Zeitung Heute : Am Ende der Schrecken

Mord oder Tötung auf Verlangen? Das Urteil über Armin Meiwes ist gefällt: achteinhalb Jahre für den Mann, der einen Menschen gegessen hat. Die Richter in Kassel entschieden auf Totschlag. Doch sie hatten es besonders schwer. Denn so einen Fall hat es in der Kriminalgeschichte nie gegeben.

Jost Müller-Neuhof

DAS URTEIL IM KANNIBALEN-PROZESS

„Wir haben in diesem Verfahren die Tür zu einer Welt geöffnet, die man geneigt ist, direkt wieder zuzumachen“, sagte Richter Volker Mütze nach dem Urteil über Armin Meiwes im Kasseler Landgericht. Man darf es ihm glauben. Hinter Meiwes, dem Kannibalen von Rotenburg, wird man jetzt eine Tür zumachen, eine mit Schloss und Riegel, aber seine Welt wird nicht mit ihm hinter Gittern sitzen. Und er selbst, der schon in Untersuchungshaft den Musterknaben gab, wird kaum die gesamten achteinhalb Jahre erdulden müssen, für die ihn das Kasseler Landgericht ins Gefängnis geschickt hat. Die Tür zur Welt des Armin Meiwes steht weiter offen. Und der Anblick mutet nicht nur Richtern, Psychologen und Polizisten die Frage zu, ob und wie eine Gesellschaft auf das reagieren muss, was kranke Seelen miteinander veranstalten.

Der Fall ist in der internationalen Kriminalgeschichte einzigartig, und das will einiges heißen. Alles tötet den Menschen, auch der Mensch tötet den Menschen, hat der Berliner Gerichtsreporter Paul Schlesinger („Sling“) einmal formuliert. Die Arten, wie er es tut, und die Motive warum, sind so erschreckend wie nachvollziehbar, so sonderbar wie alltäglich. Selbst das Schlachten und Essen von Menschen hat bei der Justiz schon Aktenzeichen bekommen. Das Neue und auf grausame Weise Faszinierende an dem Fall Armin Meiwes ist das Einverständnis seines Opfers und die Tatsache, dass beide überhaupt zueinander finden konnten.

Über Meiwes zu richten, war daher schwierig. Dass Tötung nicht gleich Tötung ist, dass jedenfalls zwischen Vorsatz und Fahrlässigkeit unterschieden werden muss, wusste man schon im alten Rom. Das Strafgesetzbuch verbietet die „Straftaten gegen das Leben“ mit zwei Hand voll Paragraphen. Einen Mord habe Meiwes begangen, betonte die Staatsanwaltschaft auch noch nach dem Urteil – und will eine Revision. Das Gericht hatte sich allerdings von Anfang an offen gehalten, dessen Tat auch als Totschlag oder Tötung auf Verlangen zu ahnden.

Für Armin Meiwes bedeutet das vor allem den Unterschied zwischen Lebenslang und einer zeitigen Haftstrafe. Denn den Mord, der im Gesetzbuch an der Spitze des Kataloges steht, kennzeichnet dessen „besondere Verwerflichkeit“, wie ihn der Bundesgerichtshof (BGH) charakterisiert. Man könnte sagen: Was ist verwerflich, wenn nicht dieses? Der Tatbestand schreibt recht genau vor, was darunter zu verstehen ist. Etwa „Mord zur Befriedigung des Geschlechtstriebs“. Das hatten die Ankläger Meiwes vorgeworfen, weil er schließlich Filmaufnahmen des Geschehens gemacht hatte, an denen er sich später erregte. Das Gericht um den Vorsitzenden Volker Mütze ist dem jedoch nicht gefolgt. Meiwes Lustempfinden sei kein dominierendes Motiv der Tat gewesen, sagte Mütze. Tatsächlich war ihm kein sexuelles Motiv nachzuweisen – für die Tötung wohlgemerkt, denn Kannibalismus selbst wäre – wenn überhaupt – nur als Störung der Totenruhe strafbar. Sollte der BGH an seiner bisherigen Rechtsprechung festhalten, wird er dies in der Revision kaum anders sehen können. Der Täter muss seine Befriedigung gerade „in der Tötung gesucht“ haben, heißt es regelmäßig in früheren Urteilen.

Doch auch die These der Verteidigung, Meiwes habe sein Opfer „auf Verlangen“ getötet, erkannten die Richter nicht an – auch wenn außer Frage steht, dass der Ingenieur Bernd Jürgen B. getötet werden wollte. Die milde Strafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bleibt Tätern vorbehalten, die von einem anderen „ausdrücklich und ernstlich zur Tötung bestimmt“ werden. Die Justiz fasst darunter vor allem Fälle der aktiven Sterbehilfe.

So blieb nur Totschlag. Dass Bernd Jürgen B. sterben wollte, spielt dafür keine Rolle. Leben ist, juristisch gesprochen, ein Rechtsgut, auf das man nicht einfach verzichten kann. Bestraft wird laut Gesetz, wer „einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein“. Alles weitere war eine Sache des Strafmaßes. Der Rahmen geht hier bis zu 15 Jahren. Natürlich hatte das Gericht hier die furchtbaren Umstände zu berücksichtigen – andererseits konnte es den mehrfach geäußerten Sterbewunsch des Opfers nicht übergehen. Zwischen diesen beiden Polen haben die Richter offenbar die Mitte gesucht, mit leichter Tendenz, ihre Abscheu zu betonen.

Maßgeblichen Einfluss hatten auch die psychiatrischen Gutachter. Ihre Aufgabe in einem solchen Prozess ist es nicht, dem Angeklagten allgemein seelische Störungen oder Krankheiten zu attestieren. Sie beurteilen nur, ob solche Störungen seine Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit trübten. Hier war ihre Antwort klar: Sie taten es nicht. Meiwes konnte sich frei entscheiden. Seinen Drang hat er offenbar unter Kontrolle. Er hatte zuvor andere Opfer sprichwörtlich am Haken, denen er nichts tat, was sie nicht wollten.

Mitte 2008, rechnet sein mit dem Urteil zufriedener Anwalt vor, könnte Meiwes schon wieder ein freier Mann sein. Bis dahin ist er ein normaler Häftling – ohne eigenen Internetanschluss.

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