Zeitung Heute : Am Kern vorbei

Anselm Waldermann

Die Bundesregierung will bis 2007 ein nationales Energiekonzept erarbeiten, um Deutschland unabhängiger von Importen zu machen. Wie soll dieses Ziel erreicht werden?


In kaum einem Wirtschaftszweig ist Deutschland so sehr von Importen abhängig wie in der Energiebranche: 62 Prozent der hier verbrauchten Energie stammen aus dem Ausland. Besonders hoch ist die Importquote bei Uran mit 100 Prozent und bei Mineralöl mit 97 Prozent; bei Gas sind es 85 Prozent und bei Steinkohle 60 Prozent. Nur bei Braunkohle und den erneuerbaren Energien ist die deutsche Versorgung unabhängig.

An sich sind die hohen Einfuhren kein Problem. So beziehen die deutschen Versorger zumindest Uran und Steinkohle aus sicheren Lieferländern wie zum Beispiel Kanada oder Polen. Schwierig wird es jedoch, wenn einzelne Produzentenländer eine beherrschende Stellung einnehmen. Das gilt vor allem für Russland, woher Deutschland 30 Prozent seines Mineralöls und sogar 40 Prozent seines Gases bezieht. Wie gefährlich das werden kann, hat der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine im Januar bewiesen.

Daher waren sich die Teilnehmer des Energiegipfels in einem Punkt schnell einig: Die Importabhängigkeit der deutschen Energieversorgung muss vermindert werden. Umstritten ist allerdings der Weg dahin. So setzen die Union und die Konzerne vor allem auf die Kernenergie: Uran brauche man nur in geringen Mengen, und die Lieferanten seien zuverlässige Verbündete, heißt es. Allerdings hat diese Argumentation einen Haken. So lässt sich die Kernkraft nur für eine einzige Energieform nutzen: für Strom. Doch ausgerechnet hier ist das Problem der Importabhängigkeit am geringsten. Denn durch den hohen Anteil der Kohle von 50 Prozent und der erneuerbaren Energien von zehn Prozent ist die deutsche Stromversorgung gegen internationale Krisen relativ gut gewappnet.

Ganz anders sieht es auf dem Markt für Heizwärme und im Verkehrssektor aus. Hier spielt die Kernkraft keine Rolle – einfach deshalb, weil man mit Uran kein Haus heizen und kein Auto betanken kann. Stattdessen basieren beide Märkte fast ausschließlich auf Öl und Gas – und sind damit besonders abhängig von Importen. Welches Risiko damit verbunden ist, zeigte sich im vergangenen Jahr: Wegen des hohen Ölpreises stieg die Importrechnung von 25 auf 35 Milliarden Euro.

Wer sich von unsicheren Lieferländern unabhängig machen will, müsste also genau hier ansetzen. Doch das ist auf dem Energiegipfel offenbar nicht geschehen: Teilnehmern zufolge drehte sich das Gespräch vor allem um den Strommarkt. „Die Strategie weg vom Öl wird so nicht gelingen“, sagt Milan Nitzschke vom Bundesverband Erneuerbare Energien. Dabei gebe es auch im Wärmemarkt und im Verkehrssektor heimische Alternativen wie Solarkollektoren oder Biokraftstoffe.

Nur reicht das allein nicht. Stephan Kohler von der Deutschen Energieagentur setzt daher auf Energieeffizienz: „Wenn wir Energie besser nutzen, lassen sich bis 2020 rund 25 Prozent einsparen, das ist der beste Weg zu weniger Importen.“

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