Zeitung Heute : Am Ende ein Sieger

Zu jeder Rede der passende Song – Drafi Deutscher, Schlagerstar und Querkopf, wurde beerdigt

Bernd Matthies

Der Verstorbene begleitet sich musikalisch selbst ins Grab. „Baby love, my baby love, can I reach you“, krächzt es aus den Lautsprechern vor der Friedhofskapelle, „baby love, my baby love, can I teach you?“ Dann schließen sich die schweren Türen. Die Orgel setzt ein, und der engere Familienkreis ist allein mit Drafi Deutscher, der dort im offenen Sarg liegt, angekleidet wie für einen Auftritt: bedeckt mit weißen Callablüten, die Vollbartspitzen hochgezwirbelt, rotes Sakko, schwarzer Hut. „Wir erleben hier keine Show“, sagt der Pfarrer sicherheitshalber, „nicht Kunst, sondern Herz und Herzlichkeit führen uns zusammen.“ Und Drafi ergänzt aus der Tonkonserve: „Was es auch immer war, eines, das war mir klar, ich werd’ der Sieger sein.“

Prominente zeigen sich nicht an diesem Vormittag auf dem Parkfriedhof Lichterfelde. Deutscher war keine Society-Größe, keiner, der dazugehörte, dazu war er zu querköpfig, zu unberechenbar, und seine beste Zeit liegt weit zurück. Auch Isabell Varell, mit der er Ende der 80er Jahre eine kurze, krawallöse Ehe führte, ist nicht anwesend. „Künstler, Star, Chaot“ nennt ihn sein Sohn Drafi junior, „er wusste, dass friedliche Rebellen einen hohen Preis zu zahlen haben“. Seine Tochter Michaela, die in der Kapelle mit brüchiger Stimme ebenfalls ein paar Erinnerungen beisteuert, sieht das ähnlich: „Ich kenne keinen Menschen, für den der eigene Wille so wichtig war.“ Auch dafür gibt es Autobiografisches aus dem über 260 Kompositionen umfassenden Deutscher-Oeuvre: „Ich bin immer gerannt, mit dem Kopf durch die Wand“.

Ein paar hundert Menschen stehen draußen, um den Trauergottesdienst zu verfolgen, viele haben Blumen mitgebracht, die sie später ins Grab werfen werden. Einzelne Frauen, gesetzte Ehepaare aus der Generation des Sängers, ältere Männer auch, die im Gespräch Spezialkenntnisse über die Beatmusik im Berlin der 60er Jahre erkennen lassen, jene Zeit, in der Deutscher einen rasanten Aufstieg von Hit zu Hit feierte. Seine greise Mutter Margarete verfolgt den Rummel ohne sichtbare Regung aus dem Rollstuhl, zahlreiche Fotografen und Kamerateams sind gekommen, die Kondolenzlisten füllen sich, sogar der Regierende Bürgermeister hat einen Kranz schicken lassen.

Anzunehmen, dass das nicht dem bunten Liedgut des Sängers allgemein gilt, sondern vor allem einer einzigen Genialkomposition, die in der Kapelle nicht gespielt, sondern nur in einer der Trauerreden erwähnt wird. Der Produzent Christian Bruhn, heute Gema-Aufsichtsratsvorsitzender, erinnert sich, wie Drafi, aufstrebende Hoffnung des deutschen Schlagerwesens, 1965 in sein Büro kam und eine Zeile vortrug, die ihm gerade eingefallen war: „Weine nicht, wenn der Regen fällt, dam dam, dam dam . . .“

„Dam dam“, das war kein Text, sondern stand eigentlich nur für ein paar fette Bläsereinwürfe. Doch die Pophistorie hat es anders gewollt. „Marmor, Stein und Eisen bricht“, das war dann eher Texterroutine, das nahmen sich Bruhn und Deutscher aus dem Fundus der deutschen Poesiealbenlyrik, und der Rest ist Geschichte. „Ein Großer, ein wirklicher Erneuerer der Popmusik ist tot“, sagt Bruhn. Deutscher hat später als Sänger und Produzent noch vieles fabriziert, was mehr oder weniger hoch in die Hitparaden stieg, aber nichts hatte mehr diese Durchschlagskraft, vieles blieb klischeehaft. „Blumen wachsen auf Steinen, und die Steine selbst weinen“, sagt Drafi junior, die Gefühlswelt seines Vaters wohl eher unabsichtlich karikierend.

Aber der Sänger war wohl auch zu unstet für kontinuierlichen Erfolg. „Er hat immer zu mir gesagt, du bist ein Bürger, ich nicht“, erinnert sich Bruhn. Deutscher, der Unbürger, lebte nach Leibeskräften, machte jeden möglichen Fehler, sagte von sich, er habe so viel erlebt wie drei 80-Jährige zusammen – und scheint kurz vor Schluss doch zur Ruhe gefunden zu haben. „Er war in den letzten Jahren ein ausgeglichener, fröhlicher Mensch“, sagte Gebhard Rothermich, sein enger Freund und letzter Manager, „er glaubte, alles erreicht zu haben und setzte sich keine Ziele mehr.“

Am Ende ein Sieger, wer weiß? „Amen“ heißt Deutschers letztes Lied, ein pathetischer Sprechgesang, der den Abtransport der Kränze aus der Kapelle untermalt. „Ich bin dafür, dass die Menschen endlich das Leben zulassen“, heißt es darin. Dann wird der Sarg zugeklappt.

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