Zeitung Heute : Am Ende ganz vorne

Sven Goldmann

Am heutigen Samstag spielt Deutschland gegen Portugal um Platz 3. Mit welcher Spielweise könnte das deutsche Team gewinnen?


Portugal – das sind Deco, Figo, Cristiano Ronaldo, begnadete Individualisten, die noch jedes Spiel geprägt haben. So weit die Legende. Die Wahrheit ist: Nur weil das defensive System der Portugiesen so gut funktioniert, können vorn die Künstler glänzen. Als die Portugiesen vor zwei Jahren daheim bei der Europameisterschaft erst im Finale gegen Griechenland verloren, waren die zentralen Figuren ihres Systems die Innenverteidiger Ricardo Carvalho und José Andrade.

Das ist bei der WM nicht anders, nur dass in Deutschland der Stuttgarter Fernando Meira den Platz des verletzten Andrade einnimmt. Bis zum Halbfinale kassierte die portugiesische Abwehr nur ein Gegentor, den Traum vom Finale beendete der Franzose Zinedine Zidane mit einem Elfmeter. Gegen Deutschland bricht die erfolgreiche Innenverteidigung nun auseinander. Ricardo Carvalho sah gegen Frankreich seine zweite gelbe Karte und ist damit automatisch gesperrt. Da sein Nebenmann Meira bisher stets den schwächeren Part gespielt hat, dürften die Portugiesen so verwundbar sein wie lange nicht mehr. Gefragt sind überraschende Pässe in die Tiefe, mit denen die Deutschen ihre Vorrundengegner und auch die Schweden im Viertelfinale so sehr überrascht haben. Einem Strafraumstürmer wie Miroslav Klose sollte die Konstellation einer nicht eingespielten gegnerischen Innenverteidigung entgegenkommen.

Vor der defensiven Viererkette verrichtet Maniche den laufintensiven Job, die Verdichtung des Mittelfeldes zu organisieren und die Flügelspieler Figo und Ronaldo mit Bällen zu versorgen. Wer Portugals Spiel die Kraft nehmen will, muss Maniche ausschalten. Der offensiver ausgerichtete Deco zählt dagegen bisher zu den Enttäuschungen des Turniers.

Auch von Figo war zuletzt wenig zu sehen. Der portugiesische Kapitän ist gut, wenn er Raum hat, auf den ersten fünf Metern ist er mit seiner Dribbelkunst und seinem Antritt immer noch einer der Besten der Welt. Körperlich betontes Spiel mag er dagegen überhaupt nicht. Das gilt auch für Ronaldo, dem der Effekt wichtiger ist als die Effizienz. Die Portugiesen haben in Achtel-, Viertel- und Halbfinale der WM gerade ein Tor geschossen, das Elfmeterschießen gegen England nicht mitgerechnet. Diese klägliche Ausbeute verantworten auch die Flügelstürmer Figo und Ronaldo, weil sie ihren Mittelstürmer Pauleta kaum in ihre Aktionen einbeziehen. Wenn Pauleta aus dem Spiel ist, tut sich nicht viel im portugiesischen Angriff.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben