Zeitung Heute : Am Ende – gerettet

Die Weltklimaberichte sagen der Erde eine düstere Zukunft voraus. Was haben solche Untergangsszenarien bisher gebracht?

Dagmar Dehmer

Der am Freitag beschlossene zweite Bericht des Weltklimarats (IPCC) liest sich in weiten Teilen wie eine Untergangsvision. Vielleicht kommt dieses Szenario aber gerade noch rechtzeitig. Horrorvisionen treffen zwar nicht mehr wie in den 80er Jahren das Lebensgefühl ganzer Generationen. Doch ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass düstere Szenarien oft eher zur Lösung von Umweltproblemen führen als rein rationale Ansätze. Es wäre deshalb an der Zeit, die Untergangsvisionen zu rehabilitieren.

Das Waldsterben: Schon in den 60er Jahren entdeckten Förster im mittleren Schwarzwald in der Nähe von Wolfach eine rätselhafte Tannenkrankheit. Doch es sollte noch bis in die frühen 80er Jahre dauern, bis sich die Wissenschaft einig war, dass das Waldsterben eine Folge der Luftverschmutzung war. Inzwischen waren neben den Tannen auch die Fichten erkrankt. Die Aufregung war groß. Und sie hatte Folgen.

Die Bundesimmissionsschutzverordnung (BIMschV) hat den deutschen Wald vor einem großflächigen Absterben bewahrt. Die Industrie musste ihre Fabriken mit Rauchgasentschwefelungsanlagen ausrüsten, der Anteil an Schwefeldioxid in der Luft und damit an „saurem Regen“ nahm dramatisch ab. Nachdem die schmutzige Industrie in der Tschechischen Republik und der DDR zusammengebrochen war, besserte sich die Lage für den Wald weiter. Doch ohne die Prognose vom großflächigen Waldsterben wären die Auflagen für die Industrie nie durchsetzbar gewesen.

Trotz dieses Teilerfolgs ist der Wald noch nicht gerettet. Tatsächlich schadete ihm nicht nur eine Chemikalie. Ihm setzen auch andere Luftschadstoffe zu. Weitere Ursachen dafür, dass noch immer knapp zwei Drittel des Waldes krank sind, sind der versauernde Boden, Hitze, Borkenkäfer. Doch immerhin 35 Prozent des deutschen Waldes sind inzwischen naturnah gestaltet und damit stabiler.

Das Ozonloch: Anfang der 70er Jahre erkannten Forscher zum ersten Mal, dass das Ozon in den Luftschichten der Stratosphäre (oberhalb von zehn Kilometern) durch menschlichen Einfluss abgebaut wurde. Schon 1974 verstanden die ersten Wissenschaftler, dass die Fluor- Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW), die in Sprühdosen und als Kühlmittel in Kühlschränken eingesetzt wurden, Ozon abbauten. Es sollte allerdings noch bis 1984 dauern, bis sich die Forscher einig darüber waren, dass es Ozonlöcher gibt. Dann ging alles ganz schnell. Unter der Leitung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) wurde schon drei Jahre später das Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht vereinbart, und knapp zehn Jahre später drastisch verschärft. Seither erholt sich die Ozonschicht langsam. Bis Mitte dieses Jahrhunderts hoffen die Forscher, werden sich die Ozonlöcher schließen. Dieser Erfolg wäre kaum möglich gewesen, hätte es nicht zeitgleich eine Vielzahl von Studien gegeben, die eine dramatische Zunahme von Hautkrebsfällen, vor allem in Australien, prognostizierten.

Giftige Chemikalien: Das Aussterben der Adler und anderer Raubvögel war einer der Gründe für das Verbot des Insektizids DDT in Industrieländern. Mit der Stockholmer Konvention aus dem Jahr 2001 sollen diese Chemikalie und elf weitere Gifte, das „dreckige Dutzend“, aus der Produktion verschwinden. Damit knüpft die Welt an den Erfolg des Basler Übereinkommens über die Kontrolle von Giftmülltransporten an. Beide Themen haben ausreichend Emotionen geweckt, weil die Gesundheit armer Bauern in Entwicklungsländern überproportional gefährdet war. Zum anderen wirkte das Verschwinden der Greifvögel alarmierend genug, um zumindest eine großflächige Anwendung von DDT zu beenden. Um die Gefahren von Chemikalien auf die Gesundheit und die Umwelt zu überwinden, wird es allerdings noch weitere Horrorszenarien brauchen. Noch immer ist eine Vielzahl sehr gesundheitsgefährdender Chemikalien auf dem Markt, viele gefährden die Fortpflanzungsfähigkeit der Menschen.

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