Am Kneipentisch : Jedem sein Zipperlein

Gott ja, worüber unterhält man sich im Freundeskreis, am Kneipentisch. Fußball, Politik, das geht all die Jahre. Es mag auch noch das ein oder andere Thema dabei sein, in Männerrunden ist das klar, in Frauenrunden auch, nur umgekehrt. Aber das ist irrelevant, entscheidend ist, dass man irgendwann am Tisch sitzt. Und dann nimmt man plötzlich wahr: Der Gert hat was am Auge, Monika schmerzt der linke Arm, die Arme muss mal wieder Manschette tragen, Norberts Bandscheibe macht Schwierigkeiten, Kurt und Jürgen hat es sehr übel erwischt, Lisa kämpft gegen ihre Arthrose, Jens muss unters Messer, irgendeine Talgablagerung muss raus, bei Claudia auch. Zipperlein. Plötzlich hat jeder sein Zipperlein, der eine mehr, die andere weniger. Fällt das Verlesen der Krankheitsakte am Kneipentisch schon unter betreutes Trinken?

Der Mann, Mittfünfziger, hat auch Zipperlein. Er hat Haar (weitflächige Geheimratsecken), Auge (Brillenträger), dazu Rücken (das kommt von der Haltung beim Kolumnenschreiben am Computer) und Knie (das kommt vom Überdie-Berge-Laufen, da vergeht es dann, kommt aber in der Ebene wieder). Von inneren Organen soll nicht die Rede sein, also Lunge (vom Im-Freien-Rauchen) und Leber (vom Sich-schön-Trinken).

Eine Umfrage unter 511 Männern und Frauen über 50 Jahre hat jetzt ergeben, dass die schwere Kost ohnehin nicht das Thema im Freundeskreis und am Kneipentisch ist. Die Umfrage hat gezeigt, dass das Thema, über das diese Menschen am liebsten reden, der Bluthochdruck ist. 52 Prozent nämlich. Dass 29 Prozent am zweitliebsten über Hörschädigungen sprechen, mag so sein, muss aber nicht, weil die Umfrage von einem Hersteller für Hörimplantate in Auftrag gegeben wurde.

Weniger beliebt als Thema ist der Mundgeruch, den wollen nur vier Prozent besprechen. Das ist nur logisch, denkt der Mann mit Haar, Auge, Rücken und Knie, wenn man über Mundgeruch spricht, muss man den Mund aufmachen. Das kann bei einer flammenden Philippika gegen den Mundgeruch kontraproduktiv sein und auf den Redner zurückfallen. Und dass die Libido nur von drei Prozent in dieser Altersklasse angesprochen wird, hat möglicherweise damit zu tun, dass dieses Thema in dieser Altersklasse überschätzt ist, eher aber mit den Hörschädigungen, man hat also nicht richtig hingehört, als das Thema aufkam. So, denkt der Mann, Mitte fünfzig, Brillenträger undsoweiter, genug jetzt von Zipperlein. Ab zur Rückenmassage. Helmut Schümann

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