gemacht habe. „Die Probleme, vor denen wir jetzt stehen, sind sehr, sehr groß.“ Und Lindsey Graham, auch er ein Senator, kritisierte die Regierung kaum gnädiger. Auf CNN forderte er eine Truppenverstärkung und beklagte die Unfähigkeit der Pentagon-Führung.

Bedeutsam an diesen Äußerungen ist, wie zeitgleich und einmütig sie gemacht wurden. Bemerkenswert aber ist vor allem, dass die drei US- Senatoren nicht etwa oppositionelle Demokraten sind, sondern Republikaner. Größer könnte der Kontrast zu den Durchhalteparolen und Schönrednereien der Regierung von Präsident George W. Bush nicht sein. Der Drang zu einem neuen Realismus ist geprägt von Sorge. Ihre taktische Zurückhaltung – der Wahlkampf nähert sich seinem Höhepunkt! – haben Hagel, McCain und Graham aufgegeben.

Im August wurden bisher die meisten Anschläge auf amerikanische Truppen im Irak verübt, seit die Besetzung begann. Im Durchschnitt waren es 87 am Tag. Anschläge, Entführungen und Enthauptungen häufen sich dramatisch. Die Zeit drängt. In vier Monaten soll es im Irak die ersten freien Wahlen geben. Doch immer mehr Städte und Regionen werden von den Rebellen übernommen. Besonders das sunnitische Dreieck im Norden und Westen von Bagdad entgleitet der Kontrolle der Amerikaner und der neuen irakischen Übergangsregierung. Die Stadt Falludscha hat sich zu einer Hochburg der Aufständischen entwickelt.

Was kann, was soll die US-Regierung dagegen tun? Die „New York Times“ berichtete in ihrer Sonntagsausgabe von einem neuen Plan der US-Armee. Die Vorbereitungen für einen Großangriff auf Falludscha liefen auf Hochtouren. Dort haben sich auch militante islamistische Organisationen verschanzt. Sie gelten als Drahtzieher für eine Reihe von Entführungen. Allerdings müssen die Konsequenzen einer groß angelegten Offensive wohl bedacht werden.

Erstens: Im April wurde eine ähnliche Militäroperation kurzfristig gestoppt, weil es zu viele zivile Tote gab. Falludscha einnehmen? Das bedeutet, einen Häuserkampf führen zu müssen. Dasselbe gilt für andere von den Rebellen kontrollierte Städte wie Ramadi, Baquba, Samarra.

Zweitens: Die Amerikaner scheinen zwar bereit zu sein, Falludscha zu befreien, nicht aber, die Stadt anschließend besetzt zu halten. Das mögen die Soldaten der neuen irakischen Armee übernehmen. Doch deren Aufbau und Ausbildung geht nur schleppend voran. Die Nationalgarde verfügt bisher über höchstens 40000 Mann. Und deren Ausrüstung und Erfahrung lässt erheblich zu wünschen übrig.

Drittens: Der Prozess der Irakisierung der Sicherheitskräfte lässt sich kaum beschleunigen. Zum einen werden inzwischen Mitglieder der Nationalgarde entführt. Das soll abschrecken und einschüchtern. Zum anderen muss die Ausbildung professionell sein. Andernfalls droht eine ähnliche Blamage wie im April, als frisch trainierte irakische Sicherheitskräfte vor den Rebellen Reißaus nahmen.

Eine kurzfristige Strategie, die Anschläge und Geiselnahmen einzudämmen, gibt es also nicht. Im Irak arbeitet die Zeit gegen die USA. Sollten große Teile der Sunniten die Wahlen boykottieren, wäre sogar das Abgleiten in einen Bürgerkrieg denkbar. Im Weißen Haus kann man nur hoffen, dass die Stimmung bis zum 2. November nicht kippt. Bisher sind die Chancen erstaunlich gut. Laut der jüngsten Umfrage meint eine Mehrheit der Amerikaner wieder, der Irakkrieg sei richtig gewesen.

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