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Für den Probebetrieb des neuen Flughafens sollen bis zu 10 000 Komparsen verpflichtet werden – ein Drehbuch gibt es schon

Gepäck auf Kurzreise am Boden. Eine Gepäckförderanlage ist das Herz eines Flughafens. Diese kann stündlich bis zu 15 000 Koffer sortieren. Im Speicher – der auch für den komfortablen Vorabend-Check-in der Passagiere genutzt wird – können bis zu 1350 Koffer und Taschen aufbewahrt werden. Foto: Marion Schmieding / Alexander Obst / Berliner Flughäfen
Gepäck auf Kurzreise am Boden. Eine Gepäckförderanlage ist das Herz eines Flughafens. Diese kann stündlich bis zu 15 000 Koffer...

Ehe von hier aus auch nur eine Maschine startet, wird der Flughafen auf die Probe gestellt. Die ersten „Passagiere“ kommen bereits am 24. Januar 2012 zum Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“. Und zwar ohne Gepäck. Sie haben nämlich schon tausende Koffer in Berlin.

Seit Monaten wird der Testbetrieb vorbereitet. Ein Team sammelt bereits Gepäckstücke aller Größen und Formen für insgesamt etwa 10 000 Probepassagiere. So alltagsnah wie möglich soll der Flughafenbetrieb simuliert werden. Sechs Monate lang wird das dauern. Von Januar bis Mai sind auch die Komparsen aus der Region dabei. Außer einem warmen Händedruck gibt es ein Mittagessen, Kaffee und Tee. Und wem das nicht reicht, der bekommt dann auch noch ein Wasser. Gesucht werden Teilnehmer aus allen Bevölkerungsschichten – das Konzept sieht einen „demografischen Querschnitt“ vor.

Ebenso vielfältig sollen die Szenarien sein, die die Planungsingenieure durchspielen wollen: Was tun, wenn am Terminal eine verdächtige Tasche gefunden wird? Wie reagieren, wenn bei einer Hochschwangeren kurz vor Abflug die Wehen einsetzen? Was tun bei einem Unfall? Für jeden einzelnen Probetag wird ein exaktes Drehbuch erstellt.

Von der Abfertigung an einem der 112 Check-in-Schaltern über die Sicherheitskontrolle bis zum Besteigen des Fliegers: Alle Etappen des Flugbetriebs werden vor der Eröffnung des Airports durchgespielt. Nur – am Ende eines Testlaufs wird nie ein Flugzeug abheben. Allerdings werden echte Jets in die Szenarien einbezogen. Und:  Die „Passagiere“ besteigen am Gate einen Bus, mit dem sie eine Runde drehen. Um schließlich wieder an einem Flugsteig anzukommen. Dort sollen sie dann dem Pfeil „Ankunft“ in die Gepäckausgabehalle folgen. Haben sie am Ende den von ihnen aufgegebenen Probekoffer wieder in der Hand, ist alles gut. Wenn nicht, werden die Mitarbeiter des Testteams sorgfältig notieren, wann es woran gehakt hat. Auf 20 „Passagiere“ kommt eine Aufsichtsperson.

Zwei Testtage sind wöchentlich vorgesehen: dienstags und donnerstags. Auf jeden Übungstag wird prompt die Analyse folgen. Fehler sollen bis zum nächsten Versuch behoben werden. Vom Check-in bis zum Sortierrundlauf soll das Gepäck durchschnittlich drei bis vier Minuten unterwegs sein. So weit jedenfalls die Theorie. Auch nachts soll geübt werden – um den Nachtflugbetrieb zu simulieren. Evakuierungsübungen, Entführungen und Unfälle spielen auch eine Rolle. Der Probebetrieb wird schrittweise aufgebaut. Damit steigt auch die Zahl der Testpersonen.

Von Januar an werden zunächst etwa 200 Komparsen pro Übungseinheit benötigt. An vier Tagen soll es später dann mit zirka 2000 „Passagieren“ auch richtig ernst, also hektisch werden. Vier Stunden dauert jeder Einsatz. Jeder Komparse kann an zwei Durchgängen teilnehmen.

Im Mittelpunkt der Tests steht das Gepäcksystem. Komparsen werden dort ihr zur Verfügung gestelltes Gepäck aufgeben – Techniker prüfen, ob jeder Koffer wie geplant vollständig automatisch den Weg durch die beiden 500 Meter langen sogenannten Sorter mit jeweils 400 Gepäckschalen zum richtigen Transportfahrzeug findet. Die Bundespolizei prüft dabei ihr dreistufiges Sicherheitssystem. Jeder Koffer wird geröntgt. Gegen Ende der Testphase – der 30. Mai markiert den Stichtag – sollen dann alle Gepäckförderbänder warmgelaufen sein. Insgesamt sind acht Ankunftsrundläufe vorgesehen. Es gibt zwei unabhängige Systeme mit einer Leistung von je 5000 Gepäckstücken pro Stunde, die durch Doppelbelegung maximal 15000 Koffer pro Stunde sortieren können – ohne, dass etwas durcheinander gerät.

In London übrigens waren einst Schwierigkeiten mit der Gepäckaufgabe während der Generalprobe kein gutes Omen: Bei der Premiere des Terminals 5 im Frühjahr 2008 streikte die nagelneue Gepäcksortieranlage tatsächlich. In der Folge mussten Hunderte Flüge gestrichen werden. Auch Tage später noch hatten 15000 Passagiere einen Koffer in London. Nach allem was vom Hauptstadt-Airport zu hören ist, wird sich BBI besser sortieren.

Anmeldung als Komparse für den Probebetrieb: vom 26. Juni an im Internet unter www.berlin-airport.de oder in der „airportworld bbi“ am Flughafen Schönefeld. Teilnehmer müssen 18 Jahre oder älter sein und Deutsch sprechen können.

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