Zeitung Heute : Am Freitag werden im Sony Center die Sieger eines Internet-Filmfestes ausgezeichnet

Torsten Hampel

Das Internet ist unsere Zukunft. Der Satz ist abgedroschen, was nichts daran ändert, dass er jeden Tag aufs Neue im Umlauf ist. Jeder führt ihn im Mund. Bei der Nachfrage, was denn nun genau sie damit meinen, heben sie oft die Schultern. Die Zukunft eben, und die wird gut. Nun hat den Satz mit dem Internet und der schönen Zukunft aber auch der amerikanische Filmemacher David Lynch gesagt. Das ist verdächtig, gilt Lynch doch als einer, der in seinen Filmen das Monströse hinter den Idyllen sucht und es auch findet: Die Sonne scheint, Singvögel zwitschern, und plötzlich liegt irgendwo ein abgeschnittenes Ohr im Gras und das Grauen beginnt.

Exklusiv im Internet

Der Filmemacher David Lynch hat also gesagt, dass das Internet unsere Zukunft sei und meinte damit erst einmal nichts anderes als die Politiker. Wahrscheinlich. Zumindest ist das Internet ein Teil seiner Zukunft als Filmemacher, denn der Satz fiel anlässlich einer Vertragsunterzeichnung mit dem amerikanischen Internet-Unterhaltungskanal www.shockwave.com. Lynch wird eine Trickfilmserie entwickeln, die ab Sommer exklusiv dort laufen wird. Und auch der Regisseur Tim Burton, zuletzt mit dem Gruselfilm "Sleepy Hollow" in den deutschen Kinos, hat mit Shockwave eine Vereinbarung über die Produktion einer Animations-Serie geschlossen.

Die beiden sind die derzeit prominentesten Filmemacher, die exklusiv für das Internet arbeiten wollen. Und auch Hollywoods major companies, die großen Filmstudios, kaufen sich in Film-Websites ein. "Reelshort.com ist von Universal übernommen worden", sagt Paul Poet. Der Mann mit dem Sinn für lustige Namen ist der Leiter eines Independent-Filmfestivals im Internet, des "First European Internet Film Award 2000".

Preisverleihung im Sony Center

Auf einer Gala heute Abend im Kino Cinestar am Potsdamer Platz werden die Wettbewerbs-Gewinner bekannt gegeben. Rund 100 Kurzfilme wurden eingesandt, alle sind vom Wiener Internet-Fernsehsender Webfree-TV.com seit Ende Februar wochenlang ins Netz gestellt worden und das Publikum, also die Seiten-Besucher, konnten ihre Wertung abgeben. Um Manipulationen auszuschließen, musste jeder Juror seine E-Mail-Adresse hinterlassen. Wer zweimal oder öfter wertete, dessen vorhergehendes voting wurde überschrieben. Wie viele Menschen sich die Filme anschauten und anschließend Jury spielten, ist bis jetzt nicht ermittelt, Webfree-TV zufolge waren es über 10 000.

Marko Doringer ist mit "Circulation" beim Wettbewerb dabei, einem dokumentarischen Film mit Straßenszenen aus Mexiko City, London und Wien von über acht Minuten Länge. In den letzten Tagen konnte man ihn leider nicht komplett anschauen. Der überforderte Webfree-TV-Server sorgte dafür, dass nach etwa zwei Minuten Schluss war. Dennoch ist der ernsthafte junge Mann zuversichtlich, im Wettbewerb vorn dabei zu sein.

Der Geist von Webfree-TV

Warum findet die Gala eigentlich in Berlin statt und nicht daheim in Wien? "Weil wir in ein paar Wochen hier im Sony Center ein Studio eröffnen werden", sagt Roman Padiwy, Chef von Webfree-TV. Darauf will er aufmerksam machen. Und auf seine Idee, den "Spirit" vom Internet Film Award. "Jedem, der Filme sieht, soll vermittelt werden, dass seine Meinung gefragt ist", sagt Padiwy. Aber wer schaut schon 100 Kurzfilme? Hier sollen Werbefilme produziert werden und in den Zeiten, in denen das Studio nicht dafür gebraucht wird, sollen unabhängige Filmemacher die Ausrüstung kostenlos benutzen können. Padiwy wird Videokabinen einrichten, die Zuschauer können sich Filme anschauen und ihre Kommentare dazu abgeben. Sein Ziel ist es, Webfree-TV zum größten Video-on-demand-Anbieter, dem größten Kanal für jederzeit abrufbare Videofilme in Europa zu machen. "Das digitale Video wird immer besser und billiger", sagt Padiwy, "und so ist das Filme machen immer weniger ein Problem der Ressourcen". Das Problem ist die Präsentation im größeren Rahmen vor Publikum. Die etablierten Plattformen wie Fernsehsender und Kino-Ketten blieben für die unabhängigen Filmemacher meist verschlossen.

Bis zum Jahresende soll es allein in den Vereinigten Staaten fünf Kurzfilm-Festivals im Internet geben, unter anderen das "Leo-fest" mit Leonardo DiCaprio als Zugpferd.Filme und Festivals im Internet unter

www.reelshort.com

www.film.com

www.ifilm.com

www.leofest.com

www.webfreetv.com

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