Zeitung Heute : Am Gesundheitswesen zweifeln

Wie eine Neu-Berlinerin diese Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

Dass der Sohn eines Schriftstellers, der ein schönes Buch über eine Ärztin geschrieben hat, Arzt wird und in seiner Freizeit schöne Geschichten schreibt, fand ich toll. Ich saß im Kaffee Burger. Dort wollten der schreibende Arzt und andere Autoren ihre Geschichten vorlesen. Bevor es losging, sprach der schreibende Arzt ein paar einleitende Worte, zu denen auch eine kurze Beschimpfung der Krankenkassen gehörte. Die seien am Desaster in der Gesundheitspolitik schuld, die seien überflüssig, die verwalteten nur sich selbst, und zwar auf hohem Niveau. Eine Luxus-ABM für Großverdiener und überhaupt. Für einen Vorleseabend fand ich das zu politisch, aber es erinnerte mich an meinen Arzttermin am nächsten Tag.

Ich ging zu einem Allgemeinmediziner, ein Augenarzt hatte mich dorthin geschickt. Der hatte bei einer Routineuntersuchung einen Schatten auf meiner Linse festgestellt. Ich sollte mal die Schilddrüse untersuchen lassen, hatte der Augenarzt mir geraten. In der Praxis des Allgemeinmediziners erhielt ich die frohe Nachricht, dass man nur kurz Blut abnehmen werde. Ich gab meine Krankenkassenkarte ab. Auf der ist meine alte Hamburger Adresse gespeichert, mit meiner neuen Berliner Postleitzahl. Ich dachte an den dichtenden Arzt und seine bösen Worte über die Kassen.

Mein neuer Arzt war ein großer, schwerer Mann, der schnaufte und humpelte, und das Blut nahm er einem gleich neben dem Empfangstresen ab. Vorher schmiss er eine Tüte voller Kanülen auf den Boden und hob sie japsend wieder auf, während ich wie angemeißelt auf meinem Blutabnahmestuhl saß. Hätte ich helfen sollen? Zwei Ampullen zapfte er mir ab, beschriftete sie, packte eine in den Kühlschrank, die andere ließ er fallen. Oh Gott, dachte ich, was für ein Tollpatsch. Da drehte er sich um und kam mit einer neuen, kleineren Spritze auf mich zu und sagte: „Dann wollen wir mal die Grippeimpfung machen.“ – „Hat das mit Schilddrüse zu tun?“ fragte ich. „Natürlich nicht“, sagte er. Ob ich denn schon eine Grippeimpfung hätte. „Nein“, sagte ich. „Dann machen wir jetzt eine“, sagte er. „Neiiiinn“, sagte ich da recht schrill. Eine Frau am Empfangstresen mischte sich ein. Ich solle mich nicht so anstellen, sagte sie: „Ist doch nur ein kleiner Piekser.“ Nein, ich blieb hart. Keine Grippeimpfung, ich bekomme nie eine Grippe, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern. „Nun gut“, konterte der Arzt, „dann machen wir jetzt einen Allergietest.“ – „Braucht man denn das zur Schilddrüsenuntersuchung?“ „Natürlich nicht“, sagte der Arzt, guckte enttäuscht und packte sein Allergietest-Set wieder ein.

Ich dachte wieder an den schreibenden Arzt. Ob er die Verantwortung der Krankenkassen für das Desaster im Gesundheitswesen nicht total überbewertet?

Vorgelesene Geschichten gibt es immer wieder sonntags im Kaffee Burger auf der „Reformbühne Heim und Welt“ mit anschließender Disko (Torstraße 60). Der schreibende Arzt heißt Jakob Hein. Seine Erzählungen sind unter anderem in dem Buch „Mein erstes T-Shirt“ (Piper Verlag, 12 Euro) gesammelt, der Vater heißt Christoph Hein und sein Ärztin-Buch heißt „Der fremde Freund“ (Suhrkamp, 7,50 Euro) .

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